Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

ten, in großen Teilen weggerosteten Um- 
zäunung. 
Durch den mittlerweile massiven Zustrom 
türkischer Familienangehöriger entschärft 
sich nun die Schwierigkeit zur Bildung von 
Frauennachbarschaften insofern, als sich an 
einzelnen Wohnstandorten der Ausländeran- 
teil derart verdichten, daß sich in einzelnen 
Straßenzügen im unmittelbaren Umfeld ghet- 
toähnliche türkische Verhältnisse zu etablie- 
ren vermochten. Allerdings zu dem Preis, daß 
eine aktive Auseinandersetzung mit der Ruhr- 
gebietskultur dort einseitig und unkonstruk- 
tiv allein mit den deutschen Ordnungsbehör- 
den stattfindet 
Aspekte des türkischen Alltags 
Minderheiten, die für einen längeren Zeitraum 
in einer ihnen fremden Kultur leben, unterlie- 
gen einem sozialen Zuordnungsprozeß: Um in 
dem ihnen fremden Umfeld leben und arbeiten 
zu können, sind sie gezwungen, einen Teil der 
dort vorherrschenden Normen, Werte und 
Verhaltensweisen zu erlernen und zu prakti- 
zieren. Die Auswahl der Kulturelemente, die 
übernommen werden, die kulturelle „Sie- 
bung“ erfolgt im Falle der ausländischen Ar- 
beitskräfte nicht wahlfrei, sondern ist durch 
ein Machtgefälle zwischen der deutschen 
Mehrheitskultur und den jeweiligen Minder- 
heitskulturen gekennzeichnet. Auch das Phä- 
nomen der Türkengärten im Ruhrgebiet kann 
nur im Zusammenhang mit dem (in sich not- 
wendig widersprüchlichen) Akkulturations- 
und Siebungsprozeß sinnvoll ‚interpretiert 
werden. Um die Bedeutung und Funktion die- 
ser Gärten einschätzen zu können, werden im 
folgenden einige soziale Regeln der Raumauf- 
teilung und -nutzung im türkischen Dorf und 
in der Stadt skizziert: 
Grundsätzliches Merkmal der räumlichen 
Gliederung im türkischen Dorf ist die Tatsa- 
che!, daß zwischen ihr und der sozialen Orga- 
nisation eine sehr enge Beziehung besteht. 
Während die Raumaufteilung im mitteleuro- 
päischen Kulturkreis wesentlich entlang des 
Gegensatzpaares „öffentlich-privat“ struktu- 
riert werden kann, werden im türkischen Dorf 
die Regeln des sozialen Umgangs (die wieder- 
um Elemente der wirtschaftlich bedingten Ar- 
beitsteilung reflektieren) meist sehr streng auf 
räumliche Kontexte bezogen, „innen“ und 
„außen“?, Während das „innen“ im wesentli- 
chen das Haus sowie die direkt angrenzenden 
Stallungen und, sofern vorhanden, den Haus- 
garten umfaßt, kann der gesamte außerhäusli- 
che Raum ohne zusätzliche Differenzierungen 
als „außen“ angesehen werden. Das Haus ist 
für die Frauen Zentrum ihrer Tätigkeit. Für 
die Männer, deren Aufgaben in der Feldar- 
beit liegen, ist es wesentlich Ort der Ruhe und 
des Konsums. Der Platz vor dem Haus und 
der Hausgarten sind weiblichen Tätigkeiten 
zugeordnet. Im Garten werden Gemüse und 
Kräuter für die tägliche Küche gezogen, vor 
dem Haus versammeln sich Gruppen von 
Frauen aus der engeren Nachbarschaft, .um 
Hausarbeit zu erledigen und gleichzeitig so- 
ziale Kontakte zu pflegen. Der Wohnung 
komm in den ländlichen Gebieten der Türkei 
bei weitem nicht diese zentrale Bedeutung als 
Lebensraum zu, wie dies in den türkischen 
Städten und nocht stärker in der BRD der Fall 
ist 
„So gehört in der ländlichen Türkei zu jedem Haus 
zumeist ein großer Garten, in dem sich ein wesentlicher Teil 
des täglichen Lebens abspielt. Auch die Arbeitsleistungen, 
die in den Aufgabenbereich der Frauen fallen, also Kochen, 
Waschen, Brot backen etc. werden in den ländlichen Gebie- 
ten der Türkei nicht im Haus sondern normalerweise in Ge- 
meinsamkeit mit anderen Frauen im Freien verrichtet“? 
