Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

sum - und Reproduktionsbereich durchzufüh- 
ren, die auf eine Minderung des Zwangs 
hinauslaufen, die Reproduktion durch Lohn- 
forderungen zu sichern(z.B.anstelle des Ein- 
kaufs teurer Energie auf dem Markt Einspa- 
rung von Energie und Produktion von Ener- 
gien „im Hause“). Die ökologische Alternati- 
ve läßt sich in der Tat der großen Gruppe von 
Reformbestrebungen zurechnen, die eine Ab- 
kopplung von industriell - marktwirtschaftli- 
chen Systemen durch eine Senkung der Re- 
produktionskosten anstreben. Wiederum 
kann ein Blick auf die Struktur der Energieer- 
zeugung und des Energieverbrauchs lehren, 
daß Verbrauchsenkung nicht zwangsläufig 
Wohlfahrtsminderung bedeuten muß („den 
Gürtel enger schnallen“). 
Die skizzierte Position ist ferner darin öko- 
logisch, daß sie eine andere Technikentwick- 
lung anstrebt. Mit der Technik gerät eine 
zweite Achse sozialen Wandels neben der Ver- 
teilungsachse in den Blick. Sanfte versus harte 
Technologien, niedriger anstelle hohen Ener- 
gieverbrauchs lauten die die angestrebte Neu- 
erung andeutenden Stichworte. Nicht die 
Technik an sich ist ja naturzerstörerisch und 
entfremdend, indem sie die Arbeit zerstückelt 
und den Arbeiter seiner Qualifikationen be- 
raubt (aber auch nicht erst, wie das die Dis- 
kussion Ende der 60er Jahre nahelegte, ihre 
Anwendung durch kapitalistische Unterneh- 
mungen). Vielmehr verfällt eine bestimmte, 
kapitalistisch geprägte Gestalt der industriel- 
len Technik der ökologischen Kritik: jener 
Techniktypus, der sich durchgesetzt hat, ist 
eine beschränkte und überholte Gestalt der 
Technik wegen der in sie eingebauten Rück- 
sichtslosigkeit gegen die natürliche Umwelt 
und wegen der Verkümmerung der in der Ar- 
beitskraft enthaltenen kreativen Potenzen. 
Die ökologische Technikkritik wendet sich 
nicht gegen moderne Maschinen, sondern 
faßt, wie dies in der Antikernkraftbewegung 
sichtbar wird, einen neuartigen Typus der Mo- 
dernisierung ins Auge. Sie predigt kein „Lang- 
samer“, oder schlicht nur ein „Rückwärts“, sie 
will auch nicht nur „bewahren“ anstatt zu „be- 
wirken“, sondern will vielmehr modernste wis- 
senschaftliche Erkenntnisse zur Durchsetzung 
einer mit der Natur pflegerisch umgehenden 
Technik benutzen. Am Beispiel der Mikro- 
elektronik und der neuen Medien wäre zu zei- 
gen, daß die Technikgeschichte nicht einfach 
als linear fortschreitende Entfremdung inter- 
pretiert werden kann und daß eine Politik der 
bloßen Blockade der neuen Kommunikations- 
techniken zur Wirkungslosigkeit verdammt 
sein wird. Auf diese Weise würde z.B. das zur 
Lösung anstehende Problem ja nur verscho- 
ben, wie die neuen Medien im Rahmen einer 
Ökologischen Industriekultur sich progressiv 
nutzen lassen. 
Es ist gewiß nicht unmittelbar einzusehen, 
warum viertens eine Politik der Arbeitszeit- 
verkürzung eine Alternative der Wirtschafts- 
und Arbeitsmarktpolitik darstellen soll. For- 
derungen nach Arbeitszeitverkürzung werden 
als _arbeitsmarktpolitische Maßnahme 
schließlich quer durch die Parteien und Ver- 
bände erhoben und kaum ein Beitrag zur Ar- 
beitsmarktpolitik vergißt, sie als strategisches 
Element zur Lösung der Beschäftigungskrise 
zu erwähnen. Eine ökologisch motivierte Ar- 
beitszeitverkürzung erhält jedoch ihre spezifi- 
sche Gestalt erst durch das Ausmaß (z.B. soll 
man Halt machen bei der Forderung nach der 
35-Stundenwoche?), die Randbedingungen 
(z.B. die Frage eines Lohnausgleichs propor- 
tional zur Arbeitszeitverkürzung) und die 
Intention solcher Maßnahmen. 
To 
MH. 
