Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

Alternativer Druckbetrieb /Köln 
werden. Französische Autoren haben diesem 
Krisenlösungsmuster den Namen „sektoraler 
Dualismus“ gegeben. 
d) Im scharfen Kontrast zum sektoralen 
Dualismus strebt die ökologische Alternative 
einen /emporalen Dualismus an. Die Krisen- 
analyse rechnet für die nächste Zukunft mit 
einer Wachstumsgesellschaft ohne Wachstum 
als zentralem Tatbestand. Und auch wenn 
Wachstum wieder möglich wäre, so wäre es 
noch lange nicht wünschbar. Dagegen spre- 
chen die heute erst in vollem Ausmaß sichtbar 
werdenden katastophalen Umweltschäden, 
die die Wachstumsperiode hinterlässen hat. 
Dementsprechend wird die Lösung von 
Arbeitsmarktproblemen nicht in der Expan- 
sion des Gütermarktes durch Erweiterungsin- 
vestitionen gesucht; dagegen spricht schon, 
daß für die nächsten Jahre mit Rationalisie- 
rungsinvestitionen, die die Rate des techni- 
schen Fortschritts steigern, als vorherrschen- 
dem Investitionstyp zu rechnen ist („dritte 
industrielle Revolution“). Der Verdrängungs- 
prozeß des Menschen durch die Maschine hat 
zum Resultat, daß die Arbeit ihre zentrale 
Rolle in der Produktion verliert. Angesichts 
dieser Entwicklung heißt temporaler Dualis- 
mus: Egalisierung des Zugangs für alle arbeits- 
willigen Männer und Frauen zu insgesamt ver- 
minderten Arbeitsgelegenheiten. Diese Egali- 
sierung kann erreicht werden durch entweder 
allgemeine Arbeitszeitverkürzung oder durch 
individuelle, auf Freiwilligkeit basierende Ar- 
beitszeitverkürzung (Teilzeitarbeit, job-sha- 
ring etc.). 
Die Diskussion über Effizienz, Widerstände 
und Folgen (z.B. versicherungsrechtlicher 
Art) solcher Maßnahmen ist in Gang. Wo die 
menschliche Arbeit ihre zentrale Rolle in der 
Produktion verliert, entsteht die Möglichkeit 
und zugleich der Zwang zum Aufbau eines 
zweiten Lebensschwerpunktes außerhalb der 
verfaßten Arbeit („informelle Aktivitäten“). 
Arbeitszeitverkürzung und egalitärer Zutritt 
zum formellen Sektor der Ökonomie besitzen 
somit Bedeutung weit über den Umkreis der 
Arbeitsmarktpolitik hinaus. Sie zeigen das 
Entstehen einer neuen Ökologischen In- 
dustriekultur und einer neuen politischen 
Kultur an. 
Damit bin ich schon mitten im zweiten 
Abschnitt meiner Aufgabe: worin besteht die 
auf die Lösung von Arbeitsmarktproblemen 
bezogene ökologische Alternative der Wirt- 
schaftspolitik? Ihren Kern bildet die Verkop- 
pelung von Arbeitszeitverkürzungsmaßnah- 
men, Sicherung eines egalitären Zutritts zu 
insgesamt knapperen Arbeitsgelegenheiten 
und einer Verschiebung ökonomischer Aktivi- 
täten von „formellen“ zu „informellen“. Der 
Foto: laif / Günter Bee 
amerikanische Ökonom Feige hat zwischen 
„observed“ und „unobserved“, beobachteten, 
(staatlich registrierten) und hicht beobachte- 
ten wirtschaftlichen Aktivitäten unterschie- 
den. Die letzteren zerfallen wiederum in zwei 
Untergruppen, „monetary“ und „nonmone- 
tary“, je nachdem, ob sie (Geld) einkommens- 
wirksam sind (wie Schwarzarbeit, aber auch 
Steuerhinterziehung, Diebstahl), oder ob sie 
dieses wie Selbstversorgung und Hauswirt- 
schaft nicht sind. Ein etwas geändertes Bild 
ergibt sich, wenn man von der Lohnarbeit als 
zentralem Tatbestand ausgeht und unter in- 
formellen Aktivitäten alle die Arbeiten zu- 
sammenfaßt, die nicht gegen Lohn erbracht 
werden und das heißt: nicht dadurch in Gang 
kommen, daß sich der Arbeitnehmer dem 
Kommando eines Arbeitsgebers, sei dieser 
nun ein Privater oder eine staatliche Behörde, 
unterwirft. Selbständigkeit und Haushaltlich- 
keit sind dann die großen historischen Alter- 
nativen zur Lohnarbeit und der Grad ihrer Al- 
ternativität wird dadurch geprägt, inwieweit 
es gelingt, neue Formen der Haushaltlichkeit 
und der Selbständigkeit (z.B. Genossenschaf- 
ten, alternative Ökonomie etc.) zu etablieren. 
Welche Aktivitäten im einzelnen auch immer 
zu den informellen gezählt werden, in jedem 
Fall besteht der Kern der skizzierten ökologi- 
schen Alternative nicht darin, neben der 
etablierten, formellen Ökonomie eine zweite 
informelle Ökonomie aufzubauen, die dann 
zwangsläufig eine Armutsökonomie wäre, 
einem Schattendasein neben der dominanten 
ersten Ökonomie fristete und am Ende so öko- 
logsich im Sinne von umweltfreundlich gar 
nicht sein müßte (man denke z.B. nur an die 
Altölbeseitigung in der beobachteten formel- 
len Ökonomie einerseits und auf den Hinter- 
höfen der zweiten informellen Ökonomie 
andererseits). Vielmehr besteht der wichtigste 
Grundzug der ökologischen Alternative in der 
Idee einer Verzahnung und Rekombination 
wirtschaftlicher Tätigkeiten in der einen 
Ökonomie. 
Worin diese „Verzahnung“ und Rekombi- 
nation“ besteht, möchte ich kurz erläutern: 
Weder ist die bezahlte berufliche Arbeit die 
einzige Form der Bewältigung gesellschaft- 
licher Aufgaben, noch ist es ausgemacht, daß 
der überlegene Modus der Bewältigung 
gesellschaftlicher Aufgaben jedweder Art eine 
Ausdehnung der bezahlten, beruflichen Ar- 
beit ist. Vielmehr, das ist jedenfalls /llichs 
Vermutung, ist eine solche Ausdehnung auf 
einem bestimmten Punkte kontraproduktiv; 
sie neigt dazu, mehr Probleme zu schaffen, als 
sie zu lösen in der Lage ist. Z.B. werden 
gesundheitliche Beschwerden und Krank- 
heiten nicht nur professionell, sei es durch 
selbständig praktizierende. oder in Kran- 
kenhäusern angestellte Ärzte behandelt, son- 
dern auch informell in einem Laiensystem und 
außerhalb des offiziellen medizinischen Ver- 
sorgungssystems. Schätzungen geben den 
Anteil der im Laiensystem der Familie, 
Nachbarschaft und Selbsthilfe kurierten 
Krankheiten und Beschwerden mit zwei 
Dritteln an. Die Kritik an der Allzuständigkeit 
und Kompetenz des Arztes in Fragen der 
Gesundheit ist heute weit verbreitet. Die 
praktische Einlösung dieser Kritik bedeutet 
jedoch nicht die Abschaffung des ärztlichen 
Berufsstandes, sondern die Rekombination 
professionell ärztlicher Berufsausübung mit 
Laienaktivitäten zur Bewältigung von Krank- 
heitsrisiken. Diese so einleuchtende gesund- 
heitspolitische Idee (Zurückdrängung formel- 
ler, Verknüpfung informeller mit formellen 
Aktivitäten, Förderung des Laienpotentials) 
läßt sich auf das gesamte Feld personenbezo- 
gener Dienste ausdehnen. Weitere Anwen- 
dungsfelder desselben Grundgedankens sind 
Handwerk und Landwirtschaft, Hausbau und 
Reparatur, also Gebiete, die nicht zufällig 
vom alten „Mittelstand“ besetzt sind. Anders 
als in der öffentlichen arbeitsmarktpolitischen 
Debatte, die beherrscht ist von dem Zusam- 
menbruch bekannter Konzerne (Agfa, Arbed, 
AEG) könnte die angedeutete arbeitsmarkt- 
politische Alternative dazu beitragen, die Auf- 
merksamkeit verstärkt auf kleine Betriebe als 
arbeitsmarktpolitische und reformpolitisch 
relevante Gruppierung zu lenken. 
Worin ist nun drittens die ökologische 
Alternative ökologisch? Von den im vorigen 
Abschnitt skizzierten ersten drei Antworten 
auf die krisenhafte Herausforderung des be- 
stehenden Institutionsystems zeichnet sie sich 
durch eine radikalisierte Kritik des Wachs- 
tums aus. Zwar rechnen alle vorgestellten 
wirtschaftspolitischen Strategien heute, wenn 
nicht schon mit gänzlich ausbleibendem 
Wachstum, so doch jedenfalls mit im histori- 
schen Vergleich drastisch gefallenen Wachs- 
tumsraten (die historisch gesehen ja nur die 
Rückkehr zur Normalität nach dem Ausnah- 
mezustand der Nachkriegszeit darstellen) und 
beurteilen die für die nahe Zukunft machba- 
ren Wachstumsraten eher zurückhaltend. Re- 
levante Unterschiede bestehen dennoch in 
Bezug auf die Wünschbarkeit des Wachstums 
und den Glauben an die Problemlösungskapa- 
zität dieses „Mittels“. 
In der Nachkriegszeit fungierte Wachstum 
als der Mopp, mit dem die Arbeitslosigkeits- 
pfütze simpel und scheinbar preiswert aufge- 
wischt werden konnte. Wachstum, also die 
globale Ausdehnung des Produktionsvolu- 
mens, sicherte nicht nur Beschäftigungsmög- 
lichkeiten, sondern gleichzeitig die Steigerung 
der Reallöhne (ohne an der relativen Einkom- 
mensposition unterschiedlicher sozialer 
Schichten viel zu ändern). Erst heute haben 
wir einen genaueres Wissen von den Kosten 
dieses Mittels und von den sozialen, ökologi- 
schen und ökonomischen Grenzen seiner 
weiteren Verfügbarkeit. Dennoch ist dieses 
Lösungsmuster im soziologischen Sinne insti- 
tutionalisiert: es prägt das Denken und die 
Verhaltensweisen so, daß Alternativen zu ihm 
die gesellschaftliche Anerkennung fehlen. Das 
Ausmaß, in dem dies der Fall ist, zeigt sich z.B. 
auf der Linken in der Weigerung, von generel- 
len Einkommenssteigerungspolitiken wegen 
ihrer Ineffizienz, der Neutralisierung des Ver- 
teilungsaspekts und ihrer schädlichen ökolo- 
gischen Folgen Abstand zu nehmen und dafür 
die Idee der Umverteilung vorhandener Ein- 
kommen (auf dem Wege eines Abtauschs von 
Lohneinkommen gegen freie Zeit) stärker zu 
betonen. Vollends als Utopie behandelt wird 
die Vorstellung, solche Reformen im Kon- 
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