Volltext: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

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W ir sollten annehmen, daß nach dem 
Ende des 2. Weltkrieges in Deutsch- 
land niemand so schnell wieder auf die Idee 
käme, sich ernsthaft mit Zivilverteidigung 
und Aufrüstung zu beschäftigen, aber das 
Gegenteil ist — in der genannten Reihenfolge 
— der Fall. „Daß die breite Öffentlichkeit bis- 
her davon nichts wußte, und nur ein sehr klei- 
ner Beamtenapparat die Arbeit leistet, hat 
sich nicht gerade als Nachteil herausgestellt. 
Wenn man heute darüber berichten kann, so 
ist es nicht zuletzt dem Deutschlandvertrag 
zu verdanken. Dabei soll aber auch weiter 
gelten; Erörterung nur in der Fachpresse 
durch Baufachleute, aber keine Beunruhi- 
gung durch die Tagespresse — die mißver- 
steht prinzipiell.” 
Planer und Architekten, die den Krieg auch 
politisch überlebten, haben viel mit diesem 
Thema zu tun, wenn wir davon ausgehen, daß 
alle Maßnahmen zur Zivilen Verteidigung, 
zum „Luftschutz” dazu geeignet sind, einen 
neuen Krieg vorzubereiten. 
Der „Luftschutz” steht für einige Jahre wäh- 
rend des Neuaufbaus der Städte (obwohl im- 
mer von „Wiederaufbau” gesprochen wird) in 
voller (Zeitschriften)Blüte, etwa von 1947 bis 
1955. 
Danach verschwindet er aus der breiten Fa- 
chöffentlichkeit der Bauzeitschriften und ist 
nur noch einer wesentlich kleineren Gruppe 
der direkt mit dem Zivilschutz beschäftigten 
Planer zugänglich. 
Die Fülle der Literatur der späten 40er und 
frühen 50er Jahre zu den beiden sich herauskri- 
stallisierenden Hauptthemen „baulicher” und 
„städtebaulicher Luftschutz” mag heute erstau- 
nen. Sie ist jedoch lediglich Indiz für die unmit- 
telbar nach Kriegsende beginnende, zunächst 
verdeckte und bald offene Wiederaufrüstung in 
Westdeutschland; auch brechen die an Veröf- 
fentlichungen und der Ausarbeitung von Richt- 
linien beteilgten Planer angesichts der amerika- 
nischen Atombombenabwürfe auf Japan, der 
deutlich zutage tretenden Teilung der Welt und 
des beginnendes Kalten Krieges kein Tabu, 
wenn sie sich in ihrem rein technokratischen 
Selbstverständnis einer Frage annehmen, die, 
zynisch formuliert, „in der Luft liegt”. Ihr 
Feindbild ist klar: zukünftige Angriffe auf 
Westdeutschland werden aus dem Osten er- 
wartet. 
Die mitunter etwas heikle Frage inhaltlicher 
und personeller Kontinuität 3. Reich — Bun- 
desrepublik, sofern sie überhaupt offen zutage 
tritt, ist in diesem Bereich anscheinend ohne 
Relevanz. Für die Planer handelt es sich bei ih- 
rer Arbeit um rein defensive Maßnahmen zum 
Schutze der Bevölkerung, die mit Kriegsvorbe- 
Ulrich Höhns 
„Städtebau im Atomzeitalter” 
Planungen um 1950 unter Luftschutzaspekten 
reitungen nicht das Geringste zu tun haben, 
und da kann es nur von Vorteil sein, wenn er- 
fahrene Fachleute aus der Vor- und Kriegszeit 
hinzugezogen werden. 
Darum ist es nicht verwunderlich, wenn maß- 
geblich an der Ausarbeitung einschlägiger 
Richtlinien für den Luftschutz der NS-Zeit be- 
teiligte Planer nach 1945 wieder beratend und 
mahnend zugleich ihre Stimme erheben, wenn 
zwei grundlegende Bundesveröffentlichungen 
der 50er Jahre im Anhang die Verordnungen 
von 1937 und 1943 abdrucken, auf denen sie 
aufbauen und die weiter gültig sind. 
