Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

A Is Ernst Rudorff‘, Lehrer für Musik- 
geschichte an der Musikhochschule in 
Berlin, im Jahre 1897 das Buch Heimat- 
schutz? schreibt, prägt er einen neuen Begriff: 
Denn bis zu jenem Zeitpunkt ist der Begrifl 
„Heimatschutz“ nur im militärischen Sinn 
verwandt worden. 
Aber vor was für einem Feind ist das 
Vaterland zu verteidigen, wenn - wie in 
diesem Fall von Rudorff - kein militärischer 
Feind gemeint ist? Diese Frage zu beantwor- 
ten heißt, sich mit den Zielsetzungen des 
Deutschen Bundes Heimatschutz auseinan- 
derzusetzen. Die Gründung des Deutschen 
Bundes Heimatschutz ist im Zusammenhang 
mit der des Deutschen Werkbundes und der 
Deutschen Gartenstadtgesellschaft zu sehen: 
drei reformerische Antworten auf die In- 
dustrialisierung und die damit verbundenen 
sozialen Widersprüche, die sich in der wil- 
helminischen Gesellschaft seit den siebziger 
Jahren des vorigen Jahrhunderts entfaltet 
haben. Im folgenden wollen wir eine kurze 
Zusammenfassung der Zielsetzungen der 
Heimatschutzbewegung liefern, einer Bewe- 
gung, die im allgemeinen in der Geschichte 
der modernen Architektur Deutschlands aus 
Gründen, die wir an dieser Stelle aus 
Platzmangel nicht weiter analysieren können. 
vernachlässigt wird. 
Der Deutsche Heimatschutz, im März 1904 
in Dresden gegründet, vereinigt die vielen 
örtlichen deutschen Gesellschaften mit glei- 
cher Zielsetzung, und ab 1905 gibt er sein 
offizielles Presseorgan, die Mitteilungen des 
Bundes Heimatschutz, heraus; darüber hin- 
aus gibt es zahlreiche weitere Zeitschriften 
lokaler Verbreitung. Im Oktober 1933 löst 
sich der Bund auf, um als „Abteilung 
Heimatschutz“ im Reichsbund Volkstum und 
Heimat aufzugehen, und er wird der 
Abteilung Architektur der Deutschen Ar- 
beitsfront und der Arbeitsgemeinschaft Hei- 
mat und Haus angegliedert. Werner Lindner, 
Ingenieur und Geschäftsleiter des Bundes von 
dessen Gründung an, wird 1934 Leiter des 
neuen Bundes und 1939 Leiter der Arbeits- 
gemeinschaft Heimat und Haus. 
Die Aufgaben des Bundes Heimatschutz 
sind vielfältig: „Denn eigentlich berühren sich 
alle Arbeiten, die irgendwie die sichtbare 
Gestaltung unseres Landes zum Ziele haben, 
mehr oder minder auch mit den Aufgaben des 
Heimatschutzes.“ In der Tat „muß man sich 
zunächst klarmachen, daß das Bild unseres 
Landes, wie wir es heute sehen, zum größten 
Teil ein Werk von Menschenhand ist“3, und 
das nicht nur, was die eigentlichen Bauwerke 
angeht, sondern auch was die Natur, die 
Grünflächen, ja die gesamte Oberfläche des 
Landes und des Meeres betrifft. „Sich selbst 
überlassenes Land gibt es schon aus dem 
Grunde kaum noch, weil unser ganzes 
Vaterland bis auf den letzten Quadrat- 
zentimeter durch die Katasterämter eingeteilt 
und Eigentümern zugeschrieben ist.“ 
Die Zielsetzung des Bundes liegt darin, die 
Herrschaft über ein vollkommen neuartiges 
Phänomen zu gewinnen, nämlich über die 
Entwicklung der Technik und die „über- 
raschende“ Gestalt, welche diese seit Beginn 
des 19. Jahrhunderts angenommen hat. 
Es handelt sich um die gleiche Problema- 
tik der industriellen Produktion, die auch den 
Deutschen Werkbund beschäftigt, in diesem 
Fall jedoch auf der allgemeineren Ebene der 
Gestaltung der Umwelt insgesamt. 
Heimatschutz heißt, die kulturellen Werte 
des eigenen Landes zu verteidigen, sowohl die 
gebauten (Denkmalpflege) als auch die natür- 
lichen (Landschaftsschutz). Der Verdienst 
des Bundes Heimatschutz liegt darin, durch 
zahlreiche, weitverbreitete Zeitschriften die 
Aufmerksamkeit einer großen Öffentlichkeit 
auf die „anonyme“ Architektur, auf die 
„Örtliche“ und „typische“ Architektur gelenkt 
Ludovica Scarpa 
Anmerkungen zum 
Deutschen Bund Heimat- 
schutz 
zu haben, die werliger „Kunstwerk“ als 
vielmehr „gebaute Umwelt“ ist. Die Aktivi- 
täten des Bundes werden mit Aufmerksam- 
keit von den offiziellen Organen des Reiches 
verfolgt: Seine Vorschläge fließen zum Teil 
(zwischen 1902 und 1905) in die preußische 
Gesetzgebung gegen die Verschandelung der 
Landschaft, zum Schutz von Wasser und 
Natur ein. 
Der Bund Heimatschutz beschränkt sich 
nicht auf Vorschläge, das Vorhandene 
unverändert zu erhalten oder architektoni- 
sche Formen der Vergangenheit zu verwen- 
den. Er unterstützt z.B. die Restaurierung des 
größten Teils der historischen städtischen 
Bauwerke, wobei der Innenausbau modernen 
Erfordernissen angepaßt werden soll bei 
gleichzeitigem Erhalt des äußeren Erschei- 
nungsbildes. Dies ist „notwendig“, wenn das 
Gebäude einen unverzichtbaren Teil des 
städtischen Gewebes insgesamt‘ darstellt. 
Der gesamten Neubautätigkeit gegenüber 
nimmt der Bund eine didaktische Haltung 
ein, wobei er sich sowohl an die Laien als auch 
an die Fachleute wendet, damit „alles 
Neugeschaffene von dem Grundgesetz aus- 
geht, daß die neue Umwelt dem deutschen 
Volke eine ihm gemäße Heimat bilden 
kann“, Für den Bund existiert jegliche 
Kultur nur in ihrer Beziehung zu einer ganz 
bestimmten Umwelt, d.h. zu einer fest 
umrissenen Landschaft und zu einem ganz 
bestimmten Volk. Von einer solchen Vor- 
stellung von Kultur als Bindeglied zur eigenen 
Heimat ist, wie in vielen Schriften des Bundes 
offenbar wird, der Schritt zur Rassentheorie 
nicht weit, ebenso der Schritt zu einer anti- 
städtischen Einstellung, wie sie vom Bund 
vertreten wird, und der Schritt zum Imperia- 
lismus in dessen theoretischen Ansätzen. 
Es ist offenkundig, daß die moderne 
Technik die Möglichkeiten beeinträchtigt 
hat, eine Beziehung zwischen der Vergangen- 
heit und der Gegenwart herzustellen: Gerade 
mit dieser Notwendigkeit einer Beziehung 
zwischen dem Gestern und dem Heute, 
zwischen Kultur und Zivilisation, beschäftigt 
sich Werner Lindner in seinen Veröffent- 
lichungen. Er reiht z.B. in seinem Buch 
Bauten der Technik® die Gebäude, die aus den 
neuen industriellen Erfordernissen resultie- 
ren, in eine historische und typologische 
Kontinuität ein. Für den fähigen Entwerfer 
kann es, so Lindner, keine „neue Sachlich- 
keit“ geben, die man einer „alten“ entgegen- 
setzen und an die man sich halten könnte: Nur 
eine vernünftige Beschäftigung mit den 
Gesetzen der Formgebung und des Typus 
erlaubt ein Verständnis jener „Gesetze der 
Harmonie“, die es anzuwenden gilt, und zwar 
in allen Fällen, bei jeweiliger Berücksichti- 
gung der örtlichen Besonderheiten. Es geht 
nicht darum, starre Gesetze herzuleiten, die 
für jeden Entwurf Gültigkeit besitzen, son- 
dern darum, diese Gesetze auf den physischen 
Kontext unserer Umwelt zu beziehen. Weit 
davon entfernt, ein unüberwindbares Hinder- 
nis für die Entwurfspraxis zu sein, werfen die 
ökonomische Entwicklung und die indu- 
strielle Produktion die anregendsten Pro- 
blemstellungen auf, mit denen sich der 
Heimatschutz auseinanderzusetzen hat. 
Lindner spricht von der Schönheit der 
Ingenieurkonstruktionen: Gerade die neuen 
Aufgaben, welche die moderne Technik den 
Ingenieuren stellt, erlauben diesen, sich von 
traditionellen Formen zu lösen, um „Exem- 
plarisches“ zu schaffen. Diese Konstruk- 
tionen sind oft „in einem ganz wesentlichen 
Maße durch die Suche nach der notwendigen
	        

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