Volltext: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

OÖ hne das Militär hätten wir hier doch 
> gar keine Arbeitsplätze”, oder „Die 
Charnison stärkt die Wirtschaftskraft der Ge- 
meinde.” 
Allzuoft sind diese Argumente zu hören, 
wenn in kleinen Garnisonsgemeinden über 
Bundeswehr oder Nachrüstung diskutiert 
wird. Sieht es denn wirklich so schlimm aus? 
Zwar gibt es eine Vielzahl von Aufsätzen 
über die Auswirkungen von Militärausgaben, 
besonders gegen Ende der 60er Jahre, sie ba- 
sieren aber in den wenigsten Fällen auf tat- 
sächlichen Untersuchungen. Im Folgenden 
soll dieser Frage nachgegangen werden und 
zwar unter zwei Aspekten: 
1) Entspricht die regionale Verteilung der 
Militärausgaben den Zielsetzungen der 
Raumordnung? 
Wenn als Grundsatz der Raumordnung die 
Sicherung und Weiterentwicklung von ausge- 
wogenen wirtschaftlichen, sozialen und kul- 
turellen Verhältnissen angestrebt wird, so 
sind auch die Verteidigungsausgaben unter 
diesem Gesichtspunkt zu betrachten. Tragen 
sie dazu bei, die Lebensverhältnisse in unter- 
entwickelten Gebieten zu verbessern oder 
fördern sie die Leistungskraft der Ballungsge- 
biete? Sind sie als Mittel raumordnungspoliti- 
scher Ziele einsetzbar oder haben sie die ent- 
gegengesetzte Wirkung? 
2) Wie sieht die Situation für den kommuna- 
len Haushalt aus? Lohnt es sich für eine 
Gemeinde heute noch, sich um die Ansied- 
lung von Garnisonen zu bemühen? Dies soll 
an einem Musterprozeß der Stadt Munster 
wegen Ausgleich der Garnisonsfolgekosten 
erläutert werden. 
Die räumliche Verteilung zentraler Militär- 
ausgaben 
Unter zentraler Beschaffung sind die Ausga- 
ben des Bundesverteidigungsministeriums 
und des Bundesamtes für Wehrtechnik und 
Beschaffung in Koblenz zu verstehen. Ob- 
wohl die zentrale Beschaffung 1975 nur 1,3 % 
der Anzahl der Aufträge ausmachte, wurden 
dadurch 76 % der Beschaffungsgelder verge- 
ben. Für den Ausgabenbereich der zentralen 
Militärausgaben liegen zwei Untersuchungen 
vor, die für 1960 und 1975 Zahlenmaterial be- 
reitstellen: ! 
Die beiden Studien untersuchen die regio- 
nale Verteilung der Gelder anhand des Sitzes 
des Unternehmens, das den Auftrag erhält. 
Dabei ist allerdings auf folgende Unsicher- 
heit hinzuweisen: Wird der Auftrag an einen 
Hauptauftragnehmer vergeben, der als Ge- 
neralunternehmer die Entwicklung und Fer- 
tigung der Einzelunternehmer koordiniert, 
werden die Zulieferer nicht erfaßt. Diese 
vom Generalunternehmer angenommenen 
Aufträge umfassen in der Regel ein größeres 
Auftragsvolumen mit höherer Stückzahl. Es 
darf als unwahrscheinlich gelten, daß als Sub- 
unternehmer kleinere mittelständige Betrie- 
be in strukturschwachen Gebieten auftreten. 
Dieser Bereich ist allerdings in der Tat noch 
nicht ausreichend untersucht. 
1960 schon war Bayern bei der Vergabe der 
zentralen Militärausgaben überproportional 
beteiligt gewesen. Diese Tendenz verstärkt 
sich bis 1975 bis zu einem Anteil von fast 50 
% der ausgegebenen Gelder. Um die Höhe 
der Ausgaben vergleichbar zu machen, wur- 
den sie auf die Pro-Kopf-Zahl der Bevölke- 
rung umgerechnet. 
Hierbei wird deutlich, daß innerhalb Bay- 
erns der überwiegende Teil in das Rüstungs- 
zentrum München geht, strukturschwache 
Randgebiete wie das östliche Bayern werden 
bei der Vergabe nur unzureichend berück- 
sichtigt. Dies dürfte auch in der Struktur der 
Aufträge liegen. Technisch hochentwickelte 
Rüstungsgüter lassen sich nur in entspre- 
Andreas Schmitz 
Goldene Zeiten für 
Garnisonsstädte? 
chend spezialisierten Betrieben herstellen. 
So ist auch der Anteil von Handwerksbetrie- 
ben sehr gering. 
Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß 
gerade die zentralen Militärausgaben nicht 
zur Behebung regionaler Disparitäten beitra- 
gen, da sie übermäßig stark in Ballungsgebie- 
te und da im besonderen nach München flie- 
ßen. 
Zentrale und dezentrale Beschaffung nach dem Auftragswert im Jan.1975 
14.6 
A <G 
26% £ITA 
ATIITX 
AFTET TA 
AA 
ORAACOAN 
RKELTITTTTE) 
LS 
LS Wert 
10048 Mill. DM 
BMVg 
U 
Die räumliche Verteilung dezentraler Mili- 
tärausgaben 
BWB 
> 
Al 
17% 
Unter dezentralen Militärausgaben sind die- 
jenigen Gelder zu verstehen, die von den ört- 
lichen Militärverwaltungen ausgegeben wer- 
den. 
