Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

... SO, könnte man meinen, ließen Städte und 
Gemeinden zur Zeit ausrujen, um dem an- 
haltenden Versagen von Architekten und 
Städtebau Einhalt zu gebieten und Richtung 
Zu weisen. 
AN das kleine Dorf „Friebertshausen“ 
bei Gladenbach in Hessen, 18 km von 
Marburg entfernt, soll nun durch gestalteri- 
sche Festsetzungen Gestalt behalten oder be- 
kommen. Dies würde mich nicht weiter beun- 
ruhigen, wäre es nicht gerade unser Büro, das 
mit dieser Aufgabe betraut wurde. 
Eine Gestaltungssatzung für das Dorf war 
die Konsequenz aus der Dorferweiterungs- 
planung für Friebertshausen. Dafür hatten 
wir im Rahmen eines gutachterlichen Wettbe- 
werbs eine Siedlung mit regionaltypischen 
Haus- und Hofformen vorgeschlagen (s. 68 
ARCH+, 5.9). 
Friebertshausen und seine Nachbarge- 
meinden werden durch ihre geschlossenen 
Hofformen geprägt. Vierkant-, Dreikant- 
und Winkelhöfe ließen dichte Dorfkerne un- 
verwechselbaren Charakters entstehen. Der 
räumliche Eindruck dieser Landwirtschafts- 
höfe hatte unseren Entwurf für die Dorferwei- 
terung entscheidend beeinflußt. Mehr ein 
Produkt von Gefühlen als von stichhaltigen 
Analysen, entstanden auf den Plänen wieder 
Höfe. Diesmal jedoch mit reiner Wohnnut- 
zung. Wir hatten dieser überalterten Funk- 
tionsform des Bauernhofes auf merkwürdige 
Weise zu architektonischer Kontinuität ver- 
holfen. 
Städtebauliche Entwicklungsrichtungen 
versucht man oft aus solchen tradierten Bau- 
formen abzuleiten. Aber zur selben Zeit setzt 
sich gerade auf dem Land ein neuer Typ des 
Bauernhauses durch. Die Grundrißformen 
ändern sich vom langgestreckten Schmalhaus 
(für eine Hofbildung notwendig) zum fast 
quadratischen Rechteck. Die Bauern verwen- 
den nach wie vor einfache Konstruktionen 
(Großblocksteine, Fertigdecken), bauen billig 
(Bims, Beton, Asbestzement) und im Selbst- 
bau. Es sind gesellschaftliche und technische 
Veränderungen, die man an ihren Häusern 
ablesen kann. Ein Bauer, der aus der Land- 
wirtschaft ausscheidet und in.der Stadt arbei- 
tet, hält sich länger und anders in seinem 
Haus auf als früher. Sein Wunsch beispiels- 
weise nach größeren Fenstern ist legitim. 
Theodor Fischer sagte zum Thema „Alt- 
stadt und Neue Zeit“ auf einer Tagung für 
Denkmalpflege und Heimatschutz, 1928,: „... 
denn von den verantwortlichen Führern der 
Denkmalpflege ist es längst erkannt, daß die 
beste und würdigste Erhaltung eines Kunst- 
denkmals die ist, die dem Denkmal am 
längsten den lebendigen Gebrauch sichert. 
Das ist in der Altstadt nur möglich, indem sie 
sich ständig verändert“. 
Daraus könnte man schließen, daß die Ge- 
stalt eines Dorfes nicht festgeschrieben wer- 
den kann, ohne daß man seine Nutzbarkeit 
und Lebendigkeit maßgeblich beeinflußt. Die 
Notwendigkeit starker baulicher Verän- 
derungen in den Dörfern steht also vorerst im 
krassen Widerspruch zu unserer romanti- 
schen Vorstellung von einer „geschlossenen 
Gestalt“. 
Die gestalterischen Veränderungen durch 
den „neuzeitlichen Fensterbau“, um zu un- 
serem Beispiel zurückzukehren, waren so 
massiv, daß Baufibeln und Gestaltungssat- 
zungen beschworen wurden, um auf den Bau- 
prozeß noch einwirken zu können: Regeln für 
das Verhältnis der Öffnungen zum Baukör- 
per, Proportionen, Sprossen ... . Aber in den 
Nachkriegsjahren herrschte die Idee der 
„funktionellen Gestaltung“. In einem Jahres- 
heft einer großen Glasfirma! wird die Rich- 
tigkeit der funktionellen Gestaltung beim 
Fensterbau anhang der Geschichte der Glas- 
herstellung gerechtfertigt: Die anfänglich nur 
Thomas Kostulski 
Die Gestalt ist tot — 
es lebe die Gestaltungssatzung 
Luftbild von Friebertshausen, freigeg. Reg. v. Hessen 
Bestandsplan 
Wirtschaftshof im Dorf 
Dorfkern, Ausschnitt 
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Dorferneuerungsplanung, Ausschnitt 
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