Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

sozial kontrollierte Raum zwischen den Häu- 
sern und den Gärten den Frauen zugeordnet. 
Für den Aufenthalt in den übrigen, den Män- 
nern. und ihren Tätigkeiten zugeordneten 
Teilen der Stadt stehen meist eigene Frauen- 
Räume (z.B. auf Bus-Bahnhöfen oder in eini- 
gen Lokalen, die eigene „Familien-Räume“ 
haben) zur Verfügung. Damit ist, so paradox 
dies zunächst klingen mag, die strenge soziale 
Kontrolle gleichzeitig Voraussetzung für die 
relative Freizügigkeit von Frauen. 
Eine Landnahme im Ruhrgebiet 
Sie wurde im Ortsteil als Sensation erlebt, die 
Anwohner reagierten verängstigt und die we- 
niger Betroffenen touristisch: Eine ungeseztli- 
che kollektive Landnahme nach türkischem 
Muster direkt unterhalb des Schlackebergs. 
Vorne, zur Straße hin, außerhalb der Einzäu- 
nung, ein wilder Parkplatz, gleichzeitig Repa- 
raturwerkstatt und Standplatz für Schrottwa- 
gen. Dort fanden später alle Auseinanderset- 
zungen mit den Anwohnern und dann dem 
Werkschutz und den Vertretern des Betriebs- 
rates statt. Und zwischen Vorplatz und Gar- 
tenkolonie ein besonderer Einzelgarten, domi- 
niert von einer massiven Bude mit überdach- 
ter Veranda. Dieser war auffallend anders, 
allein schon wegen der zusammengewürfelten 
Gartenmöbel und ausrangierten Polster- 
gruppen. 
Natürlich war der Ausgangspunkt zu dieser 
Gartensiedlung von den deutschen Besitzern 
anders gedacht. Nämlich nach Ruhrnormen: 
Auf dem offenen Werksgelände gibts seit 1946 
einen Haufen „wilder Gärten“, vom Betrieb 
toleriert. Ursprünglich informell über den 
guten Draht zum Werkschutz, der die Siedler 
als noch tätige oder ehemalige Betriebsange- 
hörige kannte, mittlerweile fast gewohnheits- 
rechtlich abgesichert. Diese Gärten werden so- 
gar informell gehandelt und zu guten Preisen 
weitervermittelt, wenn ein Bewirtschafter aus- 
fällt. So gelangten auch einige Türken an ei- 
nen Garten. Solche Türken, die sich im Be- 
trieb besonders beliebt gemacht hatten, oder 
sich gut mit den deutschen Nachbarn verstan- 
den oder mit Geld die Gunst der dortigen 
Gärtner gewonnen hatten und also nun dort 
ihre türkische Intensivwirtschaft betrieben. 
Doch da die „Wilden Gärten“ nur einen klei- 
nen Teil des Brachlandes, das links und rechts 
versteppte, beanspruchten, drängten unabge- 
sprochen einzelne Türken hinzu, räumten in 
Eigeninitiative die überwucherten Trümmer- 
grundstücke und erweiterten so die alte Anla- 
ge. Die Ansässigen fühlten sich dadurch offen- 
bar bedroht. Der Ruf stand auf dem Spiel. 
Und in direkter Absprache mit dem Betriebs- 
rat des Werkes, zu dem der Boden gehörte, 
entschloß man sich, zu symbolischen Preisen 
Grabelandverträge abzuschließen, um dem 
chaotisch wirkenden Wildwuchs einen Riegel 
vorzuschieben. Aber das pure Gegenteil 
wurde damit bewirkt. 
Zwischen Köln und Duisburg erzählt frei- 
tagsabends im Intercity ein übernächtigter Ju- 
gendlicher, türkischer Schichtarbeiter, daß er 
alle drei Wochen (jeweils sein großes Wochen- 
ende) zu seinem Vater fahre. Sein jüngerer 
Bruder, der in Amsterdam arbeite, komme 
dann immer für ein/zwei Tage dazu. Aber 
nicht nur die Verwandten aus einem riesigen 
Umkreis, auch Einzelne aus ihrem ehemaligen 
Dorf würden sich regelmäßig dort treffen, zu- 
sammen mit Nachbarn aus dem letzten 
Istanbuler Vorortdomizil vor der Auswan- 
derung. An den Wochenenden würden Kinder 
und Frauen bei den Nachbarn (eine Etage 
tiefer) wohnen, da noch mehr Männer der 
„ganzen Sippe“ in die Gärten kommen würden 
und wo schlafen müßten. Der Parkplatz der 
Gartenkolonie unter dem Schlackenberg 
bewies es auf seine Weise: Die Autoschilder 
zeigten, daß sich die Besucher und Benutzer 
aus dem gesamten Ruhrgebiet und weit darü- 
ber hinaus rekrutierten, wobei die Männer zu 
ihren Vätern und Freunden ziehen, die Frauen 
bestenfalls mitgehen: Man nennt das patrizen- 
trale Beziehungsstruktur. 
