Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

Das NS- Stadtmode! 
heit und zähen Beharrung zerbrach; die Vision 
einer in Frieden befreiten Moderne, die von 
allem Ballast der Traditionen gelöst nach 
neuestem Stand der Technik und Wissen- 
schaft humane Lebensräume gestaltet: Als 
Sieg der Vernunft über alle Atavismen 
früherer Generationen erhebt sich auf der 
tabula rasa des Krieges endlich jene weite 
weiße Stadt, von denen die Avantgarde der 
Architektur seit fast drei Jahrzehnten schon 
träumte: eine Stadt mit offenen, sonnendurch- 
fluteten Räumen zwischen hoch auftragenden 
Wohngebäuden, die nichts mehr gemein 
haben mit der Enge der Mietkasernen einer 
steinernen Stadt. Ausgerechnet in Mainz nun 
sollte als weltweit sichtbares Signal modern- 
ster Städtebau vorgeführt werden - konse- 
quent nach der Charta von Athen und orien- 
tiert an den Konzeptionen Le Corbusiers. 
Planer und Architekt der neuen Stadt war der 
Franzose Marcel Lods!, der von der französi- 
schen Besatzungsmacht für den Wiederaufbau 
von Mainz eingesetzt worden war. Eine letzte 
Planung im Dritten Reich versuchte der Stadt 
noch die Gestalt eines Wehrdorfs zu geben, 
- das rechte und linke Rheinseite wehrhaft ver- 
klammernd, mit dem deutschen Strom als 
zentraler Achse, als gebautes Symbol der 
Wacht am Rhein. 
In Geschichte und Gestalt blieb Mainz vor 
allem militärisch geprägt - bis zum vernichten- 
den Angriff im Februar 1945. Das Bombar- 
dement am Nachmittäg des 27. Februar hatte 
höchstens 20 Minuten gedauert, danach war 
die Bausubstanz der Innenstadt zu 80% zer- 
stört, die Zahl der Toten wird auf 1.200 ge- 
schätzt; die Überlebenden fanden in den 
Randgebieten der Stadt und im Umland not- 
dürftig Unterkunft?. Im März rückten die 
Amerikaner ein, ihnen folgten die Franzosen, 
denen auf der Potsdamer Konferenz eine eige- 
ne Besatzungszone in Westdeutschland einge- 
räumt worden war. Ihr Hauptquartier lag in 
Baden-Baden, Chef der Militärregierung war 
dort General König, doch Mainz galt sein be- 
sonderes Interesse, das ihn zu einer höchst 
ungewöhnlichen Entscheidung veranlaßte: Be- 
reits 1946 wurde der damals weltweit bekannte 
Marcel Lods eingesetzt, der Mainz zur „Ideal- 
stadt der. Zukunft“? machen sollte. Während 
die Stadt noch vollständig in Trümmern lag 
und erst im Herbst 1946 mit ersten Aufräum- 
arbeiten begonnen wurde, machte sich Marcel 
Lods mit seinen Mitarbeitern an eine Pla- 
nung, die vor dem Hintergrund der damaligen 
Verhältnisse geradezu phantastisch wirken 
mußte, so weitreichend und neuartig war sie. 
