Volltext: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

Foto: Achleitrie 
Meine Damen und Herren, 
ich möchte mir heute erlauben, im Zusam- 
menhang mit dem Thema Architektur nicht 
von Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Sozio- 
logie und Psychologie, von Semiotik und 
Linguistik zu sprechen, sondern ich möchte 
es tatsächlich versuchen, im Zusammenhang 
mit Architektur einmal von Architektur zu 
sprechen. Vor zehn Jahren wäre dies sicher 
nicht möglich gewesen, weil die Architektur 
oder deren Theorie tatsächlich das Bewußt- 
sein von dem verloren hatte, was sie, die 
Architektur, eigentlich umgibt, sie zum Teil 
bedingt und auch hervorbringt. Heute habe 
ich manchmal den Eindruck, daß man mit 
Nachdruck darauf hinweisen sollte, daß die 
Architektur als Medium, als eine durch 
nichts ersetzbare Wirklichkeit, auch einen 
gewissen Grad an Autonomie besitzt, das 
heißt, daß sie eigenen Gesetzen der Entwick- 
lung folgt, ihre eigene Geschichte hat, die 
mit den anderen ablaufenden Entwicklun- 
gen, den gesellschaftlichen Realitäten und 
geistigen Phänomenen in einem dialekti- 
schen Prozeß steht, die heute manchmal für 
die Architektur selbst gehalten werden. 
Wir werden gerade bei der Wiener Archi- 
tektur der Zwischenkriegszeit erkennen, wie 
sehr Architektur abhängig ist von den histo- 
rischen Bedingungen, wir werden vielleicht 
aber auch gleichzeitig zur Kenntnis nehmen 
müssen, daß aus diesen geschichtlichen Rea- 
litäten sehr unterschiedliche Konsequenzen 
gezogen werden können und ebenso wider- 
sprüchliche Ergebnisse entstehen können. 
Wenn man den internationalen Entwick- 
lungslinien folgt, die von den Strategen der 
Geschichtsschreibung und den Protagonisten 
der Moderne gezeichnet wurden, so hat das 
Wien der Zwischenkriegszeit nicht viel anzu- 
bieten: einen verbitterten Adolf Loos, einen 
resignierten Josef Hoffmann, einen zyni- 
schen Josef Frank oder einen isolierten Ernst 
Plischke. Vor dem Hintergrund der politi- 
schen Ereignisse in Deutschland und der 
Demolierung des „Roten Wien” durch die 
Friedrich Achleitner 
Wiener Architektur 
der Zwischenkriegszeit 
Kontinuität, Irritation und Resignation ... 
„Schwarze Provinz”, also vor dem Hinter- 
grund einer politischen Radikalisierung ent- 
stand eine Architektur des Konsenses, der 
ästhetischen Kompromisse, ja letzten Endes 
der Irritation und Resignation. Der Selbstauf 
lösung des Parlaments folgte prompt die 
Selbstaufgabe der Architektur. 
Verfolgt man die Entwicklungslinien einer 
avantgardistischen Moderne etwa beim nörd- 
lichen Nachbarn, der Tschechoslowakei, so 
kann sich in den dreißiger Jahren die Wiener 
Szene mit jener von Brünn nicht mehr mes- 
sen. Gar nicht zu reden von der Architektur 
der Weimarer Republik, mit den Zentren 
Berlin, Frankfurt oder Dessau. Aber auch 
der italienische Rationalismus mit seiner für 
uns schwer verständlichen Allianz mit dem 
Faschismus entwickelte gegenüber Wien 
geradezu optimistische Perspektiven. 
Trotzdem bekommt heute das Bauschaffen 
einer erschütterten Großstadt in einem 
geschrumpften und an sich selbst zweifeln- 
den Staatsgefüge immer mehr Bedeutung. 
Ich meine damit nicht nur die Bauleistungen 
der Gemeinde Wien, die heute ein so breites 
Feld für Interpretationen abgeben, daß uns 
die Auseinandersetzung mit den Deutungen 
fast wichtiger erscheint als die mit der Sache 
selbst, sondern ich meine damit auch die 
architekturtheoretischen Positionen eines 
Adolf Loos, eines Josef Frank oder Oskar 
Strnad, die vermutlich die einzigen Architek- 
ten ihrer Zeit waren, die die heutige Funktio- 
nalismuskritik in vielen Aspekten vorwegge- 
nommen haben. Loos hat wie kein anderer 
auch die semantische Funktion der Architek- 
tur erkannt, sein Fehler war vielleicht, daß er 
als Sprache nur das Latein des Gebildeten 
gelten lassen wollte (also das Vokabular des 
Klassizismus) und nicht etwa das Sprachen- 
gemisch der Donaumonarchie, gar nicht zu 
reden von den Dialekten. 
Josef Frank schrieb 1930 das grundlegende 
Buch „Architektur als Symbol”, in dem er 
einen Architekturbegriff entwickelte (haupt- 
sächlich in der Auseinandersetzung mit den 
deutschen Tendenzen), der heute in der 
sogenannten postmodernen Szene genau so 
aktuell ist wie er damals unverständlich sein 
mußte. 
Bevor wir näher auf die Wiener Situation 
eingehen, möchte ich eine kurze Skizze jener 
Bedingungen geben, die für die architektoni- 
sche Situation der zwanziger und dreißiger 
Jahre ausschlaggebend waren. 
Die Wiener Architekturschulen 
Wenn man heute, vor allem von außen, die 
Wiener Architektur der Zwischenkriegszeit 
als eine der historischen Kontinuität, als eine 
reformerische, evolutionäre Bewegung dar- 
stellt, so sind die Gründe für diese richtig 
erkannte und unterschiedlich interpretierte 
Tatsache in der baulichen und architektoni- 
schen Entwicklung der Stadt selbst zu 
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