Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

Nur den ortsunkundigen fremden Besucher 
mag’s auf einem nächtlichen St.-Pauli-Bum- 
mel in die Wohlwillstraße verschlagen. Denn 
einladend wirken die öden Fronten der fünfge- 
schossigen Mietskasernen nicht gerade, und 
der aus Kellerkneipen in die Straße dringende 
Lärm kann auswärtige Spaziergänger kaum 
zum Eintritt animieren. Den Blick aber, der 
wie aus Versehen die hohen Häuserwände 
hinaufgleitet, vermögen die billig und phanta- 
sielos nach gründerzeitlichem Strickmuster 
mit schmalen Gesimsen und flachem Zierrat 
beklebten historistischen Fassaden nur einen 
Augenblick lang zu fesseln - dann wendet sich 
der Gast mit Grausen: „Hamburg ist ...“ - die 
Hamburg-Werbung verfängt hier nicht. 
Selbst alternative Reize lassen sich dieser 
Ecke kaum abgewinnen - auch nicht bei Tag. 
Der unter dem Mantel der Nacht drohend wir- 
kende schwarze Koloß entpuppt sich bei Licht 
besehen als trister Backsteinrohbau, fremd 
und befremdend zwischen die angrenzenden 
Putzbauten geschoben. Wandvorlagen und 
die unter einem kleinen Zwerchgiebel abge- 
setzten Treppenhäuser gliedern die Backstein- 
front des Wohngebäudes in einem strengen 
vertikalen Rhythmus. Assoziationen an die 
neugotische Backsteinarchitektur der Ham- 
burger Speicherstadt stellen sich ein. Und bei 
genauerem Hinsehen läßt sich unter der 
dunkelgrauen Schmutzschicht auch die orna- 
mentale Wirkung leicht variierter Mauerver- 
bände und unterschiedlich getönter Ziegelstei- 
ne wiederentdecken. 
Über den beiden nach der Jahrhundertwen- 
de mit flachen Jugendstilornamenten ge- 
schmückten Hofeinfahrten grüßen Schriftfel- 
der den MNähertretenden: „Jägerpassage“. 
Dennoch kostet es schon etwas Überwindung, 
durch einen der dunklen Torwege über den 
von überfüllten Müllcontainern wieder ausge- 
spuckten Unrat hinweg den Zutritt auf den 
schmalen gepflasterten Hinterhof zu wagen. 
Wie aus einer Schlucht steigen rechts und links 
die quer zur Straße angelegten Hinterwohn- 
häuser empor, fünfgeschossig wie die Vorder- 
gebäude, aber karger, ja ärmlich in ihrer 
äußeren Erscheinung. Die von Norden nach 
Süden eng hintereinander gestaffelten, beson- 
nungstechnisch ungünstig orientierten Häu- 
serzeilen rufen die wohnungsreformerische 
Faustregel vom Arzt, der dorthin kommen 
muß, wo die Sonne nicht mehr hinkam, in 
Erinnerung. 
Von der Entstehung schlechter Adressen mit 
wohlklingendem Namen 
Von dem Glanz der gegen Wind und Regen ge- 
schützten, lichtdurchfluteten Einkaufspassa- 
gen, wie sie Hamburgs Innenstadt heute 
durchziehen, und von der Faszination die der 
im 19. Jahrhundert aufkommende Bautyp der 
glasgedeckten Verbindungsgänge zwischen 
den Straßenräumen ausstrahlt(e), ist in der 
Jägerpassage nichts zu spüren: und die in der 
Hansestadt für die im rechten Winkel zur 
Straßenfront angelegten Hinterhäuser ge- 
bräuchliche Bezeichnung ’Terrasse’, die das 
zweite Hamburger Baupolizeigesetz von 1882 
neben der Bezeichnung Passage’ für Wohnge- 
bäude an Innenhöfen anführte - „um einer 
Sache von geringem Ansehen einen, wenn 
auch unpassenden, so doch wohlklingenden 
Namen zu geben“! -, könnte auswärtige Besu- 
cher eher darüber hinwegtäuschen, daß hinter 
den an das Vorbild europäischer Metroplen 
erinnernden Bezeichnungen Terrassen’ (vgl. 
engl. ’”Terraced Houses’, ’Terraces’) und 
’Passagen’ (vgl. frz. ’Passage ouvert /couvert’) 
sich in der Hansestadt in der Regel die 
’schlechten Adressen’ der Wohnquartiere der 
Unterschichten verbergen. 
