Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

Einheit zwischen dem Schönen und dem 
Zweckmäßigen geprägt“. Es geht darum, den 
Entwurf der neuen technischen Gebäude 
beherrschen zu lernen und diese auf typische 
Proportionen zurückzuführen, wie im Falle 
jedes anderen Werkes, das in die Umwelt des 
Menschen versetzt wird. Konsequenterweise 
beschäftigt sich Lindner auch mit Straßen, 
Eisenbahn, Kanalisation sowie mit Werbung 
und Leuchtreklame in ihren Beziehungen zur 
städtischen Umwelt.8 
Es ist kein Zufall, daß der Bund mit dem 
Deutschen Werkbund zusammenarbeitet, 
wenigstens bis 1927. Die Verwandtschaft 
mancher der theoretischen Annahmen Wer- 
ner Lindners mit denen einiger „sozial- 
reformerischer“ Architekten offenbart eine 
ähnliche Einstellung den konkreten Proble- 
men gegenüber, welche die Wirklichkeit 
aufwirft: Es ist deshalb eher problematisch als 
klärend, wenn man auf Begriffe wie „kKonser- 
vativ“ und „progressiv“ zurückgreift, um die 
Rolle der Architekten in den ersten Jahr- 
zehnten unseres Jahrhunderts in Deutschland 
zu bestimmen. Sich von diesen Begriffen 
freizumachen bedeutet, an einem neuen 
Ausgangspunkt der historischen Betrachtung 
jener Epoche zu stehen. Dem angeblichen 
historischen „Bruch“ durch viele der be- 
kannten „Pioniere“ ziehen wir die Heraus- 
stellung des Grundansatzes vor, nämlich des 
Versuches, von seiten der Architektenschaft 
die bloße „Zufälligkeit“ der Entscheidungen 
bei der Gestaltung der Umwelt zu überwin- 
den. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, 
schlägt derjenige, der sich auf ’Regeln’ beruft, 
die Achtung vor der Tradition und der Natur 
bezeugen, qualitativ analoge Lösungen vor, 
wie derjenige, der sich auf Normen beruft, die 
von einer angeblichen Übereinstimmung von 
Zweck, Material, Konstruktion und Form 
abgeleitet sind.? Beide „Ansätze“ weisen eine 
beträchtliche „Autonomie“ gegenüber der 
konfliktträchtigen Wirklichkeit auf, insofern 
sie die Existenz präziser Regeln als wissen- 
schaftliche Grundlage des Eingriffs in die sich 
in Veränderung befindliche Gesellschaft 
voraussetzen. Die gesamte Fachwelt, sowohl 
die „moderne“ als auch die des „Heimat- 
schutzes“, arbeitet an Programmen, um die 
Realität zu „normieren“, doch gleichzeitig 
liefert sie der Republik die Funktionäre, 
welche die Kompromisse der Realität der 
zwanziger Jahre zu verwalten haben: Gerade 
in diesem Zwiespalt zwischen den Normen 
der Fachdisziplin und der Realität der tat- 
sächlichen Entwicklung läßt sich die Beson- 
derheit des organisatorisch-urbanistischen 
Experiments der Architektur der Anfänge 
unseres Jahrhunderts und der zwanziger 
Jahre in Deutschland am besten studieren. 
Übersetzung aus dem Italienischen: 
Michael Peterek 
Anmerkungen: 
1) Zur Person von Ernst Rudorff und den Anfängen der 
Heimatschutzbewegung bis 1904 vgl. Robert Mielke, 
„Meine Beziehungen zu Ernst Rudorff und die Grün- 
dung des Bundes Heimatschutz“, Brandenburgia, 
Berlin, XXXVIII. Jg., 1929, Nr. 1. 
Ernst Rudorff, Heimatschutz, 1897. Vgl. auch die 
Neuauflage, herausgegeben von Paul Schultze-Naum- 
burg, 1926. 
Paul Schultze-Naumburg, „Heimatschutz“, Hand- 
wörterbuch des Wohnungswesens, Jena, 1930, S.354- 
357. Zit. S.354. 
Ebd. 
Ebd. 
Werner Lindner, Bauten der Technik, ihre Form und 
Wirkung, Berlin 1927. 
7) Werner Lindner, Der Heimatschutz im neuen Reich, 
Leipzig 1934, S.42-43. 