Die Überlagerung von wirtschaftlichen Tätig- 
keiten und sozialen Kontakten ist Kennzei- 
chen auch für alle „Frauen-Orte“ im Außen- 
bereich, wie Brunnen und Backhaus. Wäh- 
rend das Backhaus als reiner Frauen-Raum 
gelten kann, wird eine Vermischung der Ge- 
schlechter am Brunnen, der ja auch von Män- 
nern benutzt werden kann, durch zeitliche Ab- 
grenzung vermieden. Die Dorföffentlichkeit 
ist, wie auch alle Räume außerhalb des 
Hauses, die nicht direkt Frauen-Tätigkeiten 
zugeordnet sind, sozial wie auch räumlich 
Männern zugeordnet. Sie konstituiert sich im 
Cafehaus und mit gewissen Einschränkungen 
auch in der Moschee. Während das Cafehaus 
reiner Männer-Ort ist, kann wie beim Brun- 
nen, zeitliche Abgrenzungen die Vermischung 
der Geschlechter verhindern. Felder und Wei- 
den sind im Grundsatz Männerzonen, wobei 
hier, insbesondere während der Arbeitsspit- 
zen, etwa in der Erntezeit, auch Frauen zur 
Mithilfe herangezogen werden, auf Distanz 
gehalten. 
Grundsätzlich ist auch die Raumaufteilung 
in der Stadt nach den dargestellten sozial- 
räumlichen Bereichen strukturiert. Allerdings 
sind hier, bedingt durch die erweiterte Arbeits- 
teilung und die dementsprechende funktionale 
Abhängigkeit der Haushalte, die Grenzen zwi- 
schen „innen“ und „außen“ und die strenge ge- 
schlechtsspezifische Arbeitsteilung nicht mit 
der Schärfe aufrechtzuhalten, die für das Dorf 
charakteristisch ist. Intern gliedert sich die 
(größere) Stadt in homogene subkulturelle 
Wohngebiete, in denen sich Bewohner nach 
Prinzipien wie etwa der regionalen bzw. ethni- 
schen Herkunft oder einer gleichen religiös- 
politischen Anschauung ansiedeln*. Diese in- 
terne Segregation nach relativ homogenen 
Nachbarschaften ist im gesamten islamischen 
Kulturraum charakteristisches Element der 
sozial-räumlichen Organisation der Stadt). 
Diese Wohngebiete sind mit gewissen Ein- 
schränkungen als städtische Variante der 
Netze von persönlichen Beziehungen (zwi- 
schen Männern) anzusehen, wie sie auch für 
das Dorf charakteristisch sind. Die einzelnen 
Wohnviertel gruppieren sich in der Regel um 
sackgassenähnliche Erschließungssysteme, 
die nach außen hin einen stark geschlossenen, 
„privaten“ Charakter annehmen. Diese Sied- 
lungsweise entwickelte sich aus einer additi- 
ven Bauweise, bei der das Haus einer Familie 
auf einem ursprünglich großen Grundstück 
durch Bauten für Familienangehörige und 
nahe Verwandte ergänzt wird®. Die Grenzen 
zwischen den einzelnen Nachbarschaften 
werden oft durch Obst- und Gemüsegärten, 
die einzelnen Familien bzw. Häusern zugeord- 
net sind, markiert’. 
Es ist also auch in der türkischen Stadt eine 
deutliche Zuordnung von Räumen nach der 
Logik der Geschlechtertrennung festzustel- 
len. Die nach dem Sackgassenprinzip konstru- 
jerten Nachbarschaften und die Seitenstraßen, 
die nicht durch Geschäfts- und Durchgangs- 
funktionen gekennzeichnet sind, können als 
„städtische Frauen-Räume“ angesehen wer- 
den, die von Fremden möglichst nicht aufge- 
sucht werden bzw. in denen sie deutlicher so- 
zialer Kontrolle unterworfen sind. In Anleh- 
nung an Magnarella können diese Räume 
„verteidigte Nachbarschaften“ (defended 
neighbourhoods) genannt werden: 
„Geht man vom Charakter der traditionellen türkischen 
Gesellschaft aus und ihrem Bestehen auf der Unantastbar- 
keit des häuslichen Raumes sowie der Frauen und Kinder, 
und berücksichtigt man zusätzlich, daß (in den Städten, 
d.A.) formelle soziale Kontrollen diese nicht garantieren 
können, so werden informelle Arrangements nötig, um Be- 
wegungen im (städtischen, d.A.) Raum kontrollieren zu 
können sowie um unterschiedliche Kategorien von Indivi- 
duen zu trennen, die sonst in Konflikte miteinander kom- 
men könnten. Eine „verteidigte Nachbarschaft“ ist haupt- 
sächlich eine Reaktion auf diese Angst vor dem Eindringen 
von außen. (...) Fremde, die eine derartige verteidigte Nach- 
barschaft betreten, müssen damit rechnen, daß sie von 
Männern angehalten und nach dem Zweck ihres Aufenthal- 
tes gefragt werden“8 
Somit ist in türkischen Städten das eigentliche 
engere Wohnviertel der „verteidigte“ und 
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