Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

In der Vielfalt der Fäden, die zwischen 
Architektur und Krieg laufen, sind die 
verdeckten nicht minder wichtig als die offen 
zutage liegenden, aber wir diskutieren inzwi- 
schen unter Zeitdruck. Die Kriegsvorberei- 
tungen sind in vollem Gange, die zutagelie- 
genden Fäden sind die näherliegenden, aktuel- 
leren. Der Krieg ist ein mächtiger Arbeitgeber. 
Wer die Vorbereitungen überhaupt als Tat- 
sache akzeptiert und an sich heranläßt, was da 
passiert, der tut, was er tut, bereits heute unter 
Vorbehalt. Nicht nur, wer heute ein Haus zu 
planen oder zu bauen beginnt, kann nicht si- 
cher sein, die Schlüsselübergabe zu erle- 
ben - auch das Nachdenken hierüber und über 
die Verstrickung von Architektur und Kriegs- 
planung steht unter dem Zeitvorbehalt. Man 
braucht sich nicht darum zu streiten, ob das 
atomare Pulverfaß, auf dem wir Deutschen 
hocken, an seiner „friedlichen“ oder an seiner 
kriegerischen Seite Feuer fängt - im Effekt ist 
eine Bombe so gut wie ein AKW. Auch ob das 
aus Versehen oder als Angriffskrieg passiert, 
kann einem egal sein. Das wesentliche Fak- 
tum ist, daß die Stationierung der neuen Mit- 
telstreckenraketen im Herbst den Zeiger um 
die entscheidende Spanne vorrücken wird. 
Von da an ist alles möglich. Von da an ist mög- 
lich, daß es keine Architekten mehr in Europa 
geben wird und keine Architektur - einfach, 
weil es keine Menschen mehr geben wird und 
ein Wiederaufbau nicht stattfindet. 
Daß dieser Fall ab der Stationierung abseh- 
bar wird, setzt’eine Profitgrenze. Von bisheri- 
gen Kriegen haben die Architekten allemal 
noch profitiert - vorher, indem sie Kasernen, 
Festungen, Bunker entwarfen, nachher, in- 
dem sie freies Feld hatten, um die neuesten 
städtebaulichen Ideen zu verwirklichen und 
um Städte, Festungen, Schlösser neu zu er- 
richten. Vom nächsten Krieg ist immerhin ei- 
nes sicher: man wird nur am ersten Teil verdie- 
nen können, am Zivilschutz, am Bau militäri- 
scher Einrichtungen jeder Art, an der Re- 
gionalplanung für den Ernstfall. Der zweite 
Teil, der Wiederaufbau, wird entfallen. Er 
wäre der weitaus lukrativere. 
Die Vorbereitung ist nicht nur vom finan- 
ziellen Gesichtspunkt her mager. Selbst damit 
mag sich vielleicht der eine oder andere be- 
gnügen. Aber der springende Punkt ist, daß 
die Teilnahme an der Vorbereitung selber da- 
zu mithilft, daß es kein Nachher geben wird. 
Diesmal ist nämlich das Bunkerbauen und 
Schutzraumherstellen nicht deshalb Kriegs- 
vorbereitung, weil im nächsten Kriege der- 
gleichen gebraucht würde. So kurzsichtig sind 
die Politiker nicht. Im nächsten Kriege wer- 
den Bunker niemanden etwas nützen, auch 
den wenigen nicht, die möglicherweise bei auf 
Null geschrumpften Vorwarnzeiten doch noch 
hineinkommen. Das Bunkerbauen, soweit es 
nicht Baugeschäft in Krisenzeit ist, ist simple 
Innenpolitik: es soll beruhigen, es soll Überle- 
benschancen vortäuschen. wo keine sind. 
111 
Lassen wir den allzu offensichtlichen Faden 
des Geschäfts- und Bürointeresses fallen, es 
gibt andere Fäden, die mit einer weit schwieri- 
ger zu greifenden Macht Kriegsplanung und 
Architekten beisammenhalten. Näher dran 
am Subjekt der Architektur, an den Beweg- 
gründen des Entwerfens, ist der Wunsch nach 
Selbstverwirklichung. Dieser Wunsch kann 
merkwürdige Wege gehen. Wie wenig in den 
20er Jahren von dem, was gedacht und ge- 
plant wurde, verwirklicht werden konnte, das 
ist bekannt. Der NS reduzierte ab 1933 die 
Zunächst 
der Krieg Gottes 
oder 
der Untergang der Welt 
Möglichkeiten noch weiter, insbesondere 
durch Berufsverbot für die Vertreter des 
Neuen Bauens und alle die, die, wenn nicht 
stilistisch, dann allgemein politisch unlieb- 
sam waren. 1939 setzte die Kriegswirtschaft 
dem zivilen Bauen überhaupt ein Ende. Das 
alles weiß man. Man weiß auch, daß es vielen, 
die im NS-Staat proskribiert waren, gelang, in 
der Reichswehr unterzuschlüpfen. Und trotz- 
dem ist es ein Schock, wenn man dank dem 
Medium der Fotodokumentation einmal die 
Masse der Atlantikbunkerbauten gehäuft auf 
dem Tisch liegen sieht. Da haben, in den Ber- 
liner Büros der Organisation Todt, Architek- 
ten entworfen. Da ist sie, die ausgeschlossene 
Architektur. Das sind nicht einfach Bunker, in 
Serie nach rein militärischen Gesichtspunk- 
ten in die Dünen gesetzt. Das sind wiederer- 
kennbare Architekturen, Manifeste der Strö- 
mungen der 20er Jahre, Mendelssohn, Orga- 
nisches, Expressionisten bis Konservative. Da 
war das nicht Gebaute, in Bunkerform. 
Deutlicher kann man architektonische 
Selbstverwirklichung nicht antreffen. Was 
fürs Leben nicht möglich war, gut, das wurde 
eben für den Tod gebaut. So war es gebaut, 
war da, blieb nicht ungenutzt, unveröffent- 
licht, unverwirklicht im Entwerfer zurück. 
Unübersehbar ist aber auch, daß das eine 
vergangene Situation ist: Wäre im heutigen 
Milıtärmanagement dieser Spielraum über- 
haupt noch denkbar? In der Organisation 
Todt muß, wie überhaupt im NS, noch ein In- 
teresse am Erscheinen der Tödlichkeit militä- 
rischer Gewalt vorhanden gewesen sein, allein 
um dieses manifest überschüssige Asthetische 
zu dulden. Wenn man sich heutige Militäran- 
lagen anschaut, diese völlig insignifikanten 
Hütten, versteckten Eingänge, Hangars, de- 
nen gegenüber die Fünfziger-Jahre-Troddlig- 
keit des NATO-Hauptquartiers in Rheindah- 
len bei Mönchengladbach fast noch heraldisch 
wirkt, dann ist der Unterschied unüberseh- 
bar. Die moderne Tötungsmaschinerie zeigt 
sich nicht mehr. Was Militärs und Politiker an 
dieser Maschinerie so geil finden, ist besten- 
falls noch in den Raketen ausgedrückt (die 
aber erigiert ja nie zu sehen sind, sie werden 
liegend durch die deutsche Landschaft gefah- 
ren oder lagern in unterirdischen Verliesen), 
im Grunde liegt es.auf einer ganz anderen Ebe- 
ne, der des mathematischen Kalküls: so und so 
vielfacher overkill. Was bleibt da dem Archi- 
_Ibrecht Dürer, 
Dieter 
Krieg 
& 
tekten noch auszudrücken. Der uralte Vertrag 
zwischen Militär und Architektur ist aufge- 
kündigt. Und das ist gut so. Alle die, die im- 
mer nur über die Gesichtslosigkeit der „funk- 
tionalen“, der bloßen Containerarchitektur la- 
mentieren und dabei vergessen, die histori- 
sche Notwendigkeit mitzudenken, mit der die 
gesellschaftliche Symbolisierungskraft der 
Architektur unwiederbringlich den Fluß der 
Zeit hinabgegangen ist, sollten das stille Expe- 
riment im Kopf machen, ihr Lamento von den 
Kaufhäusern usw. abzulösen und auf die heute 
im Bau befindlichen militärischen Anlagen zu 
übertragen. Bleibt einem die Klage da nicht im 
Munde stecken? Wohlgemerkt, daß das Töten 
nicht mehr als solches architektonisch er- 
scheint, ist natürlich kein reiner Fortschritt, 
solange das Töten selbst weitergeht. Daß aber 
die Architektur aus dem Arsenal der Militär- 
politik ausgesondert wurde, daß man nur 
noch Ingenieurqualitäten braucht, Vorferti- 
gung, Spezialbeton, Hydraulik usw. - das zeigt 
zumindest eine tiefgreifende Veränderung im 
Verhältnis von Krieg und Architektur an, und 
mithin zwischen Krieg und Gesellschaft. Denn 
die Bildkraft der Architektur war nie neutral 
und beliebig. Der Krieg war der radikalste An- 
laß für Architektur. 
IV 
Ist also das Problem damit erledigt? Noch 
nicht ganz. Etwas ganz wesentliches muß jetzt 
erst erfolgen: die Verarbeitung dieser Kündi- 
gung. Die Kündigung impliziert einen doppel- 
ten Tatbestand: Es wird militärisch weiter ge- 
baut, und im Augenblick mehr als zuvor. aber 
14
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.