Vor zehn Jahren etwa tauchte das Phänomen
unvermittelt in einzelnen Ortsteilen des Ruhr-
gebiets auf: Die Stimmung südländischen
Männermüßiggangs ... in jenem Ladenlokal,
beispielsweise, das in Selbsthilfe von mehreren
Türken, die in Wohnheimen untergebracht
waren, angemietet worden war ... die Stim-
mung des „Türkischen Cafes“, Für Gelegen-
heit zum Kaffee- und Teekochen war gesorgt;
aus dem Sperrmüll der Wohnkolonie waren
die Sitzgelegenheiten organisiert. In scheinbar
endlose Gespräche verwickelt saßen nun die
türkischen Arbeiter, bis tief in die Nacht
oder tagsüber, je nach Schicht im Betrieb. Der
davor liegende Bürgersteig wurde automa-
tisch zum Orientierungs- und Treffpunkt für
die flanierenden Türken des gesamten Orts-
teils. Bei gutem Wetter wurden die Stühle
hinausgestellt. Die vorfahrenden Autos
herangewinkt und mit laufendem Motor die
türkischen Besitzer in ausschweifende Palaver
verwickelt.
Diese Männer-Selbstorganisation wirkte zu-
nächst auf uns wie eine bloße Reaktion auf die
Lebensbedingungen der ersten türkischen
Einwanderwelle. Aber nicht nur aus der iso-
lierten Situation heraus, so zeigt sich heute,
war die Entwicklung dieser reinen Männer-
treffs bedingt: Vielmehr entspricht es Elemen-
ten der türkisch-islamischen Kultur und deren
nach einer primären Geschlechtertrennung
konzipierten und tradierten Sozialorganisa-
tion. Die Armseligkeit dieser exotischen Män-
nertreffpunkte innerhalb der dadurch befrem-
deten und damit berührungslos verharren-
den Ruhrkultur war zwar ein durch den ersten
Emigrantenschub bedingte Qualität, nicht
aber die Inhalte dieser Selbstfindungsversu-
che. Diese resultierten vielmehr aus der Tradi-
tion der türkischen Männercafes, die in den
Wohngebieten des Ursprungslandes am Ein-
gang zu den nach dem Prinzip geschützter
Sackgassensysteme organisierten Wohngebie-
te liegen, und von denen aus sich die abge-
schlossenen Familiennachbarschaften - und
Planergruppe Oberhausen GmbH
Mit den Türken
kommen die Gärten
Frauengemeinschaften reguliert. Auch der be-
schriebene Männertreff im Ruhrgebiet war in
diesem Sinne eine Repräsentationszone, in
dem der Status der zugehörigen Familien fest-
gelegt wurde, die feine Aufmachung der Män-
ner, die gepflegte Präsentation der Autos spie-
gelten den neuen Reichtum ... nur daß das
Hinterland, auf die es sich bezog, einige tau-
send Kilometer entfernt lag. Und in dem
Maße, wie die soziale Sinnhaftigkeit, also die
Illusion der Nähe zu den türkischen Her-
kunftfamilien, zerbrach, ergaben sich die
Spannungen und Verwahrlosungssymptome.
Das Auseinanderreißen der Erwerbstätigen
von ihren türkischen Familien hatte nach kur-
zer Zeit Entwurzelungserscheinungen zufolge,
wogegen auch großzügige infrastrukturelle
Maßnahmen und türkenfreundliche Propa-
ganda keine Wirkung zeigten. Sowohl in
Deutschland wie in der Türkei drohten die
daraus resultierenden sozialen Krisen den
volkswirtschaftlichen Nutzen des türkisch-
deutschen Arbeiteraustausches infrage zu stel-
len. In bilateralen Staatsverträgen wurde die
Weiche zur Familienzusammenführung ge-
stellt. Nach und nach bestimmten nicht mehr
die Männerzusammenrottungen das Bild vom
türkischen Arbeiter im Ruhrgebiet, sondern
die bunten, kinderreichen,im „Gänsemarsch“
dem Ortsrand entlangziehenden vereinzelten
Türkenfamilien: Vorab der Vater, dahinter
seine Frau, einen Säugling auf dem Arm und
das Zweitjüngste an der Hand, dann die äl-
testen Söhne, aber erst in gehörigem Abstand
die Töchter, oft mit der Großmutter dabei und
als munteres Häuflein die Kleinkinder,
Harken, Bretter und Drähte als sichtbare Last
auf die Älteren verteilt. Sie waren unterwegs
zum türkischen Kleingarten.
In den Vororten der türkischen Großstädte
sind die alltäglichen Lebensressourcen für die
verarmten Neuansiedler aus dem landwirt-
schaftlich geprägten Hinterland nicht voror-
ganisiert. Die spontan angelegten Gemüsegär-
ten und die der Selbstversorgung dienende
Tierhaltung ohne privaten Weidegrund sind
dann Bestandteil der familiären Ernährungs-
grundlage. Diese „Slum-Gärten“ werden auch
deshalb mit minimalen ökonomischem Auf-
wand betrieben, weil ihr Standort ständig
durch andere (etablierte und administrativ
sanktionierte) Nutzungen bedroht ist. Also
werden alte Zäune und Bretterverschläge zur
Grenzziehung verwendet und wird der Boden
so intensiv wie nur möglich ausgebeutet; an
Investition und Regeneration ist nicht zu
denken, wenn mit Gewißheit in ein paar Mo-
naten mit der Planierraupe zu rechnen ist.
Und bis ins Ruhrgebiet hinein setzt sich
diese Gartenkultur fort, welche ermöglicht, in
kompakter Anbauweise, eine Vielzahl von Le-
bensmitteln in einem möglichst kurzen Zeit-
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