Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

links: Karl-Marx-Hof von Karl Ehn, 1927 
rechts: Adolf Loos / Hugo Mayer, Siedlung Heuberg, Wien 17 
1922 
suchen. Man darf nicht übersehen, daß Wien 
im 19. Jahrhundert im Gegensatz zu den 
nationalstaatlichen Tendenzen eher eine plu- 
ralistische, mehrsprachige Architektur im 
Geiste des Historismus entwickelte. Im Wie- 
ner Historismus wurde auf relativ kleinem 
Raum (etwa im Bereich der Ringstraße) 
etwas praktisch vorweggenommen, was erst 
viele Jahre später eine theoretische Behand- 
lung fand: die Architektur als Symbol und 
zwar projiziert auf eine Gesellschaft, der 
man diese kulturellen Ansprüche eigentlich 
nicht mehr zugestand. Wenn auch die Sym- 
bolik in der bewußten Anwendung verschie- 
dener Architektursprachen (das „gotische” 
Rathaus, das klassizistische Parlament oder 
die „Renaissance” der Universität) mit ihrer 
leicht und für jeden lesbaren Bedeutung, in 
einem gewissen Sinn den Zeitgenosen, vor 
allem aber den späteren Kritikern als trivial 
erschienen sein mag, so ist damit doch die 
Architektur in ein entscheidendes, wenn 
man will modernes Stadium eingetreten. 
Anton Bammer nennt diesen Prozeß in sei- 
nem Buch Architektur als Erinnerung „Ver- 
fügung über Architekturen” und „Astheti- 
sche Aneignung”: 
„Die griechischen Ornamentzitate erfüllen die gleiche Wir- 
kung wie das Renommieren mit Zitaten antiker Autoren in 
jer Gesellschaft gebildeter Bürger. Wer auch nur einige 
lateinische oder griechische Aphorismen im rechten 
Augenblick anbringen konnte, hatte denen gegenüber, die 
sie nicht verstanden, einen Prestigevorteil. Jenen, die sie 
verstanden, gab er sich als Eingeweihter, Dazugehöriger 
aus. Das visuelle oder sprachliche Zitat der Antike war das 
Losungswort der elitären Bildungsgesellschaft .” 
Und an anderer Stelle: 
„Während die Revolutionsklassizisten und ihre Epigonen 
demokratisches Gedankengut von Gleichheit und Gleich- 
wertigkeit in die Architektur einschleusten, refeudalisierte 
der späte Historismus die Architektur. Die hierarchische 
Differenzierung hatte Bedarf nach unterschiedlichen For- 
men, und damit genügte der dorische Stil allein nicht mehr, 
der Stilpluralismus mit jonischer und korinthischer Ord- 
nung erleichterte die Feudalisierung. Stilpluralismus und 
Eklektizismus waren Möglichkeiten der Differenzierung. 
Nicht die Betonung der Gleichheit, sondern der Ungleich- 
heit war das Ziel der Architektur. Besonders im reifen und 
späten Historismus tritt diese „Ordnung in der Ungleich- 
heit” in Erscheinung. Sie läuft in Gleichelang mit der Ten- 
denz der elitären Zirkel, Gesellschaften zur Förderung der 
Künste, der Archäologie, der Psychoanalyse. Die Auffä- 
cherung der Geschichte im Stilpluralismus, die Darstellung 
der gesellschaftlichen Ungleichheit in der Ungleichheit der 
Geschichte und deren Stile, dienten der Rechtfertigung der 
Gesellschaft ” 
Das bedeutet aber nichts anderes, als daß die 
Architektur ein neues Bewußtsein von ihren 
Mitteln erworben hat, ja eine kalkulierte 
Trennung von Form und Inhalt, von Typolo- 
gie und Einkleidung, von Sachverhalt und 
Dargestelltem, von Wirklichkeit und Schein, 
von bewußter Verschleierung und zugelasse- 
ner Information vollzieht. 
Wenn hier ein größerer Sprung erlaubt ist, 
so möchte ich behaupten, daß Wien um die 
Jahrhundertwende sowohl die Größe als 
auch die gesellschaftliche und kulturelle 
Vielfalt besaß, diesen Pluralismus auch in 
den Architekturschulen auszudrücken und 
zwar in einer, wenn auch nicht gerade 
freundlichen, aber doch einer Art pragmati- 
scher Koexistenz. 
Aus den „Klassikern” und „Gotikern” am 
Schillerplatz (also Hansen und Schmidt) ent- 
stand der Dualismus von „modern” und 
„romantisch” (Wagner und Ohmann), der 
selbst wieder eine Art Polarität zum konser- 
vativen Karlsplatz (Karl König, Max Ferstel) 
darstellte. In Opposition zu beiden Schulen 
entwickelte sich die Kunstgewerbeschule am 
Stubenring, wobei ihre wichtigsten Lehrer, 
Hoffmann, Frank und Strnad (also mit Aus- 
Projekt der Mustersiedlung Heuberg. Aufbaulschema (Isometrie) 
nahme von Tessenow) von diesen alten Schu- 
len kamen. Für die Architektur der Zwi- 
schenkriegszeit ist vor allem die Auswirkung 
dieser Schulen von Bedeutung, das heißt, sie 
zeigt jene Formen der Gegenreaktion der 
Schüler, die noch viel zu wenig erforscht und 
dargestellt wurde. 