Hier nur ein paar Stichworte zu den Inten- 
tionen: die Implikationen einer generellen Ar- 
beitszeitverkürzung reichen weit über die Wie- 
derherstellung eines Arbeitsmarktgleichge- 
wichts hinaus. Der eigentliche Sinn der Maß- 
nahme liegt ja gar nicht in der Effizienzstei- 
gerung des Arbeitsmarktes, sondern in dem 
Einstieg in eine neue Entwicklungslogik der 
industriellen Gesellschaften des Westens. Al- 
lerdings: diese neue Entwicklungslogik darf 
nicht mit einem Exodus aus der Industriege- 
sellschaft verwechselt werden. Dem System 
soll vielmehr der expansionistische Stachel ge- 
zogen werden, die Arbeitskräfte durch Aus- 
dehnung des Gütervolumens in die Produk- 
tion zu integrieren. Lief die Nachkriegsent- 
wicklung im großen und ganzen darauf 
hinaus, die Warenproduktion dadurch zu ver- 
allgemeinern, daß absolut und relativ immer 
größere Teile der Bevölkerung sich ihre 
Existenz durch Verkauf der Arbeitskraft auf 
Arbeitsmärkten und Kauf der zur Existenzsi- 
cherung nötigen Mittel auf Gütermärkten si- 
cherte, so würde die Durchsetzung der geschil- 
derten Verknüpfung von verkürzten Arbeits- 
zeiten mit informellen Aktivitäten einen 
Bruch mit dieser Entwicklungsrichtung und 
eine Abkoppelung des vollzeitbeschäftigten 
Arbeitnehmers vom Markt bedeuten. Sie 
würde in einer Revitalisierung von Arbeitsfor- 
men bestehen, die durch die Ausweitung der 
Lohnarbeit gerade verkümmert sind. 
Der angedeutete Sachverhalt kann leicht 
mißverstanden werden. Es wird nicht das Bild 
einer in zwei Sektoren gespaltenen Ökonomie 
entworfen, sondern das einer Ökonomie, in 
der sich formelle und informelle Aktivitäten 
mischen und verzahnen. Die herrschende, auf 
eine sektorale Trennung herauslaufende Ver- 
teilung solcher Aktivitäten, ihre unterschied- 
liche gesellschaftliche Anerkennung und poli- 
tische Förderung ist es ja gerade, was zur Kri- 
tik herausfordert. Wenn von der Vorstellung 
Abschied genommen wird, Beschäftigung 
über Wachstum herzustellen, warum soll dann 
für 7 - 10% der Arbeitsuchenden die Arbeits- 
zeit im formellen Sektor um 100% gekürzt 
werden, während der Rest Vollzeitarbeits- 
plätze sehr unterschiedlicher Attraktivität 
innehat? Und warum soll der Zugang zum 
System der staatlichen Sozialleistungen an 
den Besitz einer Lohnsteuerkarte gebunden 
bleiben? Durch Rekombination informeller 
und formeller Aktivitäten der Ökonomie, die 
die Optionen von jedermann und jeder Frau 
auf beide Tätigkeitsbereiche steigert, könnte 
die bestehende Abschottung zwischen for- 
mellem und informellem Sektor, zwischen den 
in den Wirtschaftskreislauf Eingeschlossenen 
und den Ausgeschlossenen, eingerissen wer- 
den. 
Die wichtigste Voraussetzung für eine sol- 
che, auf Arbeitszeitverkürzung aufbauende 
Rekombination liegt aber in geänderten Kon- 
sumstrukturen als Komplement zu Än- 
derungen der Arbeit selbst in den Dimen- 
sionen der Organisation der Arbeit („Huma- 
nisierung“), der Output- Struktur und der 
Produktionstechnik. Von einer neuen Ent- 
wicklungslogik nur in Begriffen der Produk- 
tionslogik zu denken und den Konsum- und 
Reproduktionsbereich zu übersehen, er- 
scheint mir reformpolitisch harmlos. Dererste 
Schritt, diese reformpolitische Blindheit zu 
überwinden, besteht in der Ablösung des 
Konsumbegriffs von dem Konsum materiel- 
ler Güter, seiner Ausdehnung auf den Konsum 
vornehmlich sozialer Dienste und die Ent- 
deckung der geänderten aktiven Konsumen- 
tenrolle in diesem Konsumtionsprozeß (vgl. 
