Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

ordentlich KO von Keynes gewesen, 
die von ihm empfohlene staatliche Nachfra- 
gesozialisierung in Höhe des privaten nach- 
fragedefizits durch eine öffentliche Kontrolle 
der Investitionen zu ergänzen, ein Zusam- 
menhang, der gerne übersehen wird. 
Es blieb bekanntlich bei einem halbierten 
keynesianischen Reformkonzept, in dem sich 
das Wachstumskartell unter Ausblendung 
aller entwicklungsalternativen bestens ein- 
richten konnte. Ein konsumfeindlicher Wer- 
tewandel konnte aus dieser Optik immer nur 
als Gefahr erscheinen, zudem sich die glei- 
chen Gruppen auch gegen eine kompensato- 
rische staatliche Ersatznachfrage wehrten. 
Während sich der keynesianisch inspirierte 
Zugriff auf Nachfrageteile hauptsächlich im 
Medium des Geldes vollzieht, gab es immer 
schon eine weitere Variante der Indienst- 
nahme des Verbrauchs in seiner Höhe und 
Zusammensetzung im Medium des Rechtes 
oder rechtsähnlicher Normen. Während die 
kompensatorische Budgetpolitik mit Lei- 
stungen und Anreizen die gesamtwirtschaftli- 
che Nachfrage beeinflußt, versucht. es die 
„regulative Politik” mit den Instrumenten 
der Gebote, Verbote, Auflagen, Zutrittsbe- 
schräönkungen, _Genehmigungspflichten, 
Normen usw. ... Mit diesen Instrumenten 
wird erheblicher Einfluß auf die Struktur und 
Höhe des Verbrauchs ausgeübt, ohne daß 
dieser auch immer sofort auffällt. Geschieht 
dies, so möchte ich von „administriertem 
Zwangskonsum” sprechen (vgl. Novy 1980). 
theoretisch kann man mit diesen Mitteln eine 
sinkende Konsumneigung rückgängig 
machen sowie die Struktur der Konsumaus- 
gaben so verschieben, daß eine größere 
Nachfrage beispielsweise in die Wachstums- 
branchen fließt. Ich habe an anderer Stelle zu 
zeigen versucht, daß es in Deutschland eine 
lange Tradition der Regulierungspolitik als 
Wachstums- und Modernisierungspolitik gab 
— wobei alle Trägervarianten vorkommen: 
industrielle Selbstverwaltung, korporative 
Institutionen, Staat. meine These wäre 
sodann, daß sich sowohl historisch wie auch 
heute — und gerade in Krisen — erzwungene 
Verschiebungen der Verbrauchsstrukturen 
nachweisen lassen, die den Wachstumsbran- 
chen zu Gute kommen und die zum anderen 
die mit dem Wertewandel verbundenen Ten- 
denzen unterlaufen. Direkt erfolgt letzteres, 
indem die frei verfügbaren Einkommen- 
steile, die als Nachfrage oder Unterstüt- 
zungsbeiträge in die „alternative Okonomie” 
fließen, zu Gunsten ‚der lebensnotwendigen 
beschnitten werden. Schon jetzt sind die 
Umsätze und Unterstützungshilfen für alter- 
native Medien, Gaststätten, Projekte viel- 
fach rückläufig. Indirekt wird der Wertwan- 
del im Sinne konsum-, besitz- und leistungs- 
kritischer Einstellungen allmählich rückgän- 
gig gemacht. Materiell verunsichert fällt man 
leicht auf besitzstandsicherndes Verhalten 
zurück. 
Der entscheidende Beitrag zur Struktur- 
veränderung der Ausgaben der privaten 
Haushalte ging von der Verteuerung der 
Energie und einiger Rohstoffe aus; und 
deren Folgen (auch vermittels regulativer 
Politik) wie Lagerhaltungspflicht, Doppel- 
fenster, Energiesparmaßnahmen usw. sind 
noch lange nicht ausgestanden. Das histori- 
sche Äquivalent während der Weltwirt- 
schaftskrise waren die durch die Umstellung 
auf Autarkie geschaffenen neuen Märkte für 
Ersatzstoffe, die ebenfalls erheblich zur Ver- 
teuerung der Reproduktionen beitrugen. 