Der objektbezogene Schutzraum der NS- 
Zeit, der im großem Umfang erst 1941 einsetz- 
te, beschränkte sich zwangsläufig auf den Bau 
von Groß-, überwiegend Hochbunkern und 
Ausbau von Kellern zu Luftschutzräumen. 
Die Aufgabe wurde von Anfang an nicht als 
Geheimwissenschaft einiger Eingeweihter be- 
trieben. „Da Deutschland der aktive Luft- 
schutz verwehrt ist, ist es genötigt, dem passi- 
ven Luftschutz, d.h. den Bestrebungen zum 
Schutz des Lebens der Bewohner und zur Si- 
cherung der Werte des Volksvermögens, seine 
Aufmerksamkeit zuzuwenden. Die Aufgaben 
des passiven Luftschutzes sind also einmal or- 
ganisatoischer, andererseits konstruktiver Art. 
So ist eines der Hauptgebiete des passiven 
Luftschutzes der Schutz von Wohnhäusern, öf- 
fentlichen - und Fabrikgebäuden an den An- 
griffen besonders ausgesetzten Stellen.”? 
Die akribisch ausgearbeiteten Bestimmungen 
haben dazu geführt, daß die nach ihnen gebau- 
ten Schutzräume in der Mehrzahl den Bomben 
standhielten. 
In den Stadtneugründungen Wolfsburg und 
Salzgitter fanden sich keine Hochbunker im 
Straßenbild; hier waren alle Wohnhäuser be- 
reits mit Luftschutzkellern ausgestattet. 
Das „vorläufige Merkblatt bautechnischer 
Luftschutz vom Mai 1952” („herausgegeben 
vom Bundesminister für Wohnungsbau im Ein- 
vernehmen mit dem Bundesminister des Inne- 
ren”) nimmt die genannten Bestimmungen der 
NS-Zeit auf und ergänzt sie nur an den Stellen, 
die sich im Kriege als mangelhaft herausgestellt 
haben; im wesentlichen meint dies die Freihal- 
tung von Rettungswegen und die Führung von 
Notausgängen bis außerhalb des Trümmerbe- 
reichs der Häuser. 
Das Merkblatt vertritt angesichts der Atom- 
bombenabwürfe der Amerikaner auf Hiroshi- 
ma und Nagasaki die Meinung, daß „bautech- 
nische Maßnahmen (...) — auch im Hinblick 
auf atomare Gefahren — einen wirksamen 
Schutz (bieten).” 
„Die nach diesem Merkblatt erbauten Luft- 
schutzräume (LS-Räume) sind nicht ’volltref- 
fersicher’, sondern nur ’nahtreffersicher’, d.h. 
sie schützen gegen die Wirkungen bekannter 
Bomben, auch von Atombomben, wenn diese 
in einem bestimmten Abstand vom LS-Raum 
detonieren. Ein nach diesen Bestimmungen 
gebauter LS-Keller bietet z.B. Schutz gegen 
500 kg schwere Sprengbomben, die in minde- 
stens 15 m Abstand von seiner Außenwand de- 
tonieren. Gegen die in Japan verwendete 
Atombombenart schützt er vollkommen, wenn 
die Bombe in mindestens 1000 m Abstand de- 
toniert. Aber auch bei geringerem Abstand 
bietet, ein solcher LS-Keller gewisse Sicher- 
heit.” 
Entsprechend beschäftigte sich die Literatur 
dieser Zeit ausschließlich mit dem baulichen 
oder bautechnischen Luftschutz. Gesetzliche 
Grundlage für den Bau von Luftschutzeinrich- 
tungen waren die „Schutzraumbestimmungen 
vom 4. Mai 1937” und die aus den Erfahrungen 
des Luftkrieges abgeleitete „Verordnung zur 
Hebung der baulichen Feuersicherheit vom 20 
August 1943”. 
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