Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

Serie: Verdrängte Alternativen 
[ m Stadtplanungsamt Stuttgart war kürz- 
lich eine kleine Ausstellung" zu sehen, 
die — auf den ersten Blick unscheinbar — 
kaum Aufmerksamkeit weckte: In einigen 
Rahmen hingen dort zwischen den Amtsstu- 
ben im ersten Stock Skizzen und Texte von 
Laien, die den Planungsexperten der Stadt 
Ratschläge zur Stadtentwicklung gaben. In 
einer Zeit der gängigen Zusatz-Legitimation 
der Planung durch routinierte OÖffentlich- 
keitsarbeit konnte man diese Ausstellung 
leicht übersehen, wenn nicht auf den zweiten 
Blick die vergilbten Papiere und umständli- 
chen Handschriften stutzig gemacht hätten: 
Die Blätter waren fast sämtlich um die Jah- 
reswende 1946/47 verfaßt worden und zeigten 
nur einen winzigen Ausschnitt aus einer breit 
gestreuten Volks-Befragung, die ein Zufalls- 
fund kürzlich zutage gefördert hatte. Beim 
Umzug vom alten in das neue Amtsgebäude 
waren die Planer auf einige alte Ordner ge- 
stoßen, in denen unmittelbar nach dem II. 
Weltkrieg auf Hunderten von Seiten Stutt- 
garter Bürger ihre Vorstellungen zum Auf- 
bau ihrer Stadt dargelegt hatten. In einem „li- 
terarischen Preisausschreiben” waren sie 
1946 dazu aufgefordert worden, unbefangen 
Wünsche und Vorschläge zu äußern — der 
wohl früheste Versuch einer breiten Bürger- 
beteiligung im Vorfeld der Planung. 
Für den heutigen Betrachter können diese 
Blätter zu erschütternden Dokumenten einer 
Zeit der Orientierungsverluste werden. Zu- 
gleich liegt die Distanzierung gegenüber 
„Volkes Stimme” als gemischtem Chor der 
Inkompetenten nahe. Umso mehr muß aber 
verwundern, daß ein entsprechendes Bild der 
Verunsicherung zwischen kontroversen Posi- 
tionen auch in einem Wettbewerb von Fach- 
leuten zum Ausdruck kommt, die zum Auf- 
bau der Stadt aufgefordert waren: Schon 
1945 wurde ein Wettbewerb zur Innenstadt 
Stuttgarts ausgeschrieben und Ende 1947 be- 
kanntgegeben, „nachdem alle Preisträger po- 
litisch überprüft waren””. 
Im doppelten Spiegel der Laien- und Exper- 
tenmeinungen zur Zukunft der Stadt reflek- 
tiert sich die geistige Situation einer Zeit, auf 
die der folgende Artikel nur ein kurzes 
Schlaglicht werfen kann. 
Das „Weihnachts-Preisausschreiben” 
Winter 1946/47. Die Innenstadt Stuttgarts lag 
in Trümmern. Seit den großen Fliegerangrif- 
fen türmte sich noch immer der Schutt zwi- 
schen den Ruinen, auf Straßen unf Plätzen. 
Fast fünf Millionen Kubikmeter Trümmer- 
schutt hatten die Stadt nach Beendigung der 
Kriegshandlungen bedeckt”, erst allmählich 
begann man damit, wenigstens die wichtig- 
sten Straßen wieder freizuräumen. Doch Ar- 
beitskräfte waren knapp, die Versorgung mit 
Unterkunft und Verpflegung war katastro- 
phal; gemessen am ständigen Zustrom der 
Evakuierten und Flüchtlinge kam die In- 
standsetzung der Wohnungen nur schleppend 
voran. 