Nun aber wie es dazu kommen konnte mit- 
ten in der Stadt: Ein türkischer Betriebsange- 
höriger, mit großem Aufwand an einen der 
Nutzungsverträge gekommen, obwohl er einer 
der „Neuen Wilden“ der Kleingartenland- 
schaft war, mißverstand das fremdartig Fest- 
gelegte, verstand das Signal für sich und infor- 
mierte Verwandte und gut bekannte Familien. 
Über das weite Areal jenseits der Straße ver- 
streut arbeiteten nun viele kleine Gruppen, 
trugen die verstreuten Steine zu Haufen zu- 
sammen und begannen scheinbar ungeplant 
an verschiedensten Stellen die Erde aufzuhak- 
ken. Die Männer ließen Eisenbahnschwellen 
und andere schwere Kanthölzer, die sie preis- 
wert organisiert hatten, tief in den Boden ein 
und spannten einen zwei Meter hohen Ma- 
schendraht um das riesige Areal. Gleichzeitig 
fuhren sie mit ihren PKW’s, auf Dachgepäck- 
trägern und aus den Fenstern und Kofferräu- 
men überquellend, Latten und Baumaterial 
heran. Eine mächtige Betriebsamkeit, ein bun- 
tes Bild, eine Landnahme, Pionierarbeit. Be- 
sonders die Größenordnung und der gewaltige 
Einsatz imponierte. 
Die alamierten Vertreter des Betriebsrates 
trafen in dem Trubel ihren Ansprechpartner 
nicht mehr. Der Verständigungsgraben tat 
sich auf: die Frauen wandten sich ab, blieben 
stumm, die Männer mißverstanden die ener- 
gischen Einhaltsgebote beredt. Immerhin ei- 
nigte man sich offenbar darauf, das besetzte 
Gelände auf gut die Hälfte der umzäunten 
Fläche zu reduzieren. Auf deutscher Seite war 
die Verunsicherung total. Völlige Ratlosig- 
keit, wie man dem illegalen Vorgehen begeg- 
nen sollte. Zwar wollte man einzelnen türki- 
schen Kollegen des Betriebs entgegenkom- 
men; zudem waren diese doch durch die an- 
stehende Stillegung großer Betriebsanlagen 
besonders hart getroffen. Aber nicht so wie 
hier! Sie.sollten sich auf jeden Fall mit Diszi- 
plin an die Strukturvorgaben der bestehenden 
Gärten halten und eben keinesfalls mit ihren 
Gärten über die Straße hinweg auf die große 
Fläche zum Schlackenberg hin auswuchern. 
Aber die Straße war eine Sackgasse, und 
zwischen dieser Zufahrt, dem riesigen dicht 
bewaldeten Schlackenberg und der Bahntras- 
se war eine ideal geschützte Zone für eine Tür- 
kenkolonie: Scheinbar unbeirrt, die Rücken 
gegen die Passanten gedreht, wurde trotz aller 
Anfechtungen weitergerodet, angepflanzt und 
aufgebaut. Es blieb auch keine andere Wahl, 
denn man hatte schon zu viel konkrete Hoff- 
nungen in das Unternehmen investiert. In Ver- 
schnaufspausen erkletterten einige der Män- 
ner den größeren der zwei Hügel (alte Bom- 
benunterstände) inmitten ihrer Anlage und 
entschieden von dort aus Realisierungsdetails. 
Eine komplexe und doch einheitliche Struktur 
vermochte sich innerhalb weniger Tage zu ent- 
wickeln. 
Vorn, vielleicht 30 Meter von der Straße, 
den Rücken zu den größeren der zwei kleinen 
Schutthügel, leicht vom alten Trampelpfad 
zum Schlackenberg abgesetzt (Teil des 
späteren Park- und Autoreparaturstelenplat- 
zes) entstand die große, stabile Baracke, zum 
Teil hochgemauert, den Rest als Holzkon- 
struktion mit Blech verkleidet. Links dieser 
„Eingangshütte‘“ (die schon jetzt Stützpunkt 
der patrizentralen Organisation war) befand 
sich der Eingang zur eigentlichen Gartenanla- 
19
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.