Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

‚etroffenen nicht zur Akklamation herbeizi- 
.jeren, sondern muß zu ihnen hingehen, und 
zwar kontinuierlich, von Anfang an. 
® Der Bezug zum Bezirk Kreuzberg. Bestä- 
tigt wurde mit der „Bürgeranhörung“ nicht 
nur, daß das ganze praktizierte Verfahren 
keinen wirklichen Platz für Bürgerbeteiligung 
bietet (und daß die teilnehmenden Architek- 
ten erst lernen müssen, ihre Arbeiten mit der 
sozialen Realität zu vermitteln), sondern 
auch, daß der Bezirk Kreuzberg mit dem 
gesamten Prozeß und insbesondere mit der 
Berücksichtigung der Infrastrukturanfor- 
derungen nicht so ganz glücklich ist. „Die 
Planungen der IBA“, so der (auf Vorschlag 
der Alternativen Liste gewählte) Kreuzberger 
Baustadtrat Orlowsky, „haben zu spät das 
Licht der Öffentlichkeit erblickt“. Dagegen 
stehen die Baugesellschaften „schon auf der 
Matte“ und versuchen, bei der IBA „mitzumi- 
schen“. Der Bezirk will „retten“, was zu retten 
ist“, und plant Bauherren- bzw. Bauträger- 
wettbewerbe auf kleinen Parzellen (Ziel: 
Kostenminderung und OQualitätsverbes- 
serung, vertraglich festgelegte Mietermitbe- 
stimmung bei der Nutzung). 
Fazit der bisherigen Überlegungen (die sich 
auch auf andere Aspekte - Seniorenwohnhäu- 
ser, halböffentliche Freibereiche usw. ausdeh- 
nen lassen): Der praktizierte Typ des 
Wettbewerbsverfahrens ist ungeeignet für die 
Aufgaben der Stadtreparatur. Ohne präzise 
Kenntnisse der aktuellen Situation vor Ort 
und ohne permanente Auseinandersetzung 
mit den Betroffenen und dem Bezirk kann es 
keine „ausstellbare“ Planung geben, allenfalls 
ausstellbare Fassadenarchitektur und Pla- 
nungsgrafik. Vor allem bei der Wettbewerbs- 
vorbereitung durch die IBA wurden die 
Weichen falsch gestellt. Daß trotzdem ein 
insgesamt gelungener Entwurf (von Tarragö) 
vorgelegt und prämiert wurde, soll nicht 
bestritten werden. 
Allerdings ist von vorneherein klar: Dieser 
Entwurf - Vorerst ja nur eine Form - kann 
unter den widrigen Voraussetzungen seiner 
Entstehung nur schwer mit der Realität 
vermittelt werden. 
Postmoderner Städtebau ä la Kleihues 
erweist sich so zunächst als Abkehr von den 
positiven Elementen des modernen Städte- 
baus, als Abkehr von dem Anspruch, soziale 
Gebrauchswerte zu schaffen, was 
® die Orientierung der Arbeit an den künfti- 
gen Bewohnern, 
® den intensiven Einbezug experimentier- 
freudiger Fachