Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

ge: Eng an den Hügeln vorbei (für die Kinder 
auch über die Hügel hinweg) führte schlauch- 
artig der Zugang zu einem feinteiligen Wege- 
system, von dem aus (also alle innerhalb der 
geschützten Sackgasse) die einzelnen Parzel- 
len erschlossen wurden. Die erwachsenen 
Männer machten den Grund urbar und kon- 
struierten die Hecken (Werkzeugschuppen 
gab es nicht, die Hacken und Beile wurden täg- 
lich von den vielköpfigen Familiengruppen 
hin und her getragen); die Jugendlichen hatten 
die Bohnenstangen vom mühsam aufgeforste- 
ten Schlackenberg geholt, der dementspre- 
chend danach an einigen Stellen arg mitge- 
nommen wirkte. Die Frauen hingegen hark- 
ten, bepflanzten und pflegten die Grundstük- 
ke, währenddem die Kleinkinder, von den 
etwas älteren überwacht, im schmalen inneren 
Wegesystem sich überlassen schienen. Die 
Schulkinder, soweit sie nicht in den Aufbau 
eingespannt waren, hielten sich am Rand au- 
Berhalb der Kolonieumzäunung auf und 
hatten dort auch die Gelegenheit, deutsche 
Freunde mit ins Spiel zu bringen. 
Mittlerweile wurden den Vertretern des Be- 
triebs klar, daß ihnen die Entwicklung außer 
Kontrolle geraten war. Es gab Sabotageakte, 
Drohungen, Ansammlungen von jugendli- 
chen Banden, die die türkischen Störenfriede 
angreifen wollten. Im Betriebsrat wurde der 
Beschluß gefaßt, daß die neu besetzte Fläche 
wieder geräumt werden müßte. Aber die Aus- 
saat hatte mittlerweile längst stattgefunden. 
Fakten waren geschaffen. Es gab leise Andeu- 
tungen, daß sich zur Rettung der Türkengar- 
tenkolonie eine Bürgerinitiative bilden könn- 
te. Der Betrieb verzichtete also zunächst auf 
den Vollzug des Beschlusses. 
Die wilde Landnahme verwirklichte sich als 
üppige Gartenlandschaft, wobei allein schon 
ihre kollossale Dimensionierung klar machte, 
daß hier eine „soziale Bewegung“ ins Ruhrge- 
biet hinein gemeint war. Es ging nicht um 
„Kleingärten“, sondern um kollektive Land- 
wirtschaft im Nebenerwerb; nicht um fami- 
liale Reproduktion, sondern um Selbstver- 
wirklichung eines zur urbanen Handlungsein- 
heit verschmolzenen Verbundes eines guten 
Dutzend türkischer Großfamilien. Da, wo im 
Ruhrgebiet eine Zone sozial wie ökologisch 
brach lag, war exemplarisch neues fruchtba- 
res Leben eingebracht worden. Ungewohnt 
eben. Wir könnten davon lernen. 
Mittlerweile war es beschlossene Sache, daß 
die neue Gartenanlage zum nächstmöglichen 
Zeitpunkt wieder weg müßte. Der Betriebsrat 
hatte festgestellt, daß nur einzelne Mitarbei- 
ter an der Landnahme beteiligt waren („da 
kommen Türken aus dem ganzen Ruhrgebiet 
auf unser Gelände“), womit er sich von der 
Fürsorgepflicht gegenüber den türkischen 
Kollegen entbunden fühlte. Mittels Dolmet- 
schern und riesiger einbetonierter Eisentafeln 
wurde bekannt gemacht, daß, wenn die Neu- 
siedler das Gelände nicht selbst räumten, es 
der Werkschutz auf deren Kosten veranlassen 
würde (wegen polizeilicher Bagatelle-Eingriffe 
waren die Personalien einiger Gärtner akten- 
kundig). Allein die offensichtliche landwirt- 
schaftliche Leistung und die impulsive Hem- 
mung, die in ihrer Fruchtbarkeit strotzenden 
Felder niederzuwalzen, ließ den Zeitpunkt der 
Räumung in den Frühherbst, der Zeit nach 
der Ernte, legen. 
Es gab keinen Widerstand. Nicht einmal 
Widerspruch. Die Raupe leistete eine folgen- 
lose, gespenstische Arbeit. Kein Türke nahm 
an dem Schaupiel teil. Wir standen verloren 
am Rand, den Fotoapparat wieder in der 
Hand, da wir damit keine beschützte Nach- 
barschaft mehr verletzen konnten ...... Und 
heute ist es wieder die alte Steppe „Eltern 
haften für ihre Kinder“ 
Folgerungen 
Die Planungsperspektiven innerhalb der eta- 
blierten Ausländerpolitik stellen sich heute in 
der Regel einseitig integrativ dar: die soziale 
Konditionierung, der Behaviorismus, Skinner 
spinnert mit unseren Köpfen sein lerntheoreti- 
sches Eingliederungsnetz auch über die Ruhr- 
region. Aber es gibt Rest, Freiräume, In- 
dustrie- und Siedlungsbrachen, ausgelaugte 
und industriell mißbrauchte landschaftliche 
Unwerte, welche nur durch den Input fremder 
kultureller Erfahrungen neu qualifiziert wer- 
den können. In diesen Ecken zeigen beispiels- 
weise die türkischen Landnahmen jenseits des 
Elends von Regierungsverordnugen das Po- 
tential zum sozialen Wandel der Ruhrregion 
auf: Die Innovationen der Türken in unserer 
proletarischen Provinz können sich ähnlich 
prägend auswirken wie die früheren der ange- 
heuerten Polen oder der hineingepferchten 
Zwangsarbeiter, welche weitgehend die spe- 
zielle Siedlungsstruktur des Ruhrgebiets aus- 
formten. Die ausgeführten Gedankenskizzen 
zu einer türkischen Landnahme im Ruhrge- 
biet ist dementsprechend als Beitrag zur Me- 
thodendiskussion innerhalb unser ethnozen- 
trischen und kapitalgebundenen Planungswis- 
senschaft zu verstehen. Diese Beschreibung 
falsifiziert nach unserer Auffassung das ’Inte- 
grationsmodell’, weil dies planerische Zuord- 
nungen nur durch die Liquidation neuer kul- 
tureller Ansprüche (und die sie repräsentieren- 
den Persönlichkeiten) schafft; es widerlegt 
aber auch den ’konflikttheoretischen’ Ansatz, 
weil darin davon ausgegangen wird, daß das 
kulturell Neue unvermittelt die Kraft zu ent- 
wickeln vermöchte mit der etablierten Macht 
zu kommunizieren. Demgegenüber propagie- 
ren wir - nicht nur für den Anwendungsbe- 
reich der ausländerorientierten Planung - eine 
Planungskonzeption, welche aus der ”Theorie 
der Akkulturation’ resultiert und also die 
aktuellen planerischen Anforderungen als Be- 
standteil einer sozialen Bewegung zu ver- 
stehen und zu qualifizieren vermag. 
Anmerkungen: 
1) Diese Ausführungen stützen sich im wesentlichen äuf: 
Bumke, P.: Raumaufteilung bei anatolischen Bauern; 
Nissen, N.: Vertrautheit, Respekt und Meidung, zum 
Verhältnis von sozialen Beziehungen und Raum; Pe- 
tersen, A.: Der Brunnen und das Backhaus; sämtlich in: 
ARCH-+ 1979, Nr. 46, S. 32ff. 
2) Schiffbauer, W.: Fallstudien zur Jugendkriminalität 
von Türken, Berlin 1980, Masch. Man., S. 91 
3) Mertens, G., Alkpinar, Ü.: Türkische Emigrantenfa- 
milien, Bonn 1981, S. 59 
4} Vgl. hierzu: Jänisch, W., Köcher, W., Nural, C.: 
Squatting in Istanbul, Diplomarbeit OE 06, Kassel 0.J., 
S. 27ff sowie Arin, Y.: Analyse der Wohnverhältnisse 
ausländischer Arbeitnehmer in der BRD, Diss. 
Berlin 1979. 
Vgl. hierzu Bianca, Stefano: Architektur und Lebens- 
form im islamischen Stadtwesen, Zürich, 1975. 
6) Jänisch et. al., a.a.O., S. 27 
7) Jänisch, a.a.O., sowie Bianca, a.a.O., S. 84 
8) Magnarella, P.J., Tradition und change in a turkish 
town, Cambridge, 1974, S. 43, eigene N Übersetzung 
9) Die folgende Skizze der demographischen Prozesse 
stützt sich wesentlich auf Keles, R.: Urbanisation in 
turkey, report to thed ford foundation, 0.O.o.J. zit 
nach Arin, Y., a.a.O. S. 
10) Städte = Orte mit 10.000 oder mehr Einwohnern, Groß- 
städte: 100.000 und mehr EW. 
11) Roth, J., Taylau, K.: Die Türkei, Bornheim 1981, S. 58 
12) Jäntsch, a.a.O., S. 176 
13) Mertens, G., Alkpinar, Ü.: Türkische Emigrantenfa- 
milien, a.a.O., S. 60_ 
14) Zum Vergleich: Eine dichte bebaute eingeschossige 
Atrium-Besiedlung erreicht bei einer GFZ von 0,4 - 0,5 
Dichten zwischen 80 und 100 EW/ha Bruttobauland. 
15) Jäntsch, a.a.O., S. 147 
16) Jäntsch, a.a.O., S. 158 
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