Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

NS UT ® 
Hans-Jochen Kunst 
Architektur 
und 
Macht 
Überlegungen zur 
NS- Architektur 
Etienne Boullee: Kenotaph, Lavierte Federzeichnung, Paris Bibliotheque Nationale 
Fünf Jahre vor der Installierung des NS-Re- 
zımes legt Siegfried Kracauer‘, der Freund 
Walter Benjamins, dessen These vom Faschis- 
'nus als Asthetisierung des Politischen? vom 
\VS-Staat in einer nicht mehr zu überbieten- 
ien Weise ihre Bestätigung gefunden hat, in 
einem Roman „Ginster“ einem Architekten, 
jer im Ersten Weltkrieg einen Soldatenfried- 
hof oder - nach damaligem Sprachgebrauch - 
Heldenfriedhof zu entwerfen hatte, folgende 
Worte in den Mund: „Es ist eine bekannte Tat- 
;ache, .. daß die Zeiten hart sind, aber seien 
wir nicht undankbar gegen sie, denn der Krieg 
ıat uns alle gleich gemacht, wie über so unter 
ler Erde, und insofern ist er nicht nur mensch- 
lıch bedeutend, sondern bringt auch uns Ar- 
chitekten Gewinn. Aus diesen Erwägungen 
heraus, ... ist der Friedhof herangereift ... Ich 
bin bei meinem Entwurf von der festen Über- 
zeugung getragen gewesen, daß die erwähnte 
Gleichheit, die als vaterländisch im höchsten 
Sinne bezeichnet werden darf, den Verzicht 
auf jegliche Schmuckbeigabe fordert, darum 
habe ich statt der gekrümmten Linien gerade 
zezogen, die so unerschütterlich sind wie die 
Reihen unserer Krieger, zahllose parallel lau- 
(ende Reihen, an denen viereckige Gräberplat- 
ten nebeneinander stehen, deren genau abge- 
messene Gleichheit in der Einfachheit gipfelt, 
die dem grauen Ehrenkleid unserer Braven 
entspricht, das sich überall fortsetzt, bis in das 
errichtete Denkmal mit den gleich langen 
Kanten hinein, dem das Kranzgesims fehlt, da 
die feinen Profile den Kriegswürfel schädi- 
gen, der nackt sein muß, in Anbetracht seiner 
Bestimmung ...“ 
Diese von Kracauer beschriebene Soldaten- 
friedhofsarchitektur weist symptomatische 
Kriterien der NS-Architektur auf und macht 
deutlich, daß diese in eine Tradition gestellt 
werden kann, eine Tradition, die sich bis zur 
französischen Revolutionsarchitektur zurück- 
verfolgen läßt, die bezeichnenderweise erst 
kurz vor Hitlers Machtantritt entdeckt 
worden ist?. Dieses ist um so bemerkenswer- 
ter, als die Protagonisten der NS-Architektur 
sie als die neue Baukunst auf der Grundlage 
einer neuen Weltanschauung feierten und 
gerade dies der deutschen Kunstwissenschaft 
nach 1945 erleichterte, sich von ihr zu distan- 
zieren, „da sie ja nur die Entwicklung der deut- 
schen Architektur unterbrochen habe. Über 
die NS-Architektur ist jedes Wort zu viel 
gesagt“.*) 
Aber über die NS-Architektur zu schwei- 
gen, heißt auch über Auschwitz zu schweigen. 
Dennoch sei festgestellt, daß die französi- 
sche Revolutionsarchitekten, die deutschen 
Klassizisten Friedrich Gilly, Schinkel und 
Klenze, ja selbst Architekten wie Peter Beh- 
rens und Paul Bonatz nicht für die NS-Archi- 
tektur verantwortlich zu machen sind, wie 
übrigens man sich darüber im klaren sein 
muß, daß nicht alle Bauten der NS-Zeit, je- 
doch viele Bauten der 20er Jahre und sogar 
noch der Nachkriegszeit durchaus Kriterien 
einer NS-Architektur aufweisen. 
Der Soldatenfriedhof des Kracauerscher 
Architekten wird im wesentlichen von drei 
Leitmotiven bestimmt: 
1. Die Architektur, die der harten Zeit des 
Krieges entsprechen soll, muß schlicht sein, in- 
dem auf jede Schmuckbeigabe verzichtet wird. 
2. Die Schlichtheit der Architektur wird ge- 
währleistet, wenn sie nur gerade Linien auf- 
weist, zahllose parallel laufende Reihen, die 
unwillkürlich die Assoziation an die Phalanx 
„braver“ Krieger auslösen. 
3. Die Architektur wird einer streng geome- 
trischen bzw. stereometrischen Form unter- 
worfen, denn die „nackte“ Geometrie läßt erst 
das Denkmal - einen würfelförmigen Block - 
als Kriegswürfel erscheinen, dem ein Orna- 
ment zuzufügen, ein Verbrechen wäre, um ab- 
wandelnd den berühmten Satz von Adolf 
Loos zu gebrauchen. 
Wilhelm Kreis: Großes Mahnmal in Rußland, Federzeichnung 
aus: Die Baukunst 194? 
Eine solche Architektur ruft die Erinnerung 
an den Essai sur l’Art Etienne Boullees® wach. 
In diesem Traktat findet sich die bemerkens- 
werte Notiz: „Les Egyptiens nous ont laisse 
des examples fameux. Leur pyramides sont 
vraiment caracteristiques en ce qu'elles 
presentent l’image triste des monts arides et de 
l’immutabilite“. Diese Feststellung legitimiert 
ihn, Grabmalsarchitekturen mit einer 
schmucklosen Oberfläche auszustatten, um 
ihnen eine düstere Atmosphäre zu sichern, 
denn erst die ungeteilte Masse vermittelt eine 
Aura von Unveränderlichkeit: „Je ne me suis 
pas meme permis d’en detailler la masse, afın 
de lui conserver le caract&re de limmu- 
tabilite“. 
In demselben Jahr als Kracauers „Ginster“ 
erschien, beschreibt Paul Joseph Cremers® in 
seiner Peter-Behrens-Monographie die von 
diesem berühmten Architekten entworfenen 
Grabdenkmäler für den ersten deutschen 
Reichspräsidenten Friedrich Ebert und den 
Konzernherrn Hugo Stinnes mit folgenden 
Worten: „Was diesen Stil (Behrens) der geisti- 
gen und seelischen Harmonisierung betrifft, 
so kann man viele Werke dafür anführen: es ist 
nicht zuletzt das durch die Monumentalität 
des Einfachen, des absolut Schlichten, unver- 
gleichlich würdige und edel zu nennende 
Denkmal, das Behrens für den Heidelberger 
Friedhof geschaffen hat. Dann die /apidare, 
düster majestätische Form, die er dem Ent- 
wurf des Mausoleums für den Industriellen 
Hugo Stinnes zu geben verstand“. 
Während Boullee und Kracauers Soldaten- 
friedhofs-Architekt, aber auch Behrens der 
Memorialarchitektur einen düsteren „carac- 
tere“ verleihen, um im Sinne einer „architec- 
ture parlante“ ihre „utilitas“ zu veranschauli- 
chen, während es sich also hier um Bauten 
handelt, die für Tote bestimmt sind, sind die 
Parteibauten des „Dritten Reiches“ - allen 
voran das Münchener Parteiforum - in erster 
Linie für Lebende konzipiert, für Lebende je- 
doch, die durch die Architektur, auf die alle 
Kategorien einer Memorial- und darüber 
hinaus Fortifikationsarchitektur projiziert 
sind, zu einer heroischen Lebenseinstellung 
verführt und damit gleichsam zum Tode über- 
redet werden sollen, für Lebende, die in ihrer 
bedingungslosen Unterwerfung unter einen 
charismatischen Führer mit den Toten die 
Sprachlosigkeit, die kolonnenmäßige Aus- 
richtung, die Unfähigkeit aus sich selbst 
heraus zu agieren und sich selbst zu verwirk- 
lichen, gemeinsam haben. Anders gesagt, die 
Architektur des NS-Regimes war auf eine for- 
mierte-uniformierte Masse ausgerichtet, die 
verbal zu einer „Volksgemeinschaft“ digniert, 
dahingehend manipuliert worden ist, sich in 
der Person des Führers inkarniert zu sehen, 
gemäß der Devise Hitlers: „Alles was ich bin, 
bin ich durch Euch, alles was ihr seid, seid ihr 
durch mich“. 
Da es nicht darum ging, der Masse zu ihrem 
Recht zu verhelfen und diese sich selbst ver- 
wirklichen zu lassen, d.h. ein politisches Be- 
wußtsein zu entwickeln, kann der von Archi- 
tektur umschlossene Raum. bzw. Platz nicht 
als institutionalisierter Ort von miteinander in 
Kommunikation Tretenden angesehen wer-
	        

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