Tatsächlich vermitteln die Massenwohnan- 
lagen in den Hinterhöfen der Stadterwei- 
terungsgebiete der 2. Hälfte des 19. Jahrhun- 
Jän” 
ung, 185‘ 
Hudtwalcker 
Sendschreiben an einen auswärtigen 
Freund über den bevorstehenden Abbruch 
der Jägerpassage 
derts heute noch historisch und räumlich als 
'Zwischenring’ von dem zur City umgestalte- 
ten Kern der vorindustriellen Alt- und Neu- 
stadt innerhalb des Wallrings und den Back- 
steingroßsiedlungen der Schumacher-Ära aus 
der Zwischenkriegszeit, die sich wie ein 
„Gürtel um Hamburgs alten Leib“ (Schu- 
macher) spannen?. Hinter teilweise mit einfa- 
chen Schmuckmotiven aufgewerteten Torwe- 
gen finden sich ringsum Alster und Innenstadt 
allenthalben die kammartig zur Straße ange- 
ordneten, überwiegend dreigeschossigen Hin- 
terhauszeilen, die bis heute ein hamburgtypi- 
sches Strukturmerkmal gründerzeitlicher 
Stadterweiterungsgebiete darstellen. Wenn 
der Terrassengürtel zwischen St. Pauli-Nord, 
Eppendorf, Winterhude, Barmbek, St. Georg, 
Borgfelde und Hammerbrook mittlerweile 
stark ausgedünnt erscheint, dann nicht nur 
aufgrund der Kriegsfolgen, denen etwa im Ar- 
beitervorort Barmbek das ’Musikerviertel’ im 
Bereich Schumannstraße und Beethovenstra- 
ße zum Opfer fiel, oder als Ergebnis großange- 
legter Sanierungs- und Entdeckungsprojekte 
der letzten Jahre, sondern auch weil eine von 
gleichermaßen interessierter wie mächtiger 
Seite bestimmte Baugesetzgebung schon früh 
Hinterwohnhöfe für ausgewählte Villen- und 
Landhausgebiete wie Harvestehude-Rother- 
baum „zum Schutz unserer Villen und 
Gärten“ untersagte. 
Wie die ärmere Menschengattung in Ham- 
burg wohnte und wie sie wohnen sollte und 
wie darüber und damit spekuliert wurde 
Hauptkennzeichen der Bebauungs- und 
Grundstücksstruktur der streifenförmig mit 
Terrassen hinterbauten Straßenrandbebau- 
ung in den Arbeiterwohnquartieren des In- 
dustriezeitalters prägten jedoch bereits die 
Wohnviertel der Stadtarmut im vorindustriel- 
len Hamburg?. Wohnunterkünfte städtischer 
Unterschichten waren häufig in Hintergebäu- 
den untergebracht, sei es in den langen 
schmalen Hofflügeln, die den Speicherbau am 
Kanal (Fleet) mit dem Hauptgebäude an der 
Straße beim alt-hamburgischen Kaufmanns- 
haus verbanden* oder sei es in den Klein- 
wohnungsreihenhäusern, die in der Blütezeit 
der Hansestadt unter dem Verdichtungsdruck 
des Wirtschafts- und Bevölkerungswachstums 
im 16. und 17. Jahrhundert zunehmend auf 
den tiefen, rückwärtigen Gartengrundstücken 
entstanden: „Diese Häuser auf den Höfen 
- Buden genannt - sind anfangs eingeschossig, 
werden jedoch bald zweigeschossig errichtet ... 
Die Buden schaffen für die ständig zunehmen- 
de Zahl der Besitzlosen weitere Wohngelegen- 
heit“5, Im ’Gängeviertel’ der im 17. Jahrhun- 
dert angelegten Neustadt konzentrierten sich 
in engen Gassen und Höfen die „niedrigsten 
Volks-Classen und ärmere Menschengattung“ 
rechts: Kramer Amtswohnungen 
unten: "Der Becker-Breiten-Gang zu dem Kamp hinaus, grade nach dem 
Dragonerstall hin. Er ist eine der besten Queer-Straßen in diesem Theil der 
Stadt” — aus: Heß, Hamburg topographisch, politisch und historisch be- 
schrieben, 2.Aufl.,1.Teil, Hbg., 1910
	        

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