Volltext: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

Auswege - Holzwege? 
1. Wertwandel — Einstieg in den Aus- 
stieg aus der Arbeitsgesellschaft? 
Daß der westliche Kapitalismus in eine län- 
gere Stagnationsphase, ja Depression, gera- 
ten ist, wird inzwischen von kaum noch 
jemandem bestritten. Auch da dabei Sätti- 
gungstendenzen auf bestimmten. Konsumgü- 
termärkten eine Rolle spielen, wird direkt 
oder indirekt von fast allen Seiten zugege- 
ben. 
Der Sachverständigenrat glaubt in der sin- 
kenden Konsum- und steigenden Sparnei- 
gung eine „größere Vorliebe für Zukunftsgü- 
ter” bei den Verbrauchern erkennen zu kön- 
nen. Nicht also Konsumverzicht, sondern 
Konsumaufschub sei des Verbrauchers 
Wunsch. Im Namen der Konsumentensou- 
veränität wird der Transformierung von 
Konsumgüternachfrage in Investitionsgüter- 
nachfrage das Word geredet. Daß die priva- 
ten Ersparnisse via klassischem Zinsmecha- 
nismus nicht hinreichend als Investitionskre- 
dit beansprucht werden, erklärt sich die neo- 
liberale Orthodoxie mit dem Anspruchsver- 
halten mit dem Anspruchsverhalten des 
Staates, das durch „Crowding out” die vom 
Konsumenten „gewünschten” Zukunftsinve- 
stitionen behindere. Jedenfalls ist von Aus- 
stieg aus der Arbeitsgesellschaft nicht die 
Rede; im Gegenteil, die Verschiebung in den 
Verbraucherpräferenzen führe dazu, daß 
nun für die Zukunft statt für die Gegenwart 
gearbeitet werden soll. 
Im Ilinksliberalen und ökosozialistischen 
Lager der Wirtschaftswissenschaften inter- 
pretiert man die sinkende Konsumneigung in 
einem viel umfassenderen Kontext — als 
Wende einer Ara. Quantitatives Wachstum 
sei — selbst wenn möglich, was man bezwei- 
felt — nicht einmal wünschbar, weil nicht län- 
ger verträglich mit der natürlichen und psy- 
cho-sozialen Umwelt des ökonomischen Sub- 
systems (vgl. beispielsweise Berger 1981). 
Ein entsprechender Wertewandel bahne 
sich längst an — von den aquisitiven zu den 
kommunikativen, von den besitzindividuali- 
stischen zu den kollektiven Orientierungen 
(vgl. Klages u.a. 1979). An diese Entwick- 
lung, die als Ausstieg aus der Expansions-, 
Leistungs- und Arbeitsgesellschaft interpre- 
tiert wird, werden weitreichende geschichts- 
philosophische Bemühungen geknüpft: die 
der „nach-industriellen Gesellschaft” (Bell), 
der „Meliorationsgesellschaft” (Dahren- 
dorf), „Dualwirtschaft” (Gorz, Adler-Karl- 
son), des Ökosozialismus. 
Während die soziale Phantasie dieser 
Theoretiker von der Allgegenwärtigkeit der 
sog. neuen sozialen Bewegungen inspiriert 
wird, drohen die Differenzen zu den „alten” 
sozialen Bewegungen und ihren Program- 
men zu einem unüberwindbaren Graben zu 
werden. Verständlicherweise eingeschworen 
auf Vollbeschäftigung und wohlfahrtsstaat- 
lich vermittelte Sicherheit, drängt das 
gewerkschaftliche Lager auf eine staatliche 
Kompensation der privaten nachfragelücke. 
Je gefährdeter die Beschäftigung, desto grö- 
ßer die Bereitschaft, Fragen des Inhalts der 
Produktion zu opfern. Dieses selbstverord- 
nete Desinteresse an den Inhalten der pro- 
duktion besiegelt die Spaltung des Reformla- 
gers in einen traditionalistischen Teil, der 
sich tendenziell dem „Wachstumskartell” 
industrieller, bürokratischer und fiskalischer 
Interessen (Jänicke 1979) anschließt, und 
jenem anti-industriellen und anti-etatisti- 
Klaus Novy 
Vom Dilemma einer ökoso- 
zialistischen wirtschaftspoliti- 
schen Position 
schen Teil, der im organisierten „Schrumpf- 
kapitalismus” (Bergerd) einen historischen 
Ausweg sucht. 
dratieff beschäftigt haben, bietet sich gera- 
dezu an. Anders als noch vor einigen Jahren, 
als man noch die Existenz solcher langen 
Phasen/Wellen vehement bestritt ‘, scheinen 
die Erfahrungen mit der gegenwärtigen Sta- 
gnation und ihren Folgen bis in die Persön- 
lichkeitsstrukturen einer ganzen Generation 
(Null-Bock/No-Future-Generation) erheb- 
lich sensibilisiert zu haben. Dabei bleiben die 
Fragen der theoretischen Begründung langer 
Phasen/Wellen zu recht umstritten. Aber 
Strukturparallelen sind offensichtlich. Das 
gilt vor allem für das bild einer kapitalgesät- 
tigten, „mature economy”, wie es sich bei 
zahlreichen angelsächsischen Ökonomen als 
Spätreaktion und in falscher Generalisierung 
der Stagnation nach 1929 herausgebildet hat 
(vgl. zum Topos der „mature economy” 
Novv 19791. 
2. Wertewandel — selbst im Zyklus? 
Der skizzierte Wertewandel ist zweifellos in 
bestimmten sozialen Gruppen empirisch zu 
belegen. Doch ist er ursache oder Folge, und 
wovon: von der Stagnation oder der vorange- 
gangenen Prosperitätsphase? Ist er wirklich, 
wie oft behauptet, Indiz einer historischen 
Wende? Zu Recht weist Gershuny (1981, 22) 
darauf hin, daß die Frage nach dem Sinn der 
Produktion, nach dem Zweck der Arbeit so 
alt ist wie die Okonomie selbst. „Meliora- 
tionstheoretiker” — wie er sehr unschön die 
Vorläufer der heutigen Theoretiker des qua- 
litativen oder Nullwachstums nennt — war 
schon Aristoteles. Und daher seien von vorn- 
herein zweifel anzumelden, ob wirklich 
schon von einer historischen Wende, einem 
„neuen politischen Thema der Geschichte” 
(Dahrendorf) gesprochen ‚werden könne (S. 
29). Doch beläßt Gershuny in typisch dog- 
mengeschichtlicher Manier seine an sich 
berechtigte historische Relativierung bei 
dem unfruchtbaren und motivationstötenden 
Verweis: „Das hat es alles schon einmal 
gegeben”. 
Schade, denn eine historische Relativie- 
rung durch Bezugnahme auf die langen Pro- 
speritäts- und Depressionsphasen, die Kon- 
1) Beispielsweise auf dem IV. Wuppertaler Wirtschafts- 
wissenschaftlichen Kolloquium; vgl. Biervert 1979 
Es lassen sich lange Phasen/Wellen in folgen- 
den Teilbereichen nachweisen: 
— Wachstumsraten der Gütererzeugung 
— Kapitalbildung 
— Bautätigkeit 
— Arbeitslosigkeit 
— Bevölkerungsentwicklung 
— Aus- und Einwanderung 
— Kapitalexport 
(vgl. hierzu Rosenberg 1967, 9) 
Auch in den Krisenlösungsstrategien gibt es 
weitgehende Parallelen: 
— Kostensenkungsstrategien, vor allem 
Behinderung oder‘ Zerschlagung der 
Arbeiterorganisationen 
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