Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

NEW YORK 
Im J.-F.-Kennedy International Airport prä- 
sentiert sich das halbe Amerika, die besiedelte, 
die bebaute, die Gott sei Dank kleinere Hälfte. 
Und wenn die Jumbo Jets am Boden engere 
Kurven drehen könnten, dann wäre auch diese 
Flughafenwelt gerastert. So bilden die Roll- 
bahnen ein großes Oval - und darauf 
beschränkt sich die Planung - das das sich in- 
nen die Abfertigungsgebäude legen. Prakti- 
sche Kolosse ohne Form, ergänzt durch die 
Riesenschachteln der Hangars und Hallen. 
Dazwischen taucht verloren Saarinens TWA 
Terminal auf; klein, fast zierlich liegt es da, wie 
ein gestrandeter Stachelrochen, die einzige 
Architektur unter dem Gebauten. 
Nach dem von Pfeilen und Hinweisen ge- 
lenkten Gang durch die Labyrinthe leicht ner- 
vös geworden, läßt uns der Zollbeamte ein- 
fach durch: als Referenz an Europäer, Touri- 
sten, die zum ersten Mal in den Staaten sind 
und wie Checkkartenbesitzer aussehen. So 
kommt man übrigens in den Staaten überall 
gut durch. Die Ankunft in der Neuen Welt ist 
nicht erhebend, das Taxi schäbig und zer- 
beult, der Anblick der Skyline von Man- 
hattan, eine halbe Stunde später, nicht über- 
raschend. 
Über die Queensborg Bridge kommend, 
tauchen wir bei der UNO in die Straßen- 
schluchten ein. Es ist gar nicht so hektisch. Die 
Ampeln scheinen nur für die Fahrenden zu 
gelten. Fußgänger umtänzeln bei Rot die Au- 
tos wie Toreros, kaum einer hupt deswegen. 
Gullys qualmen, der Himmel ist hoch und 
kantig ausgeschnitten, die Straßen endlos, die 
Sensationen sind banal und schnell vertraut. 
Unser Hotel lag dicht am Times Square. Es 
hat, wie der Platz, der nichts weiter ist als die 
langgezogene Kreuzung zwischen Broadway 
und der Seventh Avenue, bessere Zeiten ge- 
sehen. Verschwunden ist der Glanz des 
Theater Distrikts. Von einem neuen Hoch- 
haus - gerade wurde unter, wie Kettenhem- 
den gewirkten Stahlmatten, die Fundament- 
gruben in den Fels von Manhattan gesprengt - 
erhofft man sich neuen Aufschwung. Die 42. 
Straße ist das Zentrum der Prostitution, von 
der 8. Avenue abwärts zum Hudson scheint 
ein ganzer Stadtteil aufgegeben. Häuser, Stra- 
ßenzüge verkommen, die Fußwege voller 
Dreck und Scherben, in den tiefen Kuhlen der 
aufgebrochenen Fahrbahnen setzen die 
schlecht gefederten Straßenkreuzer auf. 
Es sind die Gegensätze, die New York prä- 
gen und der nicht begreifbar schroffe Wechsel 
zwischen ihnen. Es sind die Extreme, die die 
Stadt unerträglich machen, wenn man schon 
am Bahnhof Zoo in Berlin vom Elend der 
Großstädte überfordert ist. Wie soll der Ex- 
presso schmecken, während drei Meter weiter 
Abfalleimer durchwühlt werden oder ein alter 
Schwarzer stehen bleibt, um sich die Kopfhö- 
rer seines Walkman aufzusetzen. Umständ- 
lich und rührend wird das Kabel in zwei ver- 
schiedenen weiten Ringen um den Hals gelegt, 
wie eine Kette. 
Wie er hoffentlich mit Jimmy Hendrix sind 
wir auf dem Empire State Building weit von 
dieser Welt entfernt. Trotz des Rummels, trotz 
der amerikanischen Touristen, die laut, ka- 
riert - sogar ihre Hosen sind gerastert - und 
wohlgenährt, in allem nur sich selbst bewun- 
dern. Das sind die reduzierten Individuen, de- 
ren Summe, nach Musil, durchaus ein geniales 
Ganzes ergeben kann, trotz der ständig gegen- 
wärtigen Kümmerlichkeit seiner Erbauer und 
Bewohner, also nimmt uns hier oben die stei- 
nerne Metropolis in ihren Bann. 
