Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

Vor zehn Jahren etwa tauchte das Phänomen 
unvermittelt in einzelnen Ortsteilen des Ruhr- 
gebiets auf: Die Stimmung südländischen 
Männermüßiggangs ... in jenem Ladenlokal, 
beispielsweise, das in Selbsthilfe von mehreren 
Türken, die in Wohnheimen untergebracht 
waren, angemietet worden war ... die Stim- 
mung des „Türkischen Cafes“, Für Gelegen- 
heit zum Kaffee- und Teekochen war gesorgt; 
aus dem Sperrmüll der Wohnkolonie waren 
die Sitzgelegenheiten organisiert. In scheinbar 
endlose Gespräche verwickelt saßen nun die 
türkischen Arbeiter, bis tief in die Nacht 
oder tagsüber, je nach Schicht im Betrieb. Der 
davor liegende Bürgersteig wurde automa- 
tisch zum Orientierungs- und Treffpunkt für 
die flanierenden Türken des gesamten Orts- 
teils. Bei gutem Wetter wurden die Stühle 
hinausgestellt. Die vorfahrenden Autos 
herangewinkt und mit laufendem Motor die 
türkischen Besitzer in ausschweifende Palaver 
verwickelt. 
Diese Männer-Selbstorganisation wirkte zu- 
nächst auf uns wie eine bloße Reaktion auf die 
Lebensbedingungen der ersten türkischen 
Einwanderwelle. Aber nicht nur aus der iso- 
lierten Situation heraus, so zeigt sich heute, 
war die Entwicklung dieser reinen Männer- 
treffs bedingt: Vielmehr entspricht es Elemen- 
ten der türkisch-islamischen Kultur und deren 
nach einer primären Geschlechtertrennung 
konzipierten und tradierten Sozialorganisa- 
tion. Die Armseligkeit dieser exotischen Män- 
nertreffpunkte innerhalb der dadurch befrem- 
deten und damit berührungslos verharren- 
den Ruhrkultur war zwar ein durch den ersten 
Emigrantenschub bedingte Qualität, nicht 
aber die Inhalte dieser Selbstfindungsversu- 
che. Diese resultierten vielmehr aus der Tradi- 
tion der türkischen Männercafes, die in den 
Wohngebieten des Ursprungslandes am Ein- 
gang zu den nach dem Prinzip geschützter 
Sackgassensysteme organisierten Wohngebie- 
te liegen, und von denen aus sich die abge- 
schlossenen Familiennachbarschaften - und 
Planergruppe Oberhausen GmbH 
Mit den Türken 
kommen die Gärten 
Frauengemeinschaften reguliert. Auch der be- 
schriebene Männertreff im Ruhrgebiet war in 
diesem Sinne eine Repräsentationszone, in 
dem der Status der zugehörigen Familien fest- 
gelegt wurde, die feine Aufmachung der Män- 
ner, die gepflegte Präsentation der Autos spie- 
gelten den neuen Reichtum ... nur daß das 
Hinterland, auf die es sich bezog, einige tau- 
send Kilometer entfernt lag. Und in dem 
Maße, wie die soziale Sinnhaftigkeit, also die 
Illusion der Nähe zu den türkischen Her- 
kunftfamilien, zerbrach, ergaben sich die 
Spannungen und Verwahrlosungssymptome. 
Das Auseinanderreißen der Erwerbstätigen 
von ihren türkischen Familien hatte nach kur- 
zer Zeit Entwurzelungserscheinungen zufolge, 
wogegen auch großzügige infrastrukturelle 
Maßnahmen und türkenfreundliche Propa- 
ganda keine Wirkung zeigten. Sowohl in 
Deutschland wie in der Türkei drohten die 
daraus resultierenden sozialen Krisen den 
volkswirtschaftlichen Nutzen des türkisch- 
deutschen Arbeiteraustausches infrage zu stel- 
len. In bilateralen Staatsverträgen wurde die 
Weiche zur Familienzusammenführung ge- 
stellt. Nach und nach bestimmten nicht mehr 
die Männerzusammenrottungen das Bild vom 
türkischen Arbeiter im Ruhrgebiet, sondern 
die bunten, kinderreichen,im „Gänsemarsch“ 
dem Ortsrand entlangziehenden vereinzelten 
Türkenfamilien: Vorab der Vater, dahinter 
seine Frau, einen Säugling auf dem Arm und 
das Zweitjüngste an der Hand, dann die äl- 
testen Söhne, aber erst in gehörigem Abstand 
die Töchter, oft mit der Großmutter dabei und 
als munteres Häuflein die Kleinkinder, 
Harken, Bretter und Drähte als sichtbare Last 
auf die Älteren verteilt. Sie waren unterwegs 
zum türkischen Kleingarten. 
In den Vororten der türkischen Großstädte 
sind die alltäglichen Lebensressourcen für die 
verarmten Neuansiedler aus dem landwirt- 
schaftlich geprägten Hinterland nicht voror- 
ganisiert. Die spontan angelegten Gemüsegär- 
ten und die der Selbstversorgung dienende 
Tierhaltung ohne privaten Weidegrund sind 
dann Bestandteil der familiären Ernährungs- 
grundlage. Diese „Slum-Gärten“ werden auch 
deshalb mit minimalen ökonomischem Auf- 
wand betrieben, weil ihr Standort ständig 
durch andere (etablierte und administrativ 
sanktionierte) Nutzungen bedroht ist. Also 
werden alte Zäune und Bretterverschläge zur 
Grenzziehung verwendet und wird der Boden 
so intensiv wie nur möglich ausgebeutet; an 
Investition und Regeneration ist nicht zu 
denken, wenn mit Gewißheit in ein paar Mo- 
naten mit der Planierraupe zu rechnen ist. 
Und bis ins Ruhrgebiet hinein setzt sich 
diese Gartenkultur fort, welche ermöglicht, in 
kompakter Anbauweise, eine Vielzahl von Le- 
bensmitteln in einem möglichst kurzen Zeit- 
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