Jedenfalls frustrierten diese massiven Umge- 
wichtungen in der Bedürfnishierarchie all die 
Hoffnung, die man mit dem Wertewandel 
verband. Er ist vermutlich nur temporärer 
Ausdruck einer bestimmten Phase der kapi- 
talistischen Entwicklungsdynamik, eng an sie 
gebunden und keinesfalls schon Einstieg in 
den freiwilligen Ausstieg aus der Arbeitsge- 
sellschaft. 
4. Die schwierigen Alternativen 
Eine Automatik des Übergangs war zwar 
beliebte Idee vieler Reformbewegungen, 
gleichwohl hat es nie gestimmt. Die Hoff- 
nungen, die viele an die Tertiärisierung der 
Wirtschaft und des Konsums kKnüpften, 
haben sich — wie Gershuny deutlich zeigen 
konnte — als aus der Luft gegriffen erwiesen. 
Die hochtechnologisierte und industrieab- 
hängige Selbstbedienungswirtschaft des 
kommenden privaten Haushaltes mit hohem 
Eigenarbeitsanteil ist sicherlich nicht das, 
was sich viele unter informellem Sektor vor- 
gestellt haben. Auch scheint mir sehr zwei- 
felhaft, ob selbst eine massive Verschlechte- 
rung der Umweltbedingungen und damit der 
Lebensbedingungen wirklich die Reaktion 
hervorrufen werden, auf die viele Oko- 
Sozialisten setzen. Was spricht dafür, daß 
der von schlechtem Wasser Geplagte jene 
kurzfristigen Symptombekämpfungsstrate- 
gien — etwa teure Wasseraufbereitungsanla- 
gen, getrennte Kreisläufe in allen Häusern 
—, die angeboten werden, ablehnen wird. 
Solche für den Verbraucher teuren Problem- 
märkte legitimieren sich fast von selbst: 
dahinter steht die große Koalition der Wach- 
stumsinteressen: Industrie, Gewerkschaften, 
Bürokratie und Politik. 
Schließlich ist die Grundfigur der ökoso- 
zialistischen Alternative noch zu unklar: 
„Zurückdrängung des formellen Sektors der 
Ökonomie bei Ausdehnung von Eigenaktivi- 
täten”. Dadurch sollen einerseits die im for- 
mellen Sektor nicht mehr unterzubringenden 
Arbeitslosen absorbiert werden, zum ande- 
ren die positive Verwirklichung von Lebens- 
und Arbeitsvorstellungen möglich werden. 
Ob wirklich von einer „Expansion des infor- 
mellen Sektors” als einer der „auffälligsten 
entwicklungen der letzten Zeit” ae 
werden kann, scheint mir mehr als fragwür- 
dig. die bloße wissenschaftliche Entdeckung 
bislang ungesehener ÖOkonomieformen 
(Eigen-, Schwarz-, Schattenarbeit usw.), 
macht noch keine wirkliche Reform aus (als 
Bezugspunkt für den ganzen Abschnitt: Ber- 
ger 1982). 
Mir scheint die Scheidung formeller und 
informeller Sektor reformpraktisch nicht 
plausibel. Lassen sich nicht Teile des formel- 
len Sektors aus der Rendite- und Konkur- 
renzdynamik herausnehmen? Dann würden 
Eigen- und Versorgungswirtschaften entste- 
hen, die gleichwohl Teil des steuer- und lohn- 
zahlenden, sozialprodukterwirtschaftenden 
und kalkulierenden formellen Sektors blie- 
ben. Im Grundsatz sind das heute schon viele 
Familienbetriebe, die kleineren Baugenos- 
senschaften. Aber auch größere Produk- 
tionseinheiten ließen sich bedarswirtschaft- 
lich führen und könnten auch so ein Teil 
einer ökologisch bewußten Produktionspoli- 
tik sein. Voraussetzung wäre immer die Neu- 
tralisierung des Kapitals und die Herauslö- 
sung aus der Konkurrenzdynamik. Aber 
dazu bedarf es wieder staatlicher Abschir- 
mungsmaßnahmen (vgl. hierzu Novy 1979: 
für die Wohnungswirtschaft Novv 1982). 
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