Im April 1945 hatten für 230.000 Bewohner 
noch 191.000 Wohnräume zur Verfügung ge- 
standen, inzwischen lebten in rund 201.000 
Wohnräumen 380.000 Menschen, rechne- 
risch also fast zwei in jedem Zimmer.” Bei ei- 
ner unbeschreiblichen Wohnungsnot waren 
die Lebensumstände weiter chaotisch, über 
öffetnlich ausgehängte Bekanntmachungen 
wurde administrativ das Lebensnotwendigste 
geregelt. Die Besatzungsmacht hatte einen 
Oberbürgermeister eingesetzt, dessen An- 
weisungen und Ansprachen wieder Ordnung 
in das zerrüttete Leben der Stadt zu bringen 
versuchte. So heißt es in seinem ersten Auf- 
ruf im Mai 1945 als „Mitteilung der Militärre- 
gierung”: 
Werner Durth, Friedemann Gschwind 
Stuttgart — 
Wettbewerbe um 
Zukunftsbilder 
„Stuttgarter! Sinnloser Widerstand eines Systems, dessen 
Träger nie Arbeit geleistet haben, hat unsere schöne Stadt 
weitgehend in einen Trümmerhaufen verwandelt. Ihrem 
Aufbau gilt die Hauptsorge aller anständigen Einwohner. 
Der Fortgang des Aufbaus hängt weitgehend von eigenem 
Einsatz und eigener Initiative ab... Ich bin überzeugt, daß 
durch Selbsthilfe auch bei bescheidenen Mitteln in harter 
Arbeit viel geschafft werden kann und weiß, daß gerade die 
Stuttgarter mit den altbekannten Schwabentugenden, Fleiß 
und Zähigkeit, an die Arbeitr gehen und damit öffentliche 
Gemeinschaftsarbeit erleichtern werden!”” 
Nicht allein aus der Kompetenz der Exper- 
ten, sondern auch aus der Summe der Kennt- 
nisse und Bedüfnisse der Bewohner sollte 
sich die Planung der Stadt als ein bewußter 
und öffentlich ausgetragener Prozeß entwik- 
keln. Dazu sollte den Stuttgartern Mut ge- 
macht werden: 
Zwischen all den nüchternen Appellen an 
Selbstbescheidung und Mitarbeir zum Wie- 
deraufbau der Stadt gab es jedoch einen Auf- 
ruf, der angesichts der Zerstörungen ringsum 
geradezu grotesk wirken mußte: Als Plakat 
an vielen Stellen der Stadt veröffetnlicht, for- 
derte die Bekanntmachung Nr. 176 vom 7. 
Januar 1947 die Bewohner der Stadt Stuttgart 
zum Träumen auf — als Hilfe zu einer voraus- 
schauenden Planung der Zukunft der Stadt 
war Weihnachten 1946 ein Wettbewerb aus- 
geschrieben worden, in dem jedermann zur 
Beteiligung an der Stadtplanung aufgefordert 
wurde. 
„Tausend und abertausend Fragen gibt es und ihre Lösun- 
gen zusammen erst ergeben die Stadt, in der Generationen 
unserer Enkel, Ur- und Ur-Urenkel leben, lieben, sich freu- 
en, arbeiten, denken und sterben. Gibt es ein schöneres 
und ergiebigeres Thema für uns alle, uns da den Kopf zu 
zerbrechen und mitzuraten, was und wie es werden soll?” 
Die Beiträge waren an die Zentralstelle für 
den Aufbau Stuttgarts (ZAS) zu senden. Für 
insgesamt 52 Preise war eine Summe von 
5.000 Mark eingesetzt; vier erste Preise zu je 
250,-- waren zu vergeben, gestaffelt folgten 
dann kleinere Beträge bis hin zu 22 Preisen ä 
50,-- Reichsmark. Nicht eben viel — doch die 
Reaktion war gewaltig: über 250 Beiträge 
wurden zum Wettbewerb eingereicht. Die 
meisten davon waren — wie gefordert — als 
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‚Wohnkeller ” 
Aus Beton- und Ersenbelon 
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links: 
Der damaligen Wirklichkeit 
angemessen, aber schon bald 
von der neuen Realität des 
Wirtschaftswunders überrollt: 
”Der Wohnkeller”. 
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Baugrube steht der provosorisch 
gedeckte Keller als Not- 
unterkunft. Später kann ein 
Fertighaus aufgesetzt werden 
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rechts: 
Andere Teilnehmer des 
”Weihnachtswettbewerbs” 
schienen von der Not der Nach- 
kiregszeit weniger berührt, 
jedenfalls konnten sie sich auch 
angesichts der Trümmerwüste 
Stuttgart als ”güldenes 
Kleinod” vorstellen. Unfähig 
keit zu trauern oder ver: 
zweifelter Drang, dem Kriegs 
ergebnis noch ein Prinzip 
Hoffnung abzutrotzen? 
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