Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

Der Titel verspricht mehr, als ich in dem kur- 
zen Beitrag zu halten vermag; es wäre sicher- 
lich nicht abwegig, vom Autor eine Eröterung 
über die wirtschaftspolitischen Vorausset- 
zungen ökologischen Bauens und Wohnens 
etwa zu verlangen, daß er nach einer Skiz- 
zierung der wesentlichen Elemente einer öko- 
logischen Wirtschaftspolitik daranginge, die 
wirtschaftspolitischen Instrumente und Maß- 
nahmen im einzelnen zu begründen und ihre 
Auswirkungen auf den Bausektor und Wohn- 
formen im einzelnen zu erörtern. Ich will es je- 
doch dem Leser überlassen, die Verbindungs- 
linien zwischen ökologischer Wirtschaftspoli- 
tik und ökoligischem Bauen und Wohnen im 
großen und ganzen selbst zu ziehen und mich 
darauf beschränken, die wesentlichen Elemen- 
te einer ökologischen Wirtschaftspolitik zu 
skizzieren. Diese Skizze ist ein erster, unab- 
dingbarer Schritt für eine umfassendere Er- 
Öörterung des Themas, nicht mehr und nicht 
weniger. So sehr beide Themengebiete jeweils 
für sich genommen sich größter Aufmerksam- 
keit erfreuen, so fehlen doch gründlichere 
Analysen der Interdependenzen zwischen 
ökologischer Wirtschaftspolitik einerseits, 
ökologischem Bauen und Wohnen anderer- 
seits. Es ist ja nicht einmal hinreichend klar, 
durch welche Merkmale Bauen, Wohnen und 
Wirtschaften sich eindeutig als ökologisch 
auszeichnen. In beiden Fällen, so scheint es, 
rückt die ökologische Idee nur zu oft in die 
Rolle eines Wundermittels, das die Befreiung 
von den Fehlern der Vergangenheit und einen 
Ausweg aus all den Problemen, in welche die 
bisherige Bau-, Wohnungs- und Wirtschafts- 
politik geführt hat, verspricht. Wenn ich im 
folgenden versuche, die Grundpositionen 
einer ökologischen Alternative in der Wirt- 
schaftspolitik (genauer: der Arbeitsmarktpo- 
litik) aufzuzeigen, dann weiß ich sehr wohl, 
daß schon die Wortverbindung: „ökologische 
Alternative“ eher eine sprachliche Verlegen- 
heit zum Ausdruck bringt, denn eine präzise 
Bezeichnung für eine „neue“ Ausrichung der 
Wirtschaftspolitik. Aus der Natur lassen sich 
keine Richtlinien für die Politik gewinnen und 
Naturerhaltung ist in mehr als einer gesell- 
schaftlichen Form möglich. Die Erhaltung der 
Vielfalt der Arten ist eine kulturelle Norm und 
oft gehörte Vorstellung wie „Kreislaufwirt- 
schaft“, „natürliches Gleichgewicht“ sind teils 
sehr problematisch, teils sagen sie nichts 
Gehaltvolles über die konkrete Organisation 
des Wirtschaftslebens aus. 
Ich werde mich der so eingegrenzten 
Aufgabe, die Grundpositionen einer ökolo- 
gischen Alternative der Wirtschafts- und Ar- 
beitsmarktpolitik anzugeben, in vier Schrit- 
ten entledigen: 
Erstens möchte ich klarlegen, wozu die ökolo- 
gische Alternative eine Alternative ist; zwei- 
tens möchte ich verdeutlichen, worin die we- 
sentlichen wirtschaftspolitischen Elemente 
einer ökologischen Alternative bestehen; drit- 
tens möchte ich präzisieren, worin die ökolo- 
gische Alternative ökologisch ist; und viertens 
schließlich möchte ich in ein paar Worten 
deutlich machen, durch welche programmati- 
schen Grundzüge die geschilderte Alternative 
alternativ ist. 
Zunächst einmal beanspruchen ökologische 
Positionen, eine Antwort auf die Wachstums- 
krise der industriell-kapitalistischen Gesell- 
schaften zu geben. Bezogen auf die Arbeits- 
und Berufswelt enthält diese Krise drei Aspek- 
te: einen Mangel an Arbeitsgelegenheiten, das 
Scheitern der Vollbeschäftigungspolitik und 
der zunehmende Verlust des Sinns der Arbeit. 
Joachim Berger 
Wirtschaftspolitische 
Voraussetzungen 
ökologischen Bauens und 
Wohnens 
Der Mangel an Arbeitsgelegenheiten betrifft 
das ökonomische System der Gesellschaft, das 
Scheitern politischer Anstrengungen, Vollbe- 
schäftigung herzustellen, ‘| das politische 
System und die Bedrohung des Sinns der Ar- 
beit durch ein Angebot von Arbeitsplätzen, 
auf denen entweder die Ausübung beruflichen 
Könnens verunmöglicht wird oder die in Pro- 
duktionszweigen lokalisiert sind, deren ge- 
sellschaftlicher Sinn umstritten ist, betrifft das 
kulturelle System der Gesellschaft. In einer 
Formel zusammengefaßt: Arbeitsgelegenhei- 
ten werden zunehmend knapper, Wachstums- 
politiken vermögen diese Knappheit nicht 
mehr aufzufangen (sie steigern sie eventuell 
nur noch) und fortdauernde Rationalisierung 
sowie die Abtrennung der Arbeitenden von 
einer Einflußnahme auf das Produkt ihrer 
Arbeit stellt den Sinn dieser Arbeit (Selbstver- 
wirklichung im Beruf) auf den verbleibenden 
Arbeitsplätzen in Frage. 
Anhaltende und noch weiter ansteigende 
Massenarbeitslosigkeit, Stagnation und in 
einem Wandel der Arbeitswerte sich ausdrük- 
kende Zweifel am Sinn der Arbeit bezeugen, 
daß die Grundlagen der Wachstumsgesell- 
schaften der Nachkriegszeit sich in einer tie- 
fen Krise befinden, welche die konjunkturelle 
Dynamik aneinander ablösender Auf- 
schwungsphasen übersteigt. Krisen, verstan- 
den als Herausforderung und Infragestellung 
der institutionellen Struktur einer Gesell- 
schaftsordnung, sind Phasen beschleunigten 
und verdichteten sozialen Wandels. Die west- 
lichen Industriegesellschaften befinden sich 
heute in einer solchen Phase krisenhaften 
sozialen Wandels, die entweder auf ein neues 
Stadium der kapitalistischen Entwicklung 
hindeutet, dessen tragendes Muster noch un- 
gewiß ist, oder sogar auf einen säkularen 
Bruch, bei dem mehr auf dem Spiel steht als 
die Ablösung eines alten und die Einleitung 
eines neuen Stadiums der kapitalistischen 
Entwicklung. Gleich ob die gegenwärtige 
Krise in einen säkularen Rahmen gestellt oder 
im Rahmen einer Theorie der Stadien der 
kapitalistischen Entwicklung analysiert wird, 
auf politischer Ebene zeichnen sich heute vier 
Antworten auf die Herausforderung durch die 
ökonomische, politische und kulturelle Krise 
ab: eine marktwirtschaftliche, eine etatisti- 
sche, eine korporativistische und ökologische. 
Welche Richtung oder welcher Mix von Rich- 
tungen des Umbaus der institutionellen 
Struktur sich durchsetzt, läßt sich heute nicht 
mit Sicherheit sagen. Am wahrscheinlichsten 
erscheint mir eine Spielart des korporativisti- 
schen Umbaus der Gesellschaft, mit Abstand 
am unwahrscheinlichsten die ökologische 
Restrukturierung, Ich gebe im folgenden nur 
knappe, nur die  Okonemie betreffende Stich- 
worte zu den einzelnen Restrukturierungs- 
richtungen, um zu verdeutlichen, mit welchen 
politischen Strategien eine ökologische Alter- 
native konkurriert. 
a) Die marktwirtschaftliche Lösung: die kri- 
senanalytischen Stichworte lauten: Ressour- 
cenüberlastung durch Auseinanderklaffen 
von Anspruchsmentalität und wirtschaftli- 
chen Möglichkeiten, Kostenüberlastung der 
privaten Wirtschaft, Einschnürung privater 
Entscheidungsmöglichkeiten. Der Ausweg 
soll liegen in Kostenentlastung und dadurch 
herbeigeführter Verbesserung der Ertragslage 
der Unternehmen, De-Regulierung der Öko- 
nomie, „vertrauensbildende Maßnahmen“ im 
Rahmen einer „angebotsorientierten“ Politik, 
insgesamt also einer Befreiung des Marktes 
vom Alpdruck aus Gewerkschaftsmacht und 
staatlicher Einmischung („die Wirtschaft muß 
wieder durchatmen können“). 
b) Die sozialdemokratisch-etatistische Lö- 
sung der Krise .durch mehr Verstaatlichung. 
Da die Ursache der wirtschaftlichen Krise im 
Marktversagen liegt und nicht bei der Ein- 
schränkung der Marktwirtschaft durch staat- 
liche Regulierung, kann ihre Überwindung 
auch nicht in einer gesteigerten Privatisierung, 
sondern nur umgekehrt in der Richtung der 
Verstaatlichung gesucht werden. Investitions- 
lenkung, Verstaatlichung von Schlüsselin- 
dustrien, Wirtschaftsplanung etc. lauten hier 
die die Richtung der Restrukturierung anzei- 
genden Stichworte. Vertreten wird ein solches 
Programm von „traditionssozialistischen“ 
Kräften in der SPD und den Gewerkschaften, 
der Memorandumsgruppe, orthodoxen Kom- 
munisten etc. 
c) Die neo-korporativistische Lösung. Weder 
durch mehr Markt noch durch mehr Staat 
allein, sondern durch die Beteiligung „inter- 
mediärer“ Organisationen wie der großen Ver- 
bände des Arbeitsmarktes kann der durch den 
Ölpreisschock, Verwerfungen der internatio- 
nalen Weltwirtschaft etc. bedingte Struktur- 
wandel der Wirtschaft bewältigt werden. Die 
fetten Jahre sind vorüber. Im „Modell 
Deutschland“ sollen die kommenden mageren 
Jahre durch eine politisch in Kauf genomme- 
ne und kontrollierte Spaltung durchstanden 
werden. Der Kern der Wirtschaftspolitik be- 
steht darin, die Weltmarktposition des west- 
deutschen Kapitals zu stärken. Aber nicht alle 
Teile der Volkswirtschaft können sich in der 
harten Weltmarktkonkurrenz behaupten. Der 
möglicherweise aufkeimende Protest der 
herausgedrängten Arbeitnehmergruppen soll 
einerseits durch sozialstaatliche Leistungen 
abgefangen werden oder durch das Angebot 
von Alternativrollen in Familie und Haushalt, 
erweiterten Bildungsphasen, vorgezogenen 
Altersruhephasen etc. unschädlich gemacht 
du:
	        

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