Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

staatliche Nachfrageschöpfung oder 
Markteröffnung 
z.B. Außenhandelsoffensive, Aufrü- 
stung, innere Militarisierung, Ersatz- 
märkte 
Autonomisierung dauerhaft Erwerbsloser 
in versorgungswirtschaftliche Einheiten 
eines informellen Sektors 
Arbeitszeitverkürzung, ABM usw. 
Auch der als historische Wende diagnosti- 
zierte Wertewandel ist in fast allen seinen 
Elementen Ausdruck längerer Grundphasen 
der wirtschaftlichen Entwicklung. Dabei 
scheint mir jener Aspekt, der als Sinnkrise 
der Arbeit bezeichnet werden kann und der 
eher oben in der Einkommens- und Bil- 
dungspyramide nachweisbar ist (vgl. Umfra- 
geergebnisse in Technologie und Politik 15, 
S. 29ff), eher Reaktion auf eine Prosperitäts- 
phase denn auf eine Krise zu sein. Erst die 
jahrelange Selbstverständlichkeit der Arbeit 
in ihrer arbeitsteiligen, hierarchisierten, rou- 
tinisierten Form dürfte wohl einen solchen 
Abgrenzungsprozeß möglich machen. Er 
fällt dann oft — wie heute — schon in die 
nächste Phase, die der Stagnation, die nun 
gleichsam objektiv die subjektiv gewonnene 
sicht zu bestätigen scheint: so kann es nicht 
weiter gehen. 
Bezeichnenderweise taucht in großer 
Regelmäßigkeit als Gegenstück zum Arbeits- 
begriff ein emphatischer Begriff von 
„Leben” auf. „Leben. Einfach leben, anders 
leben” sind Schlüsselworte der sog. Alterna- 
tivbewegung (vgl. z.B. mehrwert 19 (1979)). 
Die „Lebensreformbewegung” ist gerade 
noch als Begriff bekannt, aus der Zeit der 
Jahrhundertwende, geboren aus der Span- 
nung zwischen rapide sich modernisierender 
und prosperierender Wirtschaft und spätfeu- 
dal verkrusteten politischen und sozialen 
Strukturen. Die Zwischenkriegszeit ist unty- 
pisch, ist wesentlich geprägt durch die 
Kriegsfolgen und den nicht gelungenen Ver- 
such, einen Weltmarkt aufzubauen. Doch 
selbst der kein halbes Jahrzehnt lange Pro- 
speritätstaumel — schnell als „prosperity 
forever” hochgejubelt — bringt in Verbin- 
dung mit dem Schock des Zusammenbruchs 
1929 Bedürfnisäöußerungen und Orientie- 
rungen hervor, die — mit Ausnahme einer 
entscheidenden Differenz (Okologie) — bis 
in die Formulierungen heute zentralen Pro- 
blemsichtweisen entsprechen. In der schnel- 
len Folge von Prosperität und Krise verallge- 
meinern sich diese Positionen nicht zu einem 
signifikanten Wertewandel. Doch die 
Inhalte, wenngleich nicht repräsentativ, sind 
auf ihre Weise typisch. Offensichtlich drängt 
die Realität zum Begriff. Hier also die wich- 
tigsten Thesen aus einem kaum bekannten 
Text des Jahres 1932 von Walther von Hol- 
lander, der den vielsagenden Titel hat: Enf- 
thronung der Produktion: 
- „ganz neue Lage”, neuer _Krisentypus, 
historische Wende” (166) 
Ankurbelung der Produktion sinnlos, 
denn „jede Ankurbelung muß den 
Warenraum der Welt wieder verengen ... 
zum wirtschaftserstickungstod führen” 
(168) En 
Mit dem (Kapital-)Uberfluß endet der 
Klassenkampf, „nur noch Nachhall, 
Echo, Schattenkampf” (169), (vgl. heute 
bei Gorz: „Abschied vom Proletariat”) 
„Einheitsfront von Kapital und Arbeit” 
(heute: Wachstumskartell, Korporatis- 
mus, Modell Deutschland) ..Es handelt 
sich nicht mehr um den Kampf, um den 
Anteil am Produkt, sondern es könnte 
sich lediglich noch um eine Einheitsfront 
von Kapital und Arbeit zur Aufrechter- 
haltung der Herrschaft der Produktion 
handeln ... Es ist der einzige Versuch, der 
noch die Entthronung der Produktion 
aufhalten könnte” (170). 
