Daß man sich keine Illusionen mache: Das
regionale Bauen ist tot. Was uns jetzt
beschäftigt, ist nicht die Leiche, die Möglichkeit,
sie zu kKonservieren und lebendig
aussehen zu lassen, sondern die Erinnerung
an das, was einmal lebendig da war, der
Mißbrauch, der vom NS damit, als es schon
tot war, getrieben werden konnte, und die
neuen Wünsche, Hoffnungen, Begehrlichkeiten,
die sich heute wieder daran heften.
Das entscheidende also ist, sich das wirklich
klar zu machen, wovon män redet, wenn man
vom Regionalismus redet.
Was uns vom noch lebendigen regionalen
Bauen heute trennt, ist vor allem der NS. Das
ist eine spezifisch deutsche Situation, anderswo
ist der Regionalismus friedlicher untergegangen.
Auch in Deutschland natürlich
wäre eine lange Untergangsgeschichte nachzuzeichnen,
die in einigen Bereichen schon
um 1800 begann, so in Preußen z.B. mit
David Gillys Buch über die Landarchitektur.
Es war überall nur eine Frage der Zeit, wie
lange in einer sich industrialisierenden
Gesellschaft, bei zunehmender Verwissenschaftlichung
und Verstaatlichung der Ausbildung,
beides der Landwirte wie der Baumeister,
sich noch auf das Generationsüberlieferug
gestützte regionale Bauen halten
konnte. Alles in allem war es zäher als
manches andere: Als längst die wirkliche
Tradition regionaler Sagen, Feste, Tänze,
Lieder, Bräuche erloschen war, hielten sich
Bauformen und vorkapitalistische Wirtschaftsweisen
dank mancher Ungleichzeitigen
der Entwicklung auf dem Lande noch
aufrecht. Nur die Trachten hatten längeres
Leben.
Der NS ist die historische Trennwand für
uns, weil er - Blut und Boden - noch einmal
versprach, das alles wiederherstellen zu
können, zu einem Zeitpunkt, wo das Leiden
am Verlust bereits so viel Macht über die
Menschen hatte, daß sich damit, und in
monströsem Ausmaße, Politik machen ließ.
Es wäre ein Irrtum, deswegen anzunehmen,
der NS hätte viel mit regionalem Bauen zu tun
gehabt. So perfekt die Inszenierung eines
spezifischen Blu-Bo-Geruches gelang - in
Jugendherbergen, Schulbauten, Autobahnraststätten
und dergleichen konnte man das in
meiner Kindheit noch überall original nacherleben
-, so wenig hatte das jene unerbittliche
Genauigkeit des Hergebrachten und
Gewohnten, das allererst das Regionale ausmacht.
Der Heimatstil riecht nicht nach
Ackererde, sondern stinkt nach Juchtenstiefeln.
Daß diese Ausbeutung der Trauer
um das Verlorene das Verlorene derart tiefgreifend
und bis heute denunzieren konnte,
hat vielmehr damit zu tun, daß in der Tat die
Deutschen sich massenhaft betrügen ließen.
Im NS trent uns vom wirklichen regionalen
Bauen nicht der Mißbrauch, den die Nazis
davon machten, sondern der Verrat, den die
Deutschen am wirklich Regionalen begingen
zugunsten eines am UFA-Film orientierten
Surrogats, das in fast allen Fällen so abstrakt
war wie die ästhetischen Abstraktionen des
Neuen Bauens, die es vergessen machen sollte.
Das wirklich Regionale ist weder intolerant,
noch auf nationale Grenzen fixiert, es ist
eine Sache von Kulturlandschaften. Kulturlandschaften
sind vorpolitisch. Heute, wo
nicht nur die Industriegesellschaft des 19.
Jahrhunderts am Untergehen ist, sondern
auch die politische Form, die sie sich gab,
wird das Vorpolitische des Regionalismus
zum Versprechen nachpolitischer Identitätsbestimmungen.
Das Regionale sitzt nicht im
Kopf, in nationalen Bestimmungen, in Staatserziehung
und Pflichtgefühl. Es sitzt in den
Lebensverhältnissen. Mit diesen, als sie nicht
Dieter Hoffmann-Axthelm
Dialektik des Regionalismus
mehr aufrechtzuerhalten waren, ging es unter.
Wenn heute wieder die Lebensverhältnisse
gegen abstrakte Politik gekehrt werden, in der
Öko-Bewegung, in der Friedensbewegung, in
der Alternativkultur insgesamt, dann wird
das vergangene Regionale zur Sprachschule.
Nichts davon kann wiederholt werden, aber
man kann an der Präsenz der Sache - als
Spurenensemble im sozialen Leben wie als
Wunschprojekt - erfahren, wes Geistes eine
dezentrale Kultur, auch Baukultur, sein
könnte.
erfahren ließ, was das Wesen des regionalen
Hauses wirklich ist. Wer so aufmerksam ist,
hat die Gegenwart bereits aufgegeben. Wenn
er dann nicht begreift, daß er das tut, wartet er
auf Fügungen, auf die Macht der Wiederkehr.
Er hat dann, im phänomenologischen Blick
versunken, nicht mehr die Schärfe des
Empfindens, die Mächte zu unterscheiden.
Wenn der NS-Staat Blut und Boden bauen
will, so weiß er, was Blut und Boden wirklich
ist (und dieses Wissen an sich ist nicht
korrupt, sondern nur blind), und fühlt sich
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Geometrische Archetypen
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gefordert mitzumachen zu bauen. So zeichnet
er Häuser aus Herzblut und Heimaterde für
einen Staat, dessen einzige Tätigkeit die
bürokratische Vernichtung des Gemeinten
ist, die reale Zerstörung des Bodens und das
reale Blutvergießen.
Es geht hier nicht um Beschuldigungen,
sondern um Einsicht. Die. Lothringische
Baufibel ist nicht schlecht, weil sie im Dienst
des NS steht. Sie hat nur einen grundlegenden
Fehler, den, nicht durchsichtig zu sein auf
das, was sie tut und was es mit ihrem Gegenstand
auf sich hat. Unter veränderten
Haltungen und Verhältnissen hätte sie antifaschistische
Zielsetzungen haben können;
man denke an KEislers Umgang mit der
musikalischen Tradition nach 1945. Was
Eislers Umgang mit der Volksmusik wahr
macht, ist das klare Bewußtsein, jenseits eınes
tödlichen Untergangs zu stehen und dem
verratenen Material unter Bedingungen des
Neuanfangs wieder eine Heimat zu geben.
Steffann glaubte - oder er handelte so -, daß
schon der NS dieser Neuanfang sei, und das
heißt nur, daß er überhaupt keine Klarheit
besaß über das, was er tat, wenn er das Wesen
des lothringischen Hauses bauen wollte.
Steffanns Irrtum ist mit dem Heideggers und
vieler anderer vergleichbar. Aber Heidegger
muß man immerhin zugutehalten, daß er jene
Den Tod des Regionalen bezeichnen am
deutlichsten die Versuche, es zu retten, die im
Rückblick noch fast geglückt erscheinen.
Auch diese Versuche sind heute nur Anschauungsmaterial,
kein Modell. Letzteres zu
sein, hindert sie zweierlei: Das eine ist, daß sie
ohne den Schatten des NS nicht denkbar sind.
Ich kann mir nicht vorstellen, daß es ein
genaueres Erfassen regionalen Bauens gibt,
als wir das in den Arbeiten Emil Steffanns vor
uns haben. Wenige Striche genügen. Einfachste
Dachformen, traditioneller Umgang mit
Stein als Gewißheit, daß nicht Formen mit
Materialien dargestellt werden, sondern in
ihnen zu sich kommen, daß Zwecke nicht
nachgebaut, sondern erfüllt werden. Trotzdem
ist das alles nur Wahrnehmungsrealität,
nicht die Sache selbst. Wir sehen das Wesen
des lothringischen Hauses, aber mit einer
Deutlichkeit, die uns klarmacht, daß wir eben
nur sehen, aber nie wieder wohnen und
arbeiten werden aus diesem Wesen. Eben
dies, das wir nur noch wahrnehmen können,
was da ist, zeigt, daß das Wesen des Hauses
tot ist. Nur weil man nie wieder darin arbeiten
und wohnen würde, gab es die Geduld, den
Abstand, die phänomenologische Aufmerksamkeit
und Zurückhaltung, aus der sich
4%?