Während aus dem avantgardistischen 
Treibhaus der Wagner-Schule, mit der eher 
positivistisch-rationalistischen Architektur- 
doktrin und der bedingungslosen Hingabe an 
den vor allem technischen und ästhetischen 
Fortschritt eine zwar künstlerisch sensibili- 
sierte, aber emotionell, ja romantisch 
geprägte Schülerschaft entstand (offenbar in 
der uneingestandenen Opposition zur Vater- 
figur des Meisters), kamen aus den konserva- 
tiven Instituten der Technischen Hochschule 
die Doktoren und Intellektuellen der Archi- 
tektur wie Josef Frank, Oskar Wlach oder 
Oskar Strnad, die einzigen, die über die 
zementierte oppositionelle Position von 
Adolf Loos hinaus auch die theoretische 
Ebene der damaligen Architekturszene 
reflektierten. Abgesehen davon, daß die 
Wagner-Schüler, soweit sie nicht getragen 
vom Aufwind der Emanzipation von Wien in 
ihren Heimatländern an neuen Entwicklun- 
gen teilhatten (wie etwa im tschechischen 
Kubismus) zu den Hauptvertretern eines 
nationalistisch-romantischen Regionalismus 
wurden, bildeten sie in den zwanziger Jahren 
den Kern einer traditionalistisch-bürgerli- 
chen Architekturschule, die über die Brücke 
der Secession den Stilpluralismus des 19. 
Jahrhunderts in einer neuen politisch-wirt- 
schaftlichen und gesellschaftlichen Situation 
auf einer ebenso neuen ästhetischen Ebene 
nachvollzogen. Ich möchte die Behauptung 
erlauben, daß spätestens ab 1918 die Wiener 
Architektur viel mehr als in anderen Län- 
dern und Städten sich selbst rezipiert, reflek- 
tiert und auch reproduziert. Man mag darin 
auch ein Erbe der einstigen Metropole eines 
Vielvölkerstaates sehen, das Klima der 
gesellschaftlichen Koexistenz unterschied- 
lichster Gruppen auf einer sehr starken 
kleinbürgerlichen Basis. Aus diesen Grün- 
den war es allein den Wiener Architekten, 
die ihre Moderne als ästhetische Revolution 
schon lange hinter sich hatten, in den zwanzi- 
ger Jahren nicht mehr möglich, an den teils 
naiven, zumindest jedoch vieles ausschlie- 
ßenden und doktrinären Bewegungen, wie 
sie das Bauhaus, das Neue Bauen, die Neue 
Sachlichkeit oder der Funktionalismus insge- 
samt darstellten, bedingungslos und ohne 
Vorbehalte zu folgen. 
Adolf Loos 
Während Josef Hoffmann durch die Verän- 
derungen des Ersten Weltkrieges eigentlich 
seine gesellschaftliche und damit auch ästhe- 
tische Basis seines Schaffens verloren hatte, 
kam der vielschichtige Architekturbegriff 
von Adolf Loos, wenn auch in vieler Hinsicht 
mißverstanden, erst in dieser Zeit zum Tra- 
gen. Ich möchte hier nicht auf die großen 
Mißverständnisse eingehen, die allein durch 
seinen „Kampf gegen das Ornament” ent- 
standen sind und die sich bis heute konser- 
viert haben, denn es gibt tatsächlich wichti- 
gere Fragen. Immerhin hat Loos auch in die- 
ser Problematik Zusammenhänge gesehen, 
die weit über eine architektonische Formdis- 
kussion hinausreichen, wie etwa die Tatsache 
in der Warenproduktion und im Warenum- 
satz, daß ornamentierte Gegenstände einer 
künstlichen, schnelleren Alterung zugeführt 
werden, die aus volkswirtschaftlichen Grün- 
den eine Verschwendung darstellt. Denn der 
Gegenstand würde ohne diese Zeichen eines 
bestimmten Zeitpunktes viel langsamer 
altern, da seine Gebrauchsfähigkeit eine um 
ein Vielfaches längere ist. Wenn sich ‚Loos 
auch geirrt haben mag, wenn er die Orna- 
mentlosigkeit als das Ziel der kultivierten 
Menschheit hinstellte, so wußte er doch um 
die geistige Leistung von Reduktion und 
Abstraktion. Sein Irrtum bestand vielleicht 
eher darin, wie Peter Gorsen in seinem Auf- 
satz „Zur Dialektik des Funktionalismus 
heute” ausführlich darstellte, daß Loos diese 
kulturelle Leistung vom Mittelstand erwar- 
tete, ja von ihm bereits realisiert sah. 
Ich möchte auch nicht auf die vielschichti- 
gen Beziehungen des Ökonomiebegriffes 
von Adolf Loos eingehen, einer Art von ethi- 
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