Nur den ortsunkundigen fremden Besucher
mag’s auf einem nächtlichen St.-Pauli-Bummel
in die Wohlwillstraße verschlagen. Denn
einladend wirken die öden Fronten der fünfgeschossigen
Mietskasernen nicht gerade, und
der aus Kellerkneipen in die Straße dringende
Lärm kann auswärtige Spaziergänger kaum
zum Eintritt animieren. Den Blick aber, der
wie aus Versehen die hohen Häuserwände
hinaufgleitet, vermögen die billig und phantasielos
nach gründerzeitlichem Strickmuster
mit schmalen Gesimsen und flachem Zierrat
beklebten historistischen Fassaden nur einen
Augenblick lang zu fesseln - dann wendet sich
der Gast mit Grausen: „Hamburg ist ...“ - die
Hamburg-Werbung verfängt hier nicht.
Selbst alternative Reize lassen sich dieser
Ecke kaum abgewinnen - auch nicht bei Tag.
Der unter dem Mantel der Nacht drohend wirkende
schwarze Koloß entpuppt sich bei Licht
besehen als trister Backsteinrohbau, fremd
und befremdend zwischen die angrenzenden
Putzbauten geschoben. Wandvorlagen und
die unter einem kleinen Zwerchgiebel abgesetzten
Treppenhäuser gliedern die Backsteinfront
des Wohngebäudes in einem strengen
vertikalen Rhythmus. Assoziationen an die
neugotische Backsteinarchitektur der Hamburger
Speicherstadt stellen sich ein. Und bei
genauerem Hinsehen läßt sich unter der
dunkelgrauen Schmutzschicht auch die ornamentale
Wirkung leicht variierter Mauerverbände
und unterschiedlich getönter Ziegelsteine
wiederentdecken.
Über den beiden nach der Jahrhundertwende
mit flachen Jugendstilornamenten geschmückten
Hofeinfahrten grüßen Schriftfelder
den MNähertretenden: „Jägerpassage“.
Dennoch kostet es schon etwas Überwindung,
durch einen der dunklen Torwege über den
von überfüllten Müllcontainern wieder ausgespuckten
Unrat hinweg den Zutritt auf den
schmalen gepflasterten Hinterhof zu wagen.
Wie aus einer Schlucht steigen rechts und links
die quer zur Straße angelegten Hinterwohnhäuser
empor, fünfgeschossig wie die Vordergebäude,
aber karger, ja ärmlich in ihrer
äußeren Erscheinung. Die von Norden nach
Süden eng hintereinander gestaffelten, besonnungstechnisch
ungünstig orientierten Häuserzeilen
rufen die wohnungsreformerische
Faustregel vom Arzt, der dorthin kommen
muß, wo die Sonne nicht mehr hinkam, in
Erinnerung.
Von der Entstehung schlechter Adressen mit
wohlklingendem Namen
Von dem Glanz der gegen Wind und Regen geschützten,
lichtdurchfluteten Einkaufspassagen,
wie sie Hamburgs Innenstadt heute
durchziehen, und von der Faszination die der
im 19. Jahrhundert aufkommende Bautyp der
glasgedeckten Verbindungsgänge zwischen
den Straßenräumen ausstrahlt(e), ist in der
Jägerpassage nichts zu spüren: und die in der
Hansestadt für die im rechten Winkel zur
Straßenfront angelegten Hinterhäuser gebräuchliche
Bezeichnung ’Terrasse’, die das
zweite Hamburger Baupolizeigesetz von 1882
neben der Bezeichnung Passage’ für Wohngebäude
an Innenhöfen anführte - „um einer
Sache von geringem Ansehen einen, wenn
auch unpassenden, so doch wohlklingenden
Namen zu geben“! -, könnte auswärtige Besucher
eher darüber hinwegtäuschen, daß hinter
den an das Vorbild europäischer Metroplen
erinnernden Bezeichnungen Terrassen’ (vgl.
engl. ’”Terraced Houses’, ’Terraces’) und
’Passagen’ (vgl. frz. ’Passage ouvert /couvert’)
sich in der Hansestadt in der Regel die
’schlechten Adressen’ der Wohnquartiere der
Unterschichten verbergen.