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Der Einstieg in die 
Rasterwelt 
Skizzen aus den USA. 1. Lieferung 
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Zögernd lösen sich die Zwillingstürme der 
World Trade Centers aus den tief hängenden 
Wolken. In der Gegenrichtung, midtown, 
überragt die glänzende, in Halbkreisen ge- 
staffelte art-deco Spitze des Crysler Buildings 
die glatten Kästen des neueren Baubooms. 
Hier wird gerade das AT + T Building von 
Johnson verkleidet. Mit Naturstein! Von dem 
acht Geschoß hohen Rundbogenportal bis 
zum Chippendale Giebel. Da hat Johnson 
Weltbewegendes gemacht: der Wolkenkrat- 
zerarchitektur wieder Hand und Fuß gegeben. 
Unter uns das Meer der handfesten Hoch- 
häuser, die meisten sind doch nur 15 Geschos- 
se hoch. Die dunklen Straßen, die hellocker 
oder ziegelroten, noch rhythmisch gerasterten 
Lochfassaden in perspektivischer Verkür- 
zung, die wiederum dunklen Dachflächen in 
immer verspringender Höhe. Sie, mit ihren 
vom Fassadenrand abgerückten, kubisch ver- 
schachtelten Aufbauten und den absurden 
Bassins beherrschen den Blick. Und wenn man 
mit leichtem Zusammenkneifen der Augen 
diese Dachlandschaft für sich nimmt, die 
Dachfläche als zweite obere Bodenebene, 
dann entstehen über der größten Rasterstadt 
unzählige Keimzellen amerikanischen Städte- 
baus. So fängt das kleinste Nest im Westen an, 
Häuser und Hütten im rechten Winkel 
aneinandergefügt, und dazu der runde, hölzer- 
ne, kegelbedachte und aufgebockte Wasserbe- 
hälter, das Symbol für Versorgung und An- 
schluß, für Landwirtschaft und Eisenbahn- 
station. 
Städte am Wasser bieten zu dem Erleben 
von den Höhen der Stadttopographie ein 
zweites Abenteuer: die Hafenrundfahrt. In 
New York besorgt das die Circle Line. Die 
Umrundung Manhattans beginnt am Ende 
der berüchtigten 42.. Den Hudson herunter 
nach Süden, vorbei an den Kaianlagen, neu 
gebaute und zerstört liegengelassene. Der 
Blick durch die Straßenschluchten geht nun 
von Anfang bis Ende; Schneisen in der Stadt, 
kein städtischer Raum, mit Massen versehene 
Strecken. Auf der Rückfahrt von dem unver- 
meidlichen Abstecher zur Freiheitsstatue - sie 
ist ungefähr so charmant wie das Hermanns- 
denkmal im Teutoburger Wald - liegt die klas- 
sische Ansiht Manhattans vor uns. 
Die kleinen traditionellen Hochhäuser wer- 
den umstellt und überragt von den hell oder 
dunkel gleichmäßig strahlenden Fassaden der 
dimensionslosen Schachteln. Das gebaute 
Modell einer Übertreibung. Es fasziniert, so 
zusammengeballt und aufgetürmt auf das 
Wasser gestellt. Aber anders als in Venedig, 
wo die Geschichte im Gesicht der Fassaden, 
Glanz und Alter, im Dekor und abbröckeln- 
den Putz, im Vergehenden weiterlebt, besteht 
die Ansicht Manhattans nur aus der Skyline, 
von den Amerikanern selbst so in ungewoll- 
ter Reduzierung genannt. Und in der Tat 
schwindet das Träumen beim Näherkommen, 
der Reiz des ersten Blicks bleibt ohne Erwei- 
terung, Vertiefung, im Gegenteil, weiter auf 
dem East River wird spätestens beim Anblick 
der monotonen Türme der Styvesant Ap- 
partments die Fragwürdigkeit solcher Agglo- 
meration deutlich. Da ist jede Drehbrücke am 
Harlem River in ihrer sinnvollen und schönen 
Gründerjahrekonstruktion spannender als der 
Anblick ganzer Stadtteile. 
Nachdem der Harlem River mit scharfem 
Knick nach Westen den Felsrücken Man- 
hattans durchschnitten hat, mündet er in den 
Hudson. Über das Heck nach Norden 
schweift der Blick überrascht über einen brei- 
ten Fluß, der behäbig sein Ziel erreicht hat. 
Zwei Inseln im Strom, rechts flacheres, bewal- 
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