Volltext: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

Meinhold Lurz 
„... ein Stück Heimat in Fremder Erde” 
Die Heldenhaine und Totenburgen des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge 
links: Der 1932 eingeweihte Heldenhain in Langemarck/ 
Flandern ist ein Werk des Volksbunds Deutscher Kriegsgräber- 
fürsorge (VDK) Robert Tischler. Die Eingangshalle von 
Eangemarck bildete eine profane Gedächtniskapelle. In 
seinem Äußeren erinnert der Bau an Bunkerarchitektur und 
den Westwall. Die Gestaltung des Türgewändes geht auf 
germanische Dolmen zurück. Im Innern sind die Namen der 
hier ruhenden Gefallenen an den Wänden in Eichenholz 
geschnitzt 
rechts: In den dreißiger Jahren übernahm der VDK den Typ 
der Totenburg. Deren berühmtes Vorbild lieferte das 
Reichsehrenmal von Tannenberg. Die Totenburgen bildeten 
eine Verbindung von Burg im Äußeren, Sakralraum im 
Innern und manchmal, wie in Annaberg/ Oberschlesien, 
Versammlungsraum. Die Thingstätte am Fuß des Freikorps 
Ehrenmals diente dazu, durch politische Propagandaschau- 
spiele die Lebenden zur Nachfolge der Gefallenen 
aufzumuntern 
A: 30. Oktober 1936 bekannte der ’Bun- 
desführer’ des Volksbunds Deutsche 
Kriegsgräberfürsorge e.V., der in Heidelberg 
promovierte Germanist Dr. Siegfried Emmo 
Eulen: 
„Als ich vor 17 Jahren den Volksbund gründete, schwebten 
mir die Ziele vor: die heldische Lebensauffassung im deut- 
schen Volke wieder zu erwecken; die Ehrenstätten unserer 
Gefallenen in aller Welt zu Mahnmalen deutscher Art aus- 
zugestalten und die Opferbereiten zu einer Gemeinschaft 
im Volksbund zu sammeln. Diese Ziele waren den art- und 
volksfremden Machthabern des Jahres 1919 nicht genehm.” 
Eulen bekannte sich zur nationalsozialistischen Mystik der 
Scholle, indem er fortfuhr: „Die Erde, um die der Soldat 
gestritten hat und die er in letzter Hingabe sich als Eigen- 
tum erkämpfte, ist uns heilig. Wir lieben diese Erde so tief 
und innig, wie nur der Bauer und der Soldat sie lieben kön 
nen.” 
Stolz blickte der Volksbund noch im No- 
vember 1944 auf seine — im Sinne des Natio- 
nalsozialismus — Progressivität zurück, etwa 
in den Worten von ’Bundesamtsführer’ Otffo 
Margraf: 
„Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge bedeutete Be- 
sinnung auf Ehre und Größe der Nation, auf das heldische 
Opfer und den Todesmut unserer Gefallenen, auf die Dan- 
kespflicht gegen diese Toten, er bedeutete Besinnung auf 
das Deutschtum überhaupt und Einsatz für deutsche Kul- 
turwerte. Solche Gesinnung war den damaligen Machtha: 
bern mit ihren jüdischen Söldlingen aufs tiefste verhaßt. 
Beide, Bundesführer wie Bundesamtsfüh- 
rer, legten dabei nicht nur anbiederungsfreu- 
dige Bekenntnisse zum Nationalsozialismus 
ab; vielmehr entsprach ihr Selbstverständnis 
durchaus der historischen Entwicklung des 
Volksbunds. Eulen hatten den Verein am 26. 
November 1919 als Ergänzung zur amtlichen 
’Kriegergräberfürsorge’ gegründet und war 
seither Generalsekretär und Erster Schrift- 
führer.” Der Anlaß bestand 1919 darin, daß 
der amtlichen Dienststelle das nötige Geld 
fehlte. Nur ein privater Verein, dessen Ver- 
mögen den Reparationszahlungen entzogen 
war, konnte helfen. Anfangs waren seine 
Ziele mit denen der Dienststelle identisch 
und ergänzten sie durch die Organisation von 
Angehörigenreisen zu Soldatenfriedhöfen, 
die Planung eines jährlichen Reichstrauer- 
tags und die finanzielle Hilfe von Angehöri- 
gen Gefallener.” 
Aufgrund seiner politischen Ziele, die aus 
den Artikeln in der Vereinszeitschrift 
’Kriegsgräberfürsorge’ hervorgehen, bildete 
der Volksbund gerade keinen Bund des gan- 
zen Volkes, sondern eine Sammelstelle von 
nationalen bis rechtsradikalen Gruppen. Sie 
hielten an den Idealen der Frontsoldaten fest, 
verherrlichten das Kriegserlebnis der Kame- 
radschaft, pflegten die Dolchstoßlegende. 
lehnten die Weimarer Republik ab und plan- 
ten die Fortsetzung bzw. Wiederholung des 
Kriegs bis zum Endsieg. Charakteristisch für 
diesen Geist fiel eine Außerung von Bundes- 
führer Eulen nach Ausbruch des 2. Welt- 
kriegs aus. An Weihnachten 1940 begrüßte er 
das anbrechende neue Jahrzehnt mit den 
Grußworten: 
„Wir Lebenden haben die Pflicht der Arbeit, des Kampfes 
und des Opfers. Iin dieser soldatischen Haltung tragen wir 
die Fahne weiter in ein neues Jahr des Sieges, in ein neues 
Jahrzehnt der bedingungslosen Hingabe für Großdeutsch- 
land und seinen Führer 7” 
Konsequent meldete sich Eulen zur neuen 
Wehrmacht an die Front. Anstatt aus der 
Trauer um Gefallene die künftige Vermei- 
dung von Kriegen zu folgern, bekannte sich 
der Volksbund zur Wiederholung des Schick- 
sals der Gefallenen. Statt Abrüstung plante 
er Aufrüstung und mahnte zur Nachfolge der 
Gefallenen.” 