Diese örtlichen Militärverwaltungen sind 
die Standortverwaltung, die Truppenverwal- 
tung und die Bauleitung. 
Als weitere Ausgabenart, die dezentral 
wirksam wird, sind die Personalausgaben zu 
sehen, da diese auch einen hohen Anteil am 
Verteidigungshaushalt haben. 
Gerade der Bereich der dezentralen Mili- 
tärausgaben ist ein Bereich, der wenig er- 
forscht ist. Uber mehrere Garnisonsorte in 
Bayern wurden von der Hochschule der Bun- 
deswehr in München Untersuchungen ange- 
stellt, welcher Anteil dieser Ausgaben tat- 
sächlich in den Orten verbleibt. Leider sind 
nicht alle Untersuchungen öffentlich zugäng- 
lich, und so sei hier als Beispiel die Gemeinde 
Mittenwald herangezogen. Als Untersu- 
chungsraum wurde Mittenwald mit etwa 
10.000 Einwohnern und die beiden umliegen- 
den Gemeinden Krün und Wallgau gewählt. 
Die nächst größere Gebietseinheit ist der 
Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Von den 
1975 der Militärverwaltung in Mittenwald zur 
Verfügung stehenden Geldern in Höhe von 
ca. 7,5 Mio. DM blieb nur ein kleiner Anteil 
von 9,3 % in dem Untersuchungsraum, der 
größte Teil von 40 % ging in das Ballungszen- 
trum München. 
Dabei ist aber auch zu sehen, daß der Anteil 
der Gelder, die in der Garnisonsgemeinde 
bleiben, weiter rückläufig ist. 
Diese Entwicklung wird darin ihren Grund 
finden, daß selbst die Bundeswehr vermehrt 
darauf angewiesen ist, in größeren Stückzah- 
len preisgünstig einzukaufen. 
Gegenüber der dezentralen Beschaffung 
ist das Jahreseinkommen der Bundeswehran- 
gehörigen ein wesentlich wichtigerer Posten. 
Waren es etwa 300 Mio. DM, die 1977 den 
Bundeswehrgarnisonen zur dezentralen An- 
schaffung zur Verfügung standen, so war der 
Anteil des verfügbaren Jahreseinkommens 
der Bundeswehrangehörigen mit 1,9 Mrd. 
DM ungleich höher. Die Differenz zwischen 
den einzelnen Bundeswehrstandorten ist al- 
lerdings erheblich. Sind in München jährlich 
267 Mio. DM, also über 14 % des gesamten 
Einkommens, das nach Bayern fließt, so ge- 
hen in die kleinsten Orte nur 7 Mio. DM. Auf 
die Region München entfallen sogar 34 % 
des jährlich verfügbaren Einkommens. 
Den Angehörigen der Bundeswehr in Mit- 
tenwald standen 1975 etwa 324,5 Mio. DM 
als Einkommen zur Verfügung. Von diesem 
Einkommen wird aber nur ein Teil im Unter- 
suchungsgebiet Mittenwald ausgegeben. Die- 
Zentrale Beschaffung 
Oo BMVg = 1464 
DO] sw = 8178 
7642 
Dezentrale Beschaffung 
MO BSt. Erp. St. u. MArs = 412 
a Güteprüfdienst = 965 
WBV u. STOV = 811 
B Truppe und deren Dienststellen= 218? 
1) Einschließlich Kooperative Logistik des BiVB 
2) Dienststellen des Geschäftsbereiches 
Quelle: Greve, O. (1976) 
(Quelle: Maneval, Neubauer, Forschungsbericht Nr. 1, a.a.0.) 
a 
Inlandsaufträge des Bundeswehrbeschaffungsamtes 1975 
Auftragswert in % nach Ländern 
Rheinland-Pf. 1,9 
S ig-] a 
chleswig-H. 44 Hamburg 4.4 
Niedersachsen 
* Bremen 4.5 
NRW 13,1 
Y 
) 
Bayern 49 | 
/Baden-W. 13,8 
1 Messen 4,5 
Saarland 0.7 
Gesamtvolumen BWB 1975 = 6544 Mio. DM 
(Quelle: Maneval, Neubauer; Forschungsbericht Nr. 1,a.a.0.) 
Verteidigungsausgaben des Bundesamtes für Wehrtechnik 
und Beschaffung pro Kopf der Bevölkerung in DM 
Hamburg 
Bremen 
Nordrhein-Westfalen 
Köln 
Baden-Württemberg 
Hessen 
Rhein-Main-Gebiet 
Saarland 
Bayern 
Region München 
Östliches Bayern 
Niedersachsen 
Schleswig-Holstein 
Nördl. Schleswig-Holstein 
Kiel 
Rheinland-Pfalz 
Hunsrück-Eifel 
BRD 
1960 
116,6 
387,0 
34,1 
221,9 
66,6 
62,7 
121,7 
40,2 
117,8 
724,5 
49,7 
28,2 
88,2 
16,4 
195,5 
28,1 
2,8 
64.5 
1975 
157,4 
418,7 
50,8 
(* 
124,6 
66,4 
f* 
77.4 
236,2 
1001,1 
(* 
30,2 
116,1 
46,. 
0 
105. 
(*) Angaben liegen nicht vor 
(Quelle: Maneval, H. u.a.; Forschungsbericht Nr. 1 a.a.0. 
Zimmermann, H.: a.a.O., Statistisches Jahrbuch 1977. 
eigene Berechnungen) 
44
	        

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