Tatsächlich vermitteln die Massenwohnanlagen
in den Hinterhöfen der Stadterweiterungsgebiete
der 2. Hälfte des 19. Jahrhun-Jän”
ung, 185‘
Hudtwalcker
Sendschreiben an einen auswärtigen
Freund über den bevorstehenden Abbruch
der Jägerpassage
derts heute noch historisch und räumlich als
'Zwischenring’ von dem zur City umgestalteten
Kern der vorindustriellen Alt- und Neustadt
innerhalb des Wallrings und den Backsteingroßsiedlungen
der Schumacher-Ära aus
der Zwischenkriegszeit, die sich wie ein
„Gürtel um Hamburgs alten Leib“ (Schumacher)
spannen?. Hinter teilweise mit einfachen
Schmuckmotiven aufgewerteten Torwegen
finden sich ringsum Alster und Innenstadt
allenthalben die kammartig zur Straße angeordneten,
überwiegend dreigeschossigen Hinterhauszeilen,
die bis heute ein hamburgtypisches
Strukturmerkmal gründerzeitlicher
Stadterweiterungsgebiete darstellen. Wenn
der Terrassengürtel zwischen St. Pauli-Nord,
Eppendorf, Winterhude, Barmbek, St. Georg,
Borgfelde und Hammerbrook mittlerweile
stark ausgedünnt erscheint, dann nicht nur
aufgrund der Kriegsfolgen, denen etwa im Arbeitervorort
Barmbek das ’Musikerviertel’ im
Bereich Schumannstraße und Beethovenstraße
zum Opfer fiel, oder als Ergebnis großangelegter
Sanierungs- und Entdeckungsprojekte
der letzten Jahre, sondern auch weil eine von
gleichermaßen interessierter wie mächtiger
Seite bestimmte Baugesetzgebung schon früh
Hinterwohnhöfe für ausgewählte Villen- und
Landhausgebiete wie Harvestehude-Rotherbaum
„zum Schutz unserer Villen und
Gärten“ untersagte.
Wie die ärmere Menschengattung in Hamburg
wohnte und wie sie wohnen sollte und
wie darüber und damit spekuliert wurde
Hauptkennzeichen der Bebauungs- und
Grundstücksstruktur der streifenförmig mit
Terrassen hinterbauten Straßenrandbebauung
in den Arbeiterwohnquartieren des Industriezeitalters
prägten jedoch bereits die
Wohnviertel der Stadtarmut im vorindustriellen
Hamburg?. Wohnunterkünfte städtischer
Unterschichten waren häufig in Hintergebäuden
untergebracht, sei es in den langen
schmalen Hofflügeln, die den Speicherbau am
Kanal (Fleet) mit dem Hauptgebäude an der
Straße beim alt-hamburgischen Kaufmannshaus
verbanden* oder sei es in den Kleinwohnungsreihenhäusern,
die in der Blütezeit
der Hansestadt unter dem Verdichtungsdruck
des Wirtschafts- und Bevölkerungswachstums
im 16. und 17. Jahrhundert zunehmend auf
den tiefen, rückwärtigen Gartengrundstücken
entstanden: „Diese Häuser auf den Höfen
- Buden genannt - sind anfangs eingeschossig,
werden jedoch bald zweigeschossig errichtet ...
Die Buden schaffen für die ständig zunehmende
Zahl der Besitzlosen weitere Wohngelegenheit“5,
Im ’Gängeviertel’ der im 17. Jahrhundert
angelegten Neustadt konzentrierten sich
in engen Gassen und Höfen die „niedrigsten
Volks-Classen und ärmere Menschengattung“
rechts: Kramer Amtswohnungen
unten: "Der Becker-Breiten-Gang zu dem Kamp hinaus, grade nach dem
Dragonerstall hin. Er ist eine der besten Queer-Straßen in diesem Theil der
Stadt” — aus: Heß, Hamburg topographisch, politisch und historisch beschrieben,
2.Aufl.,1.Teil, Hbg., 1910