Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

Daß man sich keine Illusionen mache: Das 
regionale Bauen ist tot. Was uns jetzt 
beschäftigt, ist nicht die Leiche, die Möglich- 
keit, sie zu kKonservieren und lebendig 
aussehen zu lassen, sondern die Erinnerung 
an das, was einmal lebendig da war, der 
Mißbrauch, der vom NS damit, als es schon 
tot war, getrieben werden konnte, und die 
neuen Wünsche, Hoffnungen, Begehrlich- 
keiten, die sich heute wieder daran heften. 
Das entscheidende also ist, sich das wirklich 
klar zu machen, wovon män redet, wenn man 
vom Regionalismus redet. 
Was uns vom noch lebendigen regionalen 
Bauen heute trennt, ist vor allem der NS. Das 
ist eine spezifisch deutsche Situation, anders- 
wo ist der Regionalismus friedlicher unter- 
gegangen. Auch in Deutschland natürlich 
wäre eine lange Untergangsgeschichte nach- 
zuzeichnen, die in einigen Bereichen schon 
um 1800 begann, so in Preußen z.B. mit 
David Gillys Buch über die Landarchitektur. 
Es war überall nur eine Frage der Zeit, wie 
lange in einer sich industrialisierenden 
Gesellschaft, bei zunehmender Verwissen- 
schaftlichung und Verstaatlichung der Aus- 
bildung, beides der Landwirte wie der Bau- 
meister, sich noch auf das Generationsüber- 
lieferug gestützte regionale Bauen halten 
konnte. Alles in allem war es zäher als 
manches andere: Als längst die wirkliche 
Tradition regionaler Sagen, Feste, Tänze, 
Lieder, Bräuche erloschen war, hielten sich 
Bauformen und vorkapitalistische Wirt- 
schaftsweisen dank mancher Ungleichzeiti- 
gen der Entwicklung auf dem Lande noch 
aufrecht. Nur die Trachten hatten längeres 
Leben. 
Der NS ist die historische Trennwand für 
uns, weil er - Blut und Boden - noch einmal 
versprach, das alles wiederherstellen zu 
können, zu einem Zeitpunkt, wo das Leiden 
am Verlust bereits so viel Macht über die 
Menschen hatte, daß sich damit, und in 
monströsem Ausmaße, Politik machen ließ. 
Es wäre ein Irrtum, deswegen anzunehmen, 
der NS hätte viel mit regionalem Bauen zu tun 
gehabt. So perfekt die Inszenierung eines 
spezifischen Blu-Bo-Geruches gelang - in 
Jugendherbergen, Schulbauten, Autobahn- 
raststätten und dergleichen konnte man das in 
meiner Kindheit noch überall original nach- 
erleben -, so wenig hatte das jene unerbitt- 
liche Genauigkeit des Hergebrachten und 
Gewohnten, das allererst das Regionale aus- 
macht. Der Heimatstil riecht nicht nach 
Ackererde, sondern stinkt nach Juchten- 
stiefeln. Daß diese Ausbeutung der Trauer 
um das Verlorene das Verlorene derart tief- 
greifend und bis heute denunzieren konnte, 
hat vielmehr damit zu tun, daß in der Tat die 
Deutschen sich massenhaft betrügen ließen. 
Im NS trent uns vom wirklichen regionalen 
Bauen nicht der Mißbrauch, den die Nazis 
davon machten, sondern der Verrat, den die 
Deutschen am wirklich Regionalen begingen 
zugunsten eines am UFA-Film orientierten 
Surrogats, das in fast allen Fällen so abstrakt 
war wie die ästhetischen Abstraktionen des 
Neuen Bauens, die es vergessen machen sollte. 
Das wirklich Regionale ist weder intole- 
rant, noch auf nationale Grenzen fixiert, es ist 
eine Sache von Kulturlandschaften. Kultur- 
landschaften sind vorpolitisch. Heute, wo 
nicht nur die Industriegesellschaft des 19. 
Jahrhunderts am Untergehen ist, sondern 
auch die politische Form, die sie sich gab, 
wird das Vorpolitische des Regionalismus 
zum Versprechen nachpolitischer Identitäts- 
bestimmungen. Das Regionale sitzt nicht im 
Kopf, in nationalen Bestimmungen, in Staats- 
erziehung und Pflichtgefühl. Es sitzt in den 
Lebensverhältnissen. Mit diesen, als sie nicht 
Dieter Hoffmann-Axthelm 
Dialektik des Regionalismus 
mehr aufrechtzuerhalten waren, ging es unter. 
Wenn heute wieder die Lebensverhältnisse 
gegen abstrakte Politik gekehrt werden, in der 
Öko-Bewegung, in der Friedensbewegung, in 
der Alternativkultur insgesamt, dann wird 
das vergangene Regionale zur Sprachschule. 
Nichts davon kann wiederholt werden, aber 
man kann an der Präsenz der Sache - als 
Spurenensemble im sozialen Leben wie als 
Wunschprojekt - erfahren, wes Geistes eine 
dezentrale Kultur, auch Baukultur, sein 
könnte. 
erfahren ließ, was das Wesen des regionalen 
Hauses wirklich ist. Wer so aufmerksam ist, 
hat die Gegenwart bereits aufgegeben. Wenn 
er dann nicht begreift, daß er das tut, wartet er 
auf Fügungen, auf die Macht der Wiederkehr. 
Er hat dann, im phänomenologischen Blick 
versunken, nicht mehr die Schärfe des 
Empfindens, die Mächte zu unterscheiden. 
Wenn der NS-Staat Blut und Boden bauen 
will, so weiß er, was Blut und Boden wirklich 
ist (und dieses Wissen an sich ist nicht 
korrupt, sondern nur blind), und fühlt sich 
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Geometrische Archetypen 
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gefordert mitzumachen zu bauen. So zeichnet 
er Häuser aus Herzblut und Heimaterde für 
einen Staat, dessen einzige Tätigkeit die 
bürokratische Vernichtung des Gemeinten 
ist, die reale Zerstörung des Bodens und das 
reale Blutvergießen. 
Es geht hier nicht um Beschuldigungen, 
sondern um Einsicht. Die. Lothringische 
Baufibel ist nicht schlecht, weil sie im Dienst 
des NS steht. Sie hat nur einen grundlegenden 
Fehler, den, nicht durchsichtig zu sein auf 
das, was sie tut und was es mit ihrem Gegen- 
stand auf sich hat. Unter veränderten 
Haltungen und Verhältnissen hätte sie anti- 
faschistische Zielsetzungen haben können; 
man denke an KEislers Umgang mit der 
musikalischen Tradition nach 1945. Was 
Eislers Umgang mit der Volksmusik wahr 
macht, ist das klare Bewußtsein, jenseits eınes 
tödlichen Untergangs zu stehen und dem 
verratenen Material unter Bedingungen des 
Neuanfangs wieder eine Heimat zu geben. 
Steffann glaubte - oder er handelte so -, daß 
schon der NS dieser Neuanfang sei, und das 
heißt nur, daß er überhaupt keine Klarheit 
besaß über das, was er tat, wenn er das Wesen 
des lothringischen Hauses bauen wollte. 
Steffanns Irrtum ist mit dem Heideggers und 
vieler anderer vergleichbar. Aber Heidegger 
muß man immerhin zugutehalten, daß er jene 
Den Tod des Regionalen bezeichnen am 
deutlichsten die Versuche, es zu retten, die im 
Rückblick noch fast geglückt erscheinen. 
Auch diese Versuche sind heute nur An- 
schauungsmaterial, kein Modell. Letzteres zu 
sein, hindert sie zweierlei: Das eine ist, daß sie 
ohne den Schatten des NS nicht denkbar sind. 
Ich kann mir nicht vorstellen, daß es ein 
genaueres Erfassen regionalen Bauens gibt, 
als wir das in den Arbeiten Emil Steffanns vor 
uns haben. Wenige Striche genügen. Einfach- 
ste Dachformen, traditioneller Umgang mit 
Stein als Gewißheit, daß nicht Formen mit 
Materialien dargestellt werden, sondern in 
ihnen zu sich kommen, daß Zwecke nicht 
nachgebaut, sondern erfüllt werden. Trotz- 
dem ist das alles nur Wahrnehmungsrealität, 
nicht die Sache selbst. Wir sehen das Wesen 
des lothringischen Hauses, aber mit einer 
Deutlichkeit, die uns klarmacht, daß wir eben 
nur sehen, aber nie wieder wohnen und 
arbeiten werden aus diesem Wesen. Eben 
dies, das wir nur noch wahrnehmen können, 
was da ist, zeigt, daß das Wesen des Hauses 
tot ist. Nur weil man nie wieder darin arbeiten 
und wohnen würde, gab es die Geduld, den 
Abstand, die phänomenologische Aufmerk- 
samkeit und Zurückhaltung, aus der sich 
4%?
	        

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