Geradezu phantastisch aber wirken vor 
diesem Hintergrund auch die Zeichen des Be- 
harrungsvermögens und ungebrochener Zu- 
kunftserwartung der Bürger von Mainz da- 
mals, die sich in ihren Ängsten vor der Auf- 
bauplanung äußerten. Schon bald wurde in 
Mainz über Pläne gemunkelt, Unruhe breitete 
sich aus unter den Bürgern. Noch ohne 
konkret Bezug nehmen zu können, aber mit 
spürbarem Mißtrauen warnend schreibt An- 
LA 
Fan 
PA 
fang 1946 Ludwig Strecker*, der Inhaber des 
Schott’schen Musikverlages, im Neuen Main- 
zer Anzeiger seine Gedanken zum Wiederauf- 
bau nieder: 
„Das erste, was wir brauchen, sind Dächer über dem 
Kopf ... Ohne Kenntnis des Beabsichtigten sei eine unab- 
dingbare Forderung aufgestellt: Wir wollen die Eigenart 
unserer Stadt gewahrt wissen, wir wollen etwas uns 
Eigentümliches, nichts, was ebensogut in Merseburg oder 
Bochum zu finden sein könnte. Dies ganz unabhängig von 
allen noch so fortschrittlichen Gedanken. Wir wollen einen 
Mainzer Stil, etwas, was unserem Lebensgefühl, unserem 
Klima, unserem von der Umgebung täglich genährten 
Schönheitsbedürfnis entspricht, um uns nach Möglichkeit 
zinen Ersatz für die verloren gegangenen historischen 
Vorbilder zu geben. Daß diese, soweit noch vorhanden, vor 
einem gänzlichen Verfall behütet und soweit wie möglich 
restauriert werden müssen ist eine Selbstverständlichkeit, 
die daher nur am Rande vermerkt sei. Bei der Masse der 
Neubauten wird eine gewisse Normung nicht zu umgehen 
sein. Deren praktische Vorteile sind aber sehr wohl mit 
einem ästhetisch befriedigenden, eigentümlichen Äußeren 
zu verbinden “ 
In diesem Artikel klingen Befürchtungen an, 
die sämtlich wie gezielt auf die Person von 
Marcel Lods passen könnten: Geboren 1890 
in Paris, war er weit über Frankreich hinaus 
bekannt geworden als einer der erfolgreichen 
Vorkämpfer für die Montagebauweise, für 
konsequente Normung und Vorfertigung ein- 
zelner Bauteile, und seine späteren Pläne für 
Mainz stellen alle Befürchtungen einer 
„schachbrettartigen Ordnung“ noch weit in 
den Schatten: 
„Die Neigung gewisser Städtebauer zu schachbrettartiger 
Ordnung müßte, in Mainz getätigt, den Untergang seines 
letzten Reizes andeuten. Seine alten, unregelmäßigen Stra- 
ßen und Gassen mit ihren überraschenden Winkeln sind das 
Entzücken für künstlerische Augen; so sind z.B. auch 
niedrige Weinstuben in abgelegenen Ecken noch immer von 
den traditionellen Kennern in Mainz prunkvollen Gast- 
stätten vorgezogen worden; hier ist Mainz zu Hause, sein 
Humor und seine Gemütlichkeit“ * 
Während Lods an die Arbeit ging und vermut- 
lich allein schon die Gerüchte darüber die 
Mainzer Bürger weiter beunruhigten, wurde 
die Vorlage der ersten Pläne in der Fachwelt 
fast mit.Begeisterung begrüßt. Im ersten Heft 
1948 von „Bauen und Wohnen“ heißt es: 
„Mit Lods kam ein Fachmann von internationalem Ruf, 
dem die städtebaulichen Planungen in Europa und den 
USA genau bekannt sind, nach Deutschland. Die 
deutschen Behörden stellten die erforderlichen Unterlagen 
und örtliche Spezialisten zur Verfügung, so daß das Werk 
durch gute Zusammenarbeit gefördert wurde. Bei diesen 
Planungen handelt es sich um die bemerkenswertesten und 
zugleich mutigsten, die bis jetzt aus dem deutschen Raum 
zu unserer Kenntnis gelangt sind ... Besonders in Deutsch- 
land ist, bedingt durch seine jahrelange Abgeschlossenheit 
und einer bewußt einseitigen Ausrichtung noch sehr viel 
Pionier- und Aufklärungsarbeit notwendig, um für die 
Grundlagen eines neuzeitlichen Städtebaus allgemeineres 
Verständnis zu erzielen. Erfrischend und hoffnungsvoll ist 
darum jede Kenntnisnahme von zeitgemäßer und verant- 
wortungsbewußter Vorarbeit für den kommenden Städte- 
bau“. 
Nachdem die Presse berichtet hatte, daß 1947 
ausgerechnet „Professor Schmitthenner vor 
einem geladenen Kreis von Architekten, Tech- 
nikern, Ingenieuren und Kommunalbeamten 
über das Bild des künftigen Mainz“ gespro- 
chen hatte”, stellte im Januar 1948 auch Lods 
seine Planung vor: In einer breit angelegten 
= SF 
aM 
zZ a = 
ES A 
On. 