Gleichsetzung von Kapitalismus und Mar- 
xismus/Sozialismus in Bezug auf folgen- 
den Punkt: beide sind „gleichermaßen der 
Tyrannei der Produktion unterworfen” 
(171), (gilt heute für viele „Grüne”). 
Planwirtschaft ist nicht das Ziel, denn in 
dem Wort steckt „noch ein Stückchen 
Produktionsherrschaft” Eher „Konsumen- 
tenherrschaft..., besser Konsumenten- 
dienst, und das würde voraussetzen, daß 
man endlich feststellt, was der Mensch 
denn wirklich braucht” (170), (vgl. heute 
Adler-Karlson). 
Leben lernen: „Begriffen werden muß, 
daß Arbeit zu Produktionszwecken eine 
notwendige, aber untergeordnete Sache 
im Leben ist und das Leben etwas anderes 
meint und erzielen will als Arbeit. Das 
alles muß umdacht und umgedacht wer- 
den, und es muß in einigen wenigen 
Gestalten bereits vorgelebt werden, ehe 
die Menge sich trauen wird, diese neuen 
Gedanken der ganz neuen Weltlage anzu- 
nehmen ... Marxismus und Kapitalismus 
sei versichert, daß sie gleichzeitig der Ver- 
gangenheit angehören und daß die neue 
Lehre, eine umfassende Lebenslehre, 
unaufhaltsam vorwärts marschiert und 
sich bereits in den Besitz wichtiger Posi- 
tionen gesetzt hat” (171). 
Irrtum. Diese Position war nicht im Vor- 
marsch. Weder in Deutschland, wo sich 
schon ein halbes Jahr später eine neue Pro- 
duktionsherrschaft, eine wirkliche Tyrannei, 
durchsetzte, noch in jenen Ländern, die noch 
10 Jahre lang bis zum Ausbruch des Krieges 
in tiefster Stagnation stecken blieben. Ein 
Grund für die Durchsetzungsschwierigkeiten 
dieser postindustriellen Lebens ision liegt 
m.E. in der phasenverschobenen Ungleich- 
zeitigkeit von realwirtschaftlichem Zyklus 
und Wertwandel. erst die lang erfahrene 
Selbstverständlichkeit des materiellen Wohl- 
standes sensibilisiert für die wirklichen 
Inhalte des „guten Lebens”. In diesem Sinne 
unterhöhlt die Prosperitätserfahrung ihre 
eigenen motivationalen Grundlagen; erst die 
folgende Krise und elementare Verunsiche- 
rung, die zunächst scheinbar die besten Vor- 
aussetzungen für eine reale Ablösung deı 
Produktionsherrschaft und Arbeitsgesell- 
schaft bieten, bewirken in Wahrheit mittel- 
fristig das Gegenteil. Vom „guten Leben” ist 
bald nicht mehr die Rede, Arbeit zum UÜber- 
leben ist das Hauptziel. Die Krise hat nicht 
nur wirtschaftliche Reinigungsfunktion, sie 
sorgt auch für die Wiedererstehung von 
Arbeitsdisziplin und Leistungswillen. Es ist 
ja auch gerade diese Funktion der Krise, die 
von Unternehmern besonders geschätzt 
wird. 
Noch bitterer ist eine weitere Regelmäßig; 
keit. Einige Themen einer nicht-produktivi- 
stischen Lebenskultur wie Eigenarbeit statt 
Lohnarbeit, Subsidiaritätsprinzip und Selbs- 
thilfe aus Stärke, geringere Arbeitszeit, Inte- 
gration von Freizeit und Arbeitszeit, Spar- 
samkeit werden nun von oben verordnet — in 
pervertierter Form: Die knappe Arbeit wird 
rationiert; autoritärer Arbeitseinsatz‘ und 
Arbeitsdienst; Selbsthilfe wird erzwungen 
zur Entlastung staatlicher Sozialausgaben; 
die nicht mehr in den Produktionsprozeß 
integrierbaren Arbeitslosen werden in 
Selbstversorgungswirtschaften auf Minimal- 
niveau immobilisiert (Erwerbslosensiedlun- 
en). 
f Einige letzte Anmerkungen zu den histori- 
schen Parallelen. Deutlich sichtbar wird die 
Neigung, jede Tendenzwende gleich als 
historisch einmalig zu verallgemeinern. 