Gartner / Riessmann). Am Beispiel des auf 
dem Individualverkehr beruhenden Verkehrs- 
wesen und des Wohnungswesens mit dem Ein- 
familienhaus als seiner Säule ließe sich zeigen, 
wie eine Vermischung informeller und formel- 
ler Aktivitäten eine Anderung von Konsum- 
strukturen in Richtung auf Entkommerziali- 
sierung und Entindividualisierung (was nicht 
heißt: Entliberalisierung und Zwangskollekti- 
vierung) begünstigt, die ohne Verarmungsef- 
fekte den Zwang zur Erwerbsarbeit lockert, 
das Verhältnis von Produzenten und Kon- 
sumenten neu ordnet und insgesamt humane- 
re Arbeits- und Lebensformen als die be- 
stehenden verspricht. In verschiedenen Auf- 
sätzen z.B. von ARCH+ 45 u. 62 sind Ansätze 
hierzu auf dem Feld der Wohnungspolitik 
vorgestellt worden, z.B. die am Halb/Halb- 
arbeiter im Gegensatz zum Vollzeitbeschäftig- 
ten ausgerichteten‘ reformpolitischen Ideen 
von Martin Wagner und aus den 20er Jahren 
(Uhlig), als Idee eines „Wohnungsbaus für 
Eigenarbeiter“ (Schwarz) und die Idee der 
Wiederbelebung gemeinwirtschaftlicher 
Wohnraumversorgung (Mühlich). 
Zusammengefaßt: a) Arbeitszeitverkürzung 
ist das reformpolitische Kernstück für den 
Einstieg in eine neue Entwicklungslogik der 
Gesellschaft; b) bei reduzierter Arbeitszeit ver- 
mischen sich in der einen Ökonomie informel- 
le und formelle Aktivitäten zu einem neuen 
Gleichgewicht; c) die Egalisierung des Zutritts 
zu verschiedenen Sphären wirtschaftlicher Tä- 
tigkeiten impliziert geänderte Konsumstruk- 
turen und darin eingeschlossen, eine neue ak- 
tive Konsumentenrolle, z.B. in den Bereichen 
sozialer Sicherheit, Verkehr und Wohnen; d) 
die Eingrenzung der formellen Arbeitszeit pro 
Individuum durch _Arbeitszeitverkürzung 
wird ergänzt durch eine Änderung der Ar- 
beitsorganisation, der Arbeitsprodukte und 
der Arbeitstechnik. 
Abschließend: ich habe eine arbeitsmarkt- 
politische, wirtschaftspolitische und gesell- 
schaftspolitische Programmatik vorgestellt; 
insofern handelt es sich im Vorstehenden um 
einen in gar nicht abschätzigen Sinne „ideolo- 
gischen“ Diskurs, d.h. eine auf Ideen bezogene 
Erörterung. In der Kürze der Zeit habe ich 
darauf verzichtet, auf Folgen und Funktio- 
nen, Ressourcen und Restriktionen einer öko- 
logischen Alternativstrategie im einzelnen ein- 
zugehen. Ohne hier den Nachweis antreten zu 
können, bin ich doch davon überzeugt, daß 
die Krise des Arbeitsmarkts und mit ihm die 
Krise der Arbeitsgesellschaft in der skizzier- 
ten Form lösbar ist. Eine ganz andere Frage 
ist, ob diese Lösung die wahrscheinlichste für 
die nächste Zukunft darstellt. Betrachte ich 
die politischen Widerstände, die Machtver- 
teilung, aber auch die Aversion und Diskus- 
sionsverweigerung in der Linken, die der sich 
abzeichnenden Spaltung der Gesellschaft ohn- 
mächtig überkommene Sozialismusvorstel- 
lungen oder auf der Wachstumsgesellschaft 
aufbauende Sozialstaatsillusionen entgegen- 
hält, dann bin ich überaus skeptisch. Gleich- 
wohl: die Art und Weise, wie die Krise des Ar- 
beitsmarkts gelöst wird, entscheidet über die 
Richtung, in der der Umbau des Institutions- 
systems des wohlfahrtsstaatlichen Kapitalis- 
mus vorgenommen wird. Dies allein ist Moti- 
vation genug, in Auseinandersetzung mit den 
Einwänden, die Konsistenz, Machbarkeit und 
Durchsetzbarkeit dieses Programms bestrei- 
ten, zu zeigen, daß es keine Vision ist, sondern 
eine anschlußfähige Alternative zu dem 
Zustand, auf den die Gesellschaft der Bun- 
desrepublik sich hin bewegt.
	        

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