a 
KreyBßBig—-Plan der Stadterweiterung 
Öffentlichkeitsarbeit versuchten Lods und 
seine Mitarbeiter, die Mainzer Bevölkerung 
für ihre Gedanken zu gewinnen, in deren Zen- 
trum die Leitsätze der damals noch weithin 
unbekannten Charta von Athen standen. Da 
keine deutsche Übersetzung vorlag, ließ Lods 
eine deutsche Fassung verbreiten, und in pla- 
kativen Skizzen wurden die dunklen Verhält- 
nisse der Vergangenheit mit einer lichten Zu- 
kunft konfrontiert. Um den Kontrast mög- 
lichst deutlich zu zeigen, wurden in einer Bild- 
folge auch die historischen Entwicklungspha- 
sen der Stadt mit all ihren militärischen und 
baulichen Einengungen vorgeführt, der dann 
eine offene Raumstruktur mit weit aus- 
schwingenden Verkehrsbändern entgegenge- 
stellt wird: Zugunsten eines ’störungsfreien 
Autoverkehrs’ wird die Stadt von der Ein- 
schnürung der Eisenbahn befreit, die auf das 
rechte Rheinufer verlegt wird. Neben der 
großzügigen Verkehrsplanung wird besonders 
das starke Industrieband betont, das sich von 
Mainz bis Frankfurt erstreckt. Während die 
Probleme des engeren Altstadtbereichs der 
Bearbeitung durch die deutschen Kollegen 
überlassen bleiben, liegt der Schwerpunkt der 
Planung auf dem am Verkehrsknoten zentral 
gelegenen Verwaltungsbereich und den an- 
schließenden Wohngebieten: Der gründerzeit- 
liche Stadtgrundriß mit seiner typischen 
Achsen- und Blockstruktur wird ausradiert 
und von einem gänzlich anderen Stadtmodell 
überformt. 
Noch Jahre später wird dieser als „Ideal- 
plan“ gefeierte Entwurf von Lods in der Fach- 
presse ausführlich gewürdigt® und auch sein 
Scheitern wird als Lehrstück zeitgenössischer 
Aufbau-Planung vorgeführt: 
„Die Lodzsche Mainzer Planungstellt, wie schon gesagt, ei- 
nen Idealplan dar, aber nicht im Sinn der Stadtpläne einsti- 
ger Architekturtheoretiker, die Stadtpläne ohne geographi- 
sche Gegebenheiten um ihrer selbst willen entworfen haben. 
Aber doch bedeutet sie so etwas wie einen Idealplan - wie 
das der Sinn jedes Generalbebauungsplanes ist -, denn es 
wird hier eine ganz bestimmte Auffassung von Stadtorga- 
nismus demonstriert, und zwar so kompromißlos, wie es in 
einem Idealplan unter Berücksichtigung der tatsächlichen 
Gegebenheiten eben noch möglich scheint ... 
Eine Erörterung formaler Fragen für die einzelnen archi- 
tektonischen Aufgaben ist in diesem Zusammenhang nicht 
angebracht, denn die architektonische Form hat als solche 
wenig mit dem Stadtplan zu tun. Hier ist wesentlich: Ab- 
grenzung der Altstadt auf denjenigen Umfang, der ihrer 
neuen Aufgabe zukommt, nunmehr nur noch Stadtteil für 
Läden, Geschäftsführer, Kultur- und Unterhaltungsstätten 
zu sein. Die mittelalterliche Stadt, die in Einem Geschäfts- 
und Wohnstadt war, hat als solche ihre Bedeutung verloren. 
So wird die Verwaltung, die in dieser Innenstadtumge- 
bung nur stört und gestört wird, in das Viertel direkt west- 
lich neben der Altstadt verlegt, wodurch kürzeste Verbin- 
dung und konzentrierte Zusammenfassung möglich 
werden. 
Konsequenterweise gruppieren sich um diesen Kern der 
eigentlichen Innenstadt die reinen Wohnviertel; sie sind als 
stark aufgelockerte Stadtteile gedacht, die inmitten von 
Grünflächen und durch Verkehr nicht belästigt den 
Geländeformationen nachgehen und durchaus die Prinzi- 
pien der „neuen Wohnstadt“ verwirklichen; eine Wohn- 
stadt auf dem Gelände der alten tiefgelegenen Neustadt und 
eine Hochstadt oben auf dem Hügelrand. Die Industrie ist 
aus diesem Gebiet verbannt und in das ihr zukommende 
rechtsrheinische Industrieviertel verlegt.“
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.