Quantitative Veränderungen werden zu qua- 
litativen Sprüngen hochstilisiertd. Erst „pro- 
sperity forever”, dann „stagnation and 
mature economy” als säkulare Visionen, und 
immer so weiter. Ich sehe zwar historische 
Besonderheiten und Verschiebungen — etwa 
in der ökologischen und militänischen Bedro- 
hung der Menschheit — aber ich sehe keine 
Krise ganz neuen Typs. 
3. Sozialisierungstendenzen der 
Nachfrage 
Die Idee, daß mit dem Wertewandel ein Ein- 
stieg in die nachindustrielle Gesellschaft 
gewonnen sei, ist idealistisch wie die neoklas- 
sische theorie in ihrem systematischen 
Umgang mit den Bedürfnissen. Beide sugge- 
rieren, daß die gesellschaftliche Reproduk- 
tion sich gemäß der als autonom gedachten 
Bedürfnisse vollzieht. wie eben gezeigt, 
unterliegen die Bedürfnisse, Motive und 
Leitbilder selbst langen kollektiven Entste- 
hungsprozessen, die nicht unabhängig von 
den wirtschaftlichen Wechsellagen sind. 
Hinzu kommt — und das dürfte gravierendeı 
sein —, daß in kapitalistischen Systemen die 
Dynamik auf der Angebotsseite institutiona- 
lisiert ist. Die beständige Revolutionierung 
der Lebensbedingungen hat eben hier ihren 
Ursprung. Während die Organisations- und 
Mobilisierungsformen der Angebotsseite 
immer schon im Zentrum wirtschaftswissen- 
schaftlichen Interesses standen, sind die 
komplementären Tendenzen auf der nach- 
frageseite unter diesem gesichtspunkt kaum 
ins Blickfeld gerückt. Den objektiven Verge- 
sellschaftungsformen auf Seite des Angebots 
— Konzentration, Verbände, Kartelle, 
trusts, Universalbanken — kann die Organi- 
sation der nachfrageseite nicht gleichgültig 
sein. Auch hier hat die Indienstnahme der 
Nachfrage durch einzelwirtschaftliche und 
gesamtwirtschaftliche produktionspolitische 
Imperative Folgen gehabt. Vom Marketing 
bis zum staatlichen Nachfragemanagement, 
längst ist der Prozeß der „Sozialisierung der 
Nachfrage” im Gange. Ich habe an anderer 
Stelle ausgeführt (1980), daß die ausgeprägte 
Modernisierungsdynamik der deutschen 
Wirtschaft unter anderem in ihrer starken 
Abkoppelung vom Einzelverbraucher und in 
ihrer Orientierung an der sozialisierten 
Nachfrage des Staates gründet. Hier ist die 
Industrieeutopie einer „kundenfreien Wirt- 
schaft” (Bonn) entstanden, deren technische 
Orgien durch staatlich vermittelte Nachfrage 
alimentiert wurde. Dabei ist der Grundge- 
danke für jede hochindustrialisierte Anlage 
und Wirtschaft von größter Bedeutung — 
und wurde auch zum Leitgedanken sozialisti- 
scher Wirtschaftsreformen. „Es ist ein alter 
Grundsatz, daß eine gemeinwirtschaftliche 
Produzentenorganisation den organisierten 
Konsum voraussetzt (Wagner 1928, S. 37). 
Die Organisation der Nachfrage, ihre Erfas- 
sung, Ballung und vielleicht Ausrichtung, 
wird erst dann wirklich zum Problem, wenn 
diese sich unter produktionspolitischen 
Zwängen vollzieht. Es ist daher auch außer-
	        

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