Seit 1926 schaltete sich der VDK in die 
Ausbauarbeiten auf deutschen Soldatenfried- 
höfen im Ausland ein. Zu deren Gestaltung 
beschäftigte er den Gartenarchitekten Robert 
Tischler. Einige Zahlen demonstrieren den 
Aufschwung des Vereins. Im Jahr 1926 — zu 
Beginn der Friedhofsausbauten — beliefen 
sich die Ausgaben auf ca. 24.000 RM, 1930 
bereits auf fast 570.000 RM. Im Jahr 1924 
hatte der Verein rund 58.600 Einzelmitglie- 
der; 1930 waren es bereits 138.000. Ebenfalls 
1924 versorgte die Zeitschrift ’Kriegsgräber- 
fürsorge’ 7.000 Bezieher, 1930 über 50.000.” 
Schon bis 1932 hatte Tischler einen präfa- 
schistischen Stil der Friedhofsgestaltung ent- 
wickelt. Dabei traten die Massengräber der 
unbekannten Toten als ideelle Zentren in den 
Mittelpunkt der Anlagen und dominierten 
deren optischen Eindruck. 
In den Massengräbern war die Individuali- 
tät des Einzelnen aufgehoben. Die Toten exi- 
stierten nur noch als anonymer Teil des Kol- 
lektivs. Die im Tragen einer Uniform liegen- 
de Tendenz zur Gleichmachung Aller kam im 
Massengrab zur Verwirklichung. Übergänge 
von den Anlagen des 1. Weltkriegs bis zu die- 
sem Typ lassen sich an Tischlers Friedhofsge- 
staltungen Schritt für Schritt nachzeichnen. '® 
Zunächst verzichtete er auf individuelle 
Grabkreuze und rückte die Bepflanzung der 
Friedhöfe als bestimmenden Eindruck in den 
Vordergrund. Es entstanden Heldenhaine, 
die sich nach entsprechend langem Wuchs 
der Bäume zu Naturdomen entwickeln soll- 
ten. Eichen und Linden ersetzten dabei die 
Pfeiler. Die auf Tacitus zurückgreifende, an- 
geblich typisch germanische Natursymbolik 
feierte fröhliche Urständ’ und setzte die in 
den Befreiungskriegen begonnene Tradition 
fort. Am Ende ließ Tischler sogar die na- 
mentliche Kennzeichnung der Gräber ganz 
weg. Sie erhielten nur noch eine Nummer. 
Die Namen der auf dem Friedhof ruhenden 
Gefallenen wurden zunächst noch auf Stelen 
zusammengefaßt, die um das zentrale Ehren- 
mal der Anlagen, möglichst nahe bei den 
Massengräbern standen.‘ Im U-Boot-Eh- 
renmal von Kiel-Möltenort faßte Tischler sie 
schließlich nur noch in einem Buch zusam- 
men. 
Der einzelne Soldat galt am Ende dieser 
Entwicklung als anonymer Teil der Gemein- 
schaft, für die er sein Leben ließ. Nicht das 
Individuum zählte, sondern nur noch das 
Wohl des allmächtigen Staats. Oder wie es in 
Langemarck 1932 mit Heinrich Lersch hieß: 
„Deutschland muß leben auch wenn wir ster- 
ben müssen”, ein im Dritten Reich in Ge- 
dankfeiern und auf Denkmälern häufig wie- 
derholtes Zitat. '” 
Statt der früheren Einzelgrabzeichen wur- 
den Gruppen von Symbolkreuzen aufgestellt, 
die keine Namen trugen und grob bossiert 
blieben. Um Symbole handelte es sich inso- 
fern, als sie eine Einheit angetretener, nur 
eben toter Soldaten meinten, deren Kom- 
mandant vor seiner Truppe stand. Noch die 
Toten standen stramm, wie sie es als Lebende 
getan hatten. Hans Gstettner, der einen wich- 
tigen Aufsatz zur Deutung und Entwicklung 
der Friedhofsanlagen schrieb, meinte dazu: 
„Die kleinen Einheiten aber stehen hintereinander gestaf- 
felt und ausgerichtet, ein Heeresverband, der zur Parade, 
zum ewigen Appell, angetreten ist! Das Kreuz als Grabzei- 
chen hat, so gesetzt, einen ausschließlich soldatischen Sinn 
erhalten ”!? 
Parallel mit der zuvor beschriebenen Ten- 
denz zur Anonymisierung der Toten in einem 
Ehrenhain läßt sich eine zweite feststellen: 
die zentralen Ehrenmale nahmen immer grö- 
ßere Bedeutung an und wurdn immer auf- 
wendiger und monumentaler gestaltet. 
Als Beispiel für den Übergang kann die 
Eingangssituation von Langemarck 1922 gel- 
ten. Nach Art eines germanischen Dolmen 
besteht die Türöffnung aus zwei grob behaue- 
nen Blöcken mit einem Monolith als Sturz. 
Dahinter befindet sich rechts ein Weiheraum 
mit schmiedeeiserner Tür. Darin sind die Na- 
men der hier ruhenden Gefallenen in Eichen- 
holz geschnitzt. !? 
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