3) Vgl. Werner Lindner, Technische Kulturdenkmale, 
München 1931, und ders., Außenreklame, Berlin 1936. 
‘\) Es überrascht nicht, daß in der Zeitschrift „Schwäbi- 
sches Heimatbuch“ Bücher von Bruno Taut, Adolf 
Behne und Ludwig Hilberseimer positiv rezensiert 
werden. Vgl. „Schwäbisches Heimatbuch“, Essling 
a.R., 1928, S.154-155 und 1929, S.141-143 
Julius Posener 
„Kulturarbeiten” von 
Paul Schultze-Naumburg 
D er Einfluß der Kulturarbeiten kann 
schwer überschätzt werden. Er ging weit 
über die Kreise der Architekten und Städte- 
bauer, auch über die der Kunstbeflissenen 
hinaus: Man fand sie in den Bücherschränken 
des Bildungsbürgertums, und ich entsinne 
mich lebhaft meiner Begeisterung, als mir als 
einem Jungen von vierzehn Jahren einer der 
Bände geschenkt wurde, der Liebe, mit der 
ich ihn wieder und wieder las und ansah und 
der Sicherheit, die das meinem sich bilden- 
den Geschmack verlieh. Ich möchte hier 
gleich bemerken, daß ich das Werk nach 
mehr als fünfzig Jahren mit einem Beifall wie- 
der gelesen und durchgesehen habe, der dem 
damals von mir gefühlten nur wenig nach- 
steht; und das ist darum bemerkenswert, weil 
der Verfasser Schultze-Naumburg als einer 
der entschiedensten Vertreter des National- 
sozialismus in der Architektur in unserem 
Bewußtsein verankert ist: als einer der 
Blubo-Männer, der Schützer der deutschen 
Landschaft vor den zerstörenden Eingriffen 
des Fremden; als einer der wortreichsten 
Verneiner der neuen Architektur und als ein 
Führer der Kunst im Dritten Reich. Wer sich 
also heute mit den ’Kulturarbeiten’ befaßt, 
tut es zunächst ganz gewiß ohne Wohlwollen. 
Daß dieser Widerstand suspendiert werden 
kann, spricht für die Wirksamkeit der 
Methode Schultze-Naumburgs: ein knapper 
Text, welcher sich nicht an Fachleute wendet, 
sondern an älle; viele Abbildungen, welche 
die Beobachtungen des Textes bekräftigen; 
die Gegenüberstellung von Beispiel und 
Gegenbeispiel: die Demonstration ist so 
schlagend, daß man ihr auch heute nicht 
widerstehen kann, wobei man nicht ohne 
Verlegenheit bemerkt, daß einige der Gegen- 
beispiele uns heute beinahe erhaltenswert 
erscheinen. Man denkt ohne Freude daran, 
daß die Demonstration um so viel schlagen- 
der gewesen wäre, wenn Schultze-Naumburg 
unsere Gegenbeispiele zur Verfügung gestan- 
den hätten. 
Die Bücher, welche zwischen dem Anfang 
des Jahrhunderts und dem Jahre 1916 
erschienen, wurden von der Zeitschrift ’Der 
Kunstwart’ herausgegeben und von Georg 
Callwey, München, verlegt. Es sind handlıi- 
che Bände. Der Zeilenabstand ist weit; und 
da die Bücher zum größten Teil aus Bildern 
bestehen, so kann man einen Band mit Leich- 
tigkeit in wenigen Stunden lesen und anse- 
hen. Das Papier ist stark, und es glänzt nicht, 
es schimmert, man kann es als halbmatt 
bezeichnen. Dieses Papier, welches sich für 
die Fotoreproduktion so viel besser eignet als 
Hochglanzpapier, wurde damals mit Vor- 
liebe für Kunstbücher benutzt. In den ’Kul- 
turarbeiten’ steht jeweils nur ein Bild auf 
einer Seite, und die Bilder nehmen in keinem 
Falle die ganze Seite ein: Will der Autor eine 
Abbildung besonders betonen, so legt er ein 
Faltblatt ein. Man nimmt das Buch selbst als 
eine Arbeit der Kultur in die Hand. (...) 
Nun sind aber Schultze-Naumburgs Bilder 
nicht nur wirksam im Sinne der Propaganda: 
Sie sind Kunstwerke der Fotografie. Es sind 
seine eigenen Aufnahmen, wenigstens zum 
allergrößten Teil: Von den zweihundert bis 
dreihundert Abbildungen eines Bandes stam- 
men nur wenige nicht von ihm. Einige hat 
Otto Bartning aufgenommen; die englischen 
Beispiele hat Muthesius aus seiner Sammlung 
beigesteuert; nicht ganz wenige konnte man 
damals im Kunsthandel kaufen, besonders 
natürlich Bilder von Straßen und Plätzen, 
Schlössern und Burgen. (...) 
Seine Aufnahmen bringen das, worauf er 
hinweisen will, auf das deutlichste zur Dar- 
stellung. Seine verbalen Hinweise sind nicht 
weniger präzis; gewiß, es unterlaufen ihm 
Lyrismen, besonders wenn von der Land- 
schaft die Rede ist; und selbstveständlich 
kommt es zu Wiederholungen, wie es nicht 
anders sein kann, wenn einer mit so großer 
Leidenschaft eine These vertritt. Man darf 
aber sagen, daß die Lyrismen verhältnismä- 
ßig selten sind; und daß er sich nicht allzuoft 
wiederholt: Er beobachtet genau und mit der 
zartesten Einfühlung; man bemerkt mit 
Beschämung, wie unscharf man selbst beob- 
achtet, wie wenig man sieht. Und vor Wie- 
derholungen schützt ihn einigermaßen 
immerhin die Weite seines Interesses und sei- 
ner Kenntnis. Ihr Umfang wird erst in den 
drei letzten, der Landschaft gewidmeten 
Bänden Offenbar: Schultze-Naumburg 
spricht vom Pflanzenwuchs, vom Ackerbau, 
von der Ökologie, von der Geologie, vom 
Forstwesen, von der Regulierung der Flüsse, 
— der Gebäudekunde, des Städtebaues und 
der Geschichte alles Gebauten nicht zu 
gedenken. Die Zeit hatte in ihm den gründli- 
chen, engagierten, feinsinnigen Lehrmeister 
gefunden, dessen sie bedurfte. 
Denn sie bedurfte des Mannes und seiner 
’Kulturarbeiten’. Die Beobachtung hatte sich 
seit (spätestens) 1900 den Gebildeten aufge- 
drängt, daß die Umwelt begonnen hatte, ihr 
Gesicht zu verlieren, daß — um es populär 
auszudrücken — das Alte unweigerlich gut 
war und das Neue ebenso unweigerlich 
schlecht (auch Schultze-Naumburg bedient 
sich dieser populären Abkürzung), daß das 
Haus, die Stadt, die Landschaft, die wir von 
den Vorfahren geerbt haben, in unmittelba- 
rer Gefahr war, vernichtet zu werden; und 
daß es hohe Zeit war, darauf energisch hinzu- 
deuten und zu einer Umkehr aufzurufen. 
Schultze-Naumburgs Stimme war beileibe die 
einzige nicht, die diese Warnung aussprach. 
Verwiesen sei nur auf Paul Mebes’ Eintreten 
für eine Wiederaufnahme der bürgerlichen 
Tradition von 1800, auf Ostendorfs Kritik der 
Architektur seiner Zeit. (...) 
Denn obwohl er, wie Mebes, eine Vorliebe 
für die Zeit um 1800 hat, so umfaßt seine 
Würdigung des baulichen Erbes auch die 
Jahrhunderte vor 1800; und wenn auch er 
schließlich feststellt, daß das achtzehnte Jahr- 
hundert uns näher angehe als das Mittelalter, 
so sagt er auch warum: Damals wich „der 
Gassen quetschende Enge” einer heiteren 
Weiträumigkeit, Behaglichkeit, Aufgeschlos- 
senheit für die Natur. Sein Interesse ist nicht 
auf einen bestimmten Baustil gerichtet; er 
sagt nicht, daß die Zeit um 1800, weil sie bür- 
gerlich gewesen ist, uns besonders viel 
bedeute. In einem alten Hause, einem Bau- 
ernhaus etwa, erblickt er den gültigen 
Audruck der baulichen Aufgabe, die vorgele- 
gen hat; und er betont, daß es sich bei einem 
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