Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

Mi: scheint, daß sich in dem gleichen 
Maße, wie der Ruf nach einem wie auch 
immer gearteten neuen „Regionalismus“ lau- 
ter wird, die Fragen häufen, die unbeantwor- 
tet bleiben. Ein Begriff wird hin und her 
gereicht, jeder betrachtet ihn von einer 
anderen Seite, jeder interpretiert ihn anders, 
man wird sich immer uneiniger über das, was 
er eigentlich bedeuten könnte, und schließ- 
lich wird unter diesem Begriff hier und dort 
gebaut: als Architektur (ohne Adjektiv) 
scheint es mal gelungen, das andere Mal 
wieder nicht. Was auffällt, wenn man sich die 
gebauten Produkte in letzter Zeit anschaut: es 
wird allerorten mit gleichen Mustern oft 
entworfen, und es gleichen sich so auch die 
„Regionalismen‘“. Warum wird aber das, was 
gebaut wird, auch gleich etikettiert? Zudem 
mit einem Begriff, über den Einigkeit zu 
erzielen die Architekten und deren Kritiker 
offensichtlich nicht in der Lage sind? 
Ich denke, daß diese Begriffe immer einer 
Diskussion über die gesellschaftlichen Ver- 
hältnisse entspringen; heißt: der Kritik an den 
Verhältnissen, die nicht in der Lage sind, die 
sich aus und in ihnen ergebenden Probleme zu 
lösen. In diesem Falle ist es die Kritik am 
Zentralismus, dem es nicht mehr zugetraut 
wird, die seit Jahren offenliegenden und 
längst benannten Wunden ökonomischer und 
ökologischer Art zu heilen. Das Benennen der 
Krankheit mit Begriffen aber ruft auch sofort 
die entsprechenden Rezepte in Form von 
neuen Begriffen auf den Plan. 
Ebenso wie in anderen gesellschaftlichen 
Disziplinen, haben sich seit einigen Jahren die 
für die gebaute Umwelt Verantwortlichen 
dem Thema gestellt: Unter dem Thema 
„Regionalismus im Bauen / Inspiration oder 
Imitation?“ fand 1979 in Darmstadt das 
internationale 4. Werkbundgespräch statt, 
die Zeitschrift „Baumeister“ hat sich des 
Themas unter dem Begriff des Neuen 
Regionalismus“ angenommen, und die Zeit- 
schrift „archithese“ widmete diesem Problem 
in 3/1981 ein Themensonderheft mit dem 
Hinweis auf schon früher dieses Thema 
behandelnde „Dorf“- und „Heimat“-Hefte. 
So verschieden die bei Betrachtung und 
Lektüre der aufgeführten Beiträge auffallen- 
den „Regionalismen“ sind (da gibt es den 
legitimen, den inszenierten, den ideologi- 
schen, den kommerziellen, den ästhetischen, 
den verordneten, den assoziativen, den 
typologischen etc. Regionalismus), so sind 
doch auch einige durchgängige, allerdings 
oftmals verdeckte und unausgesprochene 
Fragestellungen und Probleme auszumachen, 
um die es im folgenden gehen soll. 
Mit der Diskussion um die Kritik am 
Zentralismus einher geht seit einiger Zeit die 
Frage nach dem Verlust von Heimat und 
Identität. Nun tun wir Menschen, weil wir ja 
historische und dazu noch denken, oder 
wenigstens assoziieren könnende Wesen sind, 
uns gerade mit diesen Begriffen sehr schwer, 
da diese in unrühmlicher Vergangenheit und 
vor gar nicht langer Zeit mißbraucht wurden. 
Damit aber sind wir schon an einem zentralen 
Nerv der Diskussion angelangt: natürlich 
weiß jeder, der heute mit den Begriffen 
Heimat, Heimatstil, traditioneller Bauweise 
und Identität operiert, welcher Gefahr der 
Assoziationsbildung und Unterstellungen er 
sich da aussetzt. Aber man verfährt immer 
treu nach der Devise, daß man genau das 
Gegenteil von dem meine, was das Reaktio- 
näre meint oder meinen könnte. 
Fragen 
Da aber nicht geklärt ist, was Heimat und 
Identität eigentlich ist, kann auch gar nicht 
gesagt werden, wie und mit welcher Bauweise 
man ihnen gerecht zu werden vermag. Kann 
man Heimat denn wirklich bauen? Ist das, 
Martin Kieren 
Regionalismus 
Annäherung an offene Fragen und ein Plädoyer 
was man unter diesem Etikett baut, schon 
deshalb dem Mißgriff der Reaktion entzogen, 
weil man seine eigene Begrifflichkeit von ihr 
hat? Ist Heimat (oder vielmehr ihr topos} 
nicht viel eher im Menschen selber auszu- 
machen als an einem Ort, in einer Region? 
Lassen sich Heimat und Identität wirklich 
über Bauformen herstellen, die hier und dort 
zufällig seit hundert Jahren auftauchen und 
immer wieder verwendet wurden? Ist nicht 
Identität auch gerade die Suche nach Heimat, 
die Suche nach neuen Ausdrucksformen 
psychischer und physiologischer Art und 
deshalb ein dialektischer Vorgang, der, wollte 
man ihn zu sehr an statische Formen binden, 
Regionalismus zu einem Stil degradieren 
würde? Ist der Überdruß an (meist ä 
posteriori erfundenen) Stilen in den letzten 
Jahren gar der Grund für das Auftauchen 
eines „Regionalismus im Bauen“, um ihn als 
„neuen Stil“ an die Stelle der anderen, zentra- 
listischen, spekulativen und nur auf privaten 
Profit aufgebauten Gesellschaft entsprungen, 
Stile zu setzen? 
Wie kommen nun aber Ort, Heimat und 
Identität in der Architektur zusammen, und 
was ist das Regionale am „Regionalismus“? 
kaum verbessern, weil sich ökonomisch eher 
alles verschlechtert. 
Nicht selten werden solche Planungen mit 
dem Hinweis auf den „Ort“ versehen, auf den 
sie sich angeblich beziehen. Das Vorgefun- 
dene wurde „notiert“, es wurde darauf „einge- 
gangen“, und es wurde dann auch noch 
(natürlich) „berücksichtigt“. Aber oft ist 
gerade dieses Vorgefundene schon falsch (im 
Sinne des Typischen), weil unter falschen 
Bedingungen entstanden, gewachsen. Zudem 
wenden sich die Beispiele, die von Kiel über 
Köln und bis über die Alpen auf seltsame 
Weise sich in ihrer äußeren Erscheinung auch 
wieder ähnlich sind, gerade mit dieser Ahn- 
lichkeit gegen ihren Bezugspunkt „Ort“, den 
zu kennen sie vorgeben. Der Örtlichkeit fällt 
dabei die Aufgabe zu, (als Mythos) das zu 
ersetzen, was anscheinend verlorenging 
(wenn es jemals zu „orten“ war), nämlich die 
sog. Identität. Das Mittel, mit dem dieser 
Mythos erzeugt und transportiert wird, ist die 
Natur; hier oft in der wahrscheinlich am 
längsten existierenden (und uns wohl auch 
überlebenden) Form der alles (selbst die 
Lesbarkeit der Architekturzeichnungen) ver- 
schlingenden Schling- und Kletterpflanze. 
Identität soll also erzeugt werden mit Hilfe 
einer immergrünen Natur vor und an dem 
Haus, mit einer grünen Hülle. Mit Natur, weil 
man ja selbst Teil von ihr ist, läßt (ließ) sich 
immer gut auskommen. 
Das Verhältnis Mensch - Natur und 
Mensch - Ort ist aber etwas komplizierter und 
noch gar nicht ganz ausgelotet, als daß es sich 
so einfach und naiv (hier wie da) in einer 
Bauweise ausdrücken ließe. Das Nachdenken 
über dies Verhältnis - als Bestandteil der 
eingangs erwähnten Kritik an gesellschaft- 
lichen Verhältnissen - aber ist es, das in seiner 
Folge den Begriff des „Regionalismus“ wieder 
auf die Tagesordnung setzte. 
Natur als Trend? 
Viele Architekten der zum gegenwärtigen 
Zeitpunkt bauenden (entwerfenden) Genera- 
tion gehen mit ihren Haustypen teilweise 
schon so weit, sie als Muster - oder besser 
Pflaster - für die Wunden der Stadtplanung 
der Nachkriegsjahre anzubieten, anzupreisen, 
wobei die Grenzen dessen, was Stadt und 
Land trennt, trennen könnte (im Typ), gar 
nicht mehr auszumachen sind. Allemal ist 
hinter dieser Selbstverständlichkeit, mit der 
diese Architektur seit einiger Zeit durch die 
Architektur-Periodika schreitet, eine ent- 
lehnte Langeweile auszumachen, die wie- 
derum Mode (oder Stile?) macht: Giebel, 
Farben, Säulen, gereiht in Form auch von 
Arkaden und viel Glas, dessen Kleinteiligkeit 
der Einzelscheibe wiederum in den letzten 
Monaten zu schrumpfen scheint. Dieses 
Scheiben/Glas-Verhältnis bezeichnet aber- 
mals den Punkt einer (Trend-) Wende: „Öko“. 
Was da in letzter‘ Zeit, publizistisch unter- 
stützt, an Rank-Gerüsten, Pergolen, „grünen 
Autounterstellplätzen‘“, sog. „Hausbäumen“, 
Wintergärten, Gewächshäusern, ausgewiese- 
nen Kräutergärten, Beerenobststräuchern, 
Spalierobst, Knöterichen und wildem Wein 
grün auf den Architekturzeichnungen auf- 
taucht, kann man schon als Inflation bezeich- 
nen. Nichts gegen ein notwendiges Um- 
denken, gegen mehr Grün oder gegen 
mediterrane Zimmerpflanzen: aber das Ver- 
hältnis zwischen der Qualität eines Feucht- 
biotops und der sich schüchtern gebenden 
Architektur daneben klafft allerorten aus- 
einander. Man kann bei genauerem Hinsehen 
auch feststellen, daß die Wohnungen immer 
noch kleiner und teurer (aber mit mehr Grün 
versehen) werden, diese sich qualitativ also 
Tradition 
(auch die des Immer-wieder-Lesens) 
Der Gebrauch des Begriffs provoziert aber 
zusätzliche Fragen, die sich auf das in diesem 
Zusammenhang häufig verwendete Wort 
„Tradition“ oder das schon erwähnte Wort- 
paar „traditionelle Bauweise“ beziehen. Mit 
dieser Tradition hat es aber so seine eigene 
Bewandtnis: wir dürfen bei der theoretischen 
Reflexion und Diskussion über die Tradition 
des zu Behandelnden, hier: des Umgangs im 
Bauen mit Klima, „heimischen“ Baustoffen, 
Lebens- und damit Arbeitsweisen, nicht die 
Tradition gerade dieser Diskussion über- 
sehen, die es nämlich auch gibt. Zwar hat die 
gegenwärtige Diskussion durch die sich zu- 
spitzenden ökonomischen und vor allem 
ökologischen Verhältnisse (an erster Stelle 
das Auspowern der natürlichen Ressourcen) 
eine neue Dimension bekommen, wir sollten 
aber nicht so tun, als hätten sich die 
Architektengenerationen vor uns nicht ähn- 
liche Gedanken über den gleichen Gegen- 
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