Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

raum ernten zu können. Auf Bewässerung und 
ähnlichen Komfort wird in diesen Gartenan- 
Jagen gar nicht erst spekuliert. Und daß die 
bollwerkähnliche Umzäunung aus Sperrmüll 
und anderen Gratisangeboten besorgt wird, ist 
angesichts der erfahrenen juristischen Unge- 
sichertheit wohl selbstverständlich. Argerlich 
auch für die Förster, die aus jener Tradition 
der Armut herausentwickelte Untugend, die 
Bohnenstangen ungefragt aus den Wäldern 
und Straßenböschungen herauszuschlagen 
(welches unregelmäßige Holzgewirr anderer- 
seits die Gartenanlagen aufs pittoreskeste 
prägt). 
Die türkischen Großfamilien wollen nicht 
recht in die Landschaft der Ruhrgebietsnorm- 
wohnungen hineinpassen: sie werden in Sa- 
nierungsgebiete und überkommene Wohnko- 
lonien vermittelt. Das hatte sein Gutes: Die äl- 
teren (amortisierten) Wohngegenden trans- 
portieren die komplexe Ruhrgeschichte, und 
diese Vielfalt schafft Nischen und reduziert die 
soziale Kontrolle. In Einübung der hiesigen 
Wohnkultur konnten durch die Türken 
Häuser verwohnt werden, türkische Lebens- 
spuren wurden nicht unmittelbar mit deut- 
schen Regreßforderungen überzogen. An- 
dererseits folgten Nachteile: die einzelnen Tür- 
kenfamilien vereinsamten in der unüberseh- 
bar offenen urbanen Struktur der Sanierungs- 
zonen. Die enge private türkische Wohnkultur 
fand im öffentlichen Raum keinerlei Entspre- 
chungen; im Gegensatz zum erwerbstätigen 
Familienvater und zu den Schulkindern wur- 
den die Frauen zu Gefangenen von Wohnzel- 
len im Labyrinth der Fremde. 
Hinterhöfe und Hausgärten wurden, soweit 
vorhanden, zum zentralen kommunikativen 
Lebensraum. Improvisierte Wäscheleinensys- 
teme legten sich wie Spinnennetze über den 
Hof zwischen den alten Stallungen und dem 
Hauseingang. Es wurde den Deutschen unge- 
mütlich. Das Gerücht verbreitete sich, die 
Türkenkinder hätten ins Wasserfaß im ver- 
wucherten Hintergarten geschissen. Die ein- 
heimischen Rentner zogen sich endgültig aus 
dem Wohnumfeld zurück. Einzelne Woh- 
nungen wurden von den Türken nebenamtlich 
als Koranschulen mitgenutzt; in Scharen 
strömten spätnachmittags die bekopftuchten 
Mädchen hinein. Die Anwohner meinten, die 
Verschwörung zum Zweck der Vertürkung 
des Ruhrgebiets mitanzusehen ... Flächensa- 
nierungen haben schon ihren Sinn! Und da- 
zu noch die oft auffällige Ästhetik der Türken- 
gärten, welche der ohnehin schlechten Adres- 
se dieser Quartiere endgültig den Stempel der 
Armut aufdrückte. 
Auch für den türkischen Familienvater ist 
es in der Regel die bedeutsamste persönliche 
Ehre, für seine Familienangehörigen ökono- 
misch und moralisch Sicherheit und Schutz zu 
garantieren. Diese Ehre ist verletzt, wenn er 
die Achtung der Familienangehörigen verliert 
oder er den Respekt als verantwortlicher Han- 
delnder nach außen nicht aufbringt. Daraus 
ergibt sich in der traditionellen türkisch-isla- 
mischen Familie eine rigidere Geschlechter- 
trennung, als es bei uns üblich ist. Alle öffent- 
lichen, religiösen und privaten Institutionen 
sind in männliche und weibliche Räume auf- 
geteilt. Im gesamten Alltag setzt sich die fami- 
liäre Hierarchie mit durch. Im türkischen 
Dorf beispielsweise, in dem der Hausgarten 
wie bei uns auch oft als „Frauenraum“ ange- 
sehen wird, sind also die Umzäunungen auch 
deshalb so hoch, damit familienfremde Män- 
ner keinen Einblick haben. (Bei strenger Wah- 
rung lokal-islamischer Normen großer türki- 
scher Regionen kann bereits ein Blickkontakt 
fremder Männer zur Ehefrau die Ehre der Fa- 
milie gefährden). Ist aber die Familie, im 
kontrollierbaren Feld des Familienvaters, so 
hat sie mehr Autonomie und Spielraum, als es 
bei uns üblich ist. In den - vor Fremdeinflüs- 
sen freigehaltenen - Nachbarschaften, Wasch- 
hausgemeinschaften und innerhalb der abge- 
grenzten Gartenkolonien und den in der türki- 
schen Stadt üblichen Sackgassen haben die 
Frauen und Kinder mehr Lebensraum, als dies 
hier üblich ist. Sie sind dort der Repräsenta- 
tionspflicht enthoben (und lächeln entspre- 
chend über den Putztick der deutschen Frau- 
en); sind persönlicher in ihren Meinungen 
(und verbitten sich statusbedingte Normen, 
welche den Kontakt mit den Nachbarsfrauen 
einschränkt); solange der Mann an den tradi- 
tionellen Werten festhält - was in der Fremde 
oft der einzige Schutz vor einem völligen Iden- 
titätsverfall darstellt - entspricht es dem In- 
teresse der Frauen, den Schutz der behüteten 
Frauennachbarschaften nicht zu verlassen. 
Da aber die Ruhrkultur nicht den Regeln 
der strikten Geschlechtertrennung entgegen 
kam, mußten sich primitive Formen be- 
schützter türkischer Nachbarschaften hier neu 
entwickeln; eine soziale Regression (kulturelle 
Rückentwicklung) setztz ein. So das verblüf- 
fende Phänomen, daß sich bei sonnigem 
Sommerwetter ein Treffpunkt von Türken- 
frauen und Kleinkindern auf einer Verkehrs- 
insel am Ende einer dicht befahrenen Auto- 
bahn herausbildete. Unvorstellbar, wie die 
überhaupt auf das Rondell gelangen konn- 
ten. Inmitten der Abgasschwaden stachen sie 
Löwenzahn und andere nützliche Kräuter aus 
dem Rasen, stillten ihre Kleinkinder, saßen 
einfach im Kreis auf dem Boden; die etwas 
größeren Kinder balgten sich unbeschwert 
hinter ihren Rücken. 
Offenbar, weil es im Kreisel kein Anhalten 
gab für die Verkehrsteilnehmer, und weil die 
vier Fahrspuren, welche die Rondelle vom 
Stadtalltag trennte, gab dieser skurille und un- 
Komfortable Aufenthaltsort den Frauen die 
Sicherheit, dort eine „defended neighbor- 
hood“ ihres kulturellen Anspruchniveaus ge- 
funden zu haben. Ungewohnter, demonstrativ 
fremdartiger, konnte sich die türkische 
Frauenkultur nicht einführen: Bald standen 
Schilder in türkisch, die das Betreten der Ver- 
kehrsinsel verboten. 
Der Versuch der Verkehrskreiselfrauen- 
gruppe, aufs Grün am Außenrand des Kreisels 
auszuweichen und dort Raum in Beschlag zu 
nehmen, scheiterte daran, daß zum einen 
gleichzeitig (respektive in zwiespältiger Ant- 
wort darauf) das Gartenamt eine spießige Ver- 
schönerungsaktion genau an der Stelle einlei- 
tete, zum anderen, weil durch die türkische 
Präsenz auf diese Nutzungsmöglichkeit erst 
aufmerksam gemacht, Motorfreaks ’Rider- 
treffs’ genau an der Stelle zu verabreden 
begannen. 
Es wirkte wie ein Exodus, wie die Frauen- 
gruppen mit ihren Kindern nun an der Park- 
seite, wiederum unmittelbar an der lästigen 
Durchfahrtsstraße, auftauchen: auf baumlo- 
sen Wiesenflächen, möglichst weit ab der Fuß- 
und Radwege, offenbar nur den Schutz vor 
Eindringlingen in ihr geschlossenes Nachbar- 
schaftsgefüge in der maximalen Offenheit und 
Unwirklichkeit suchend. Da aber auch dort 
die Parkwächter und andere einheimische 
Pfleger der Grünnutzung einschritten, zielten 
die Bewegungen der bunten Cliquen nun hin- 
ter den alten Bahndamm ins brachliegende 
Industrieerweiterungsgelände, womit sie sich 
dem Faustrecht der diffusen Nutzungsan- 
sprüche am Rand der kultivierten Stadtzonen 
auslieferten: Die auslaufenden Rassehunde 
der streunenden Besitzer _Sschnupperten 
schlappend an den Säuglingen; die Jugendli- 
chen legten ihr Steppenfeuer so, daß man im- 
mer wieder den Picknickstandort wechseln 
mußte; der nervös werdende Betriebsschutz 
veranlaßte täglich neue Instandsetzungsar- 
beiten in der seit Jahrzehnten vernachlässig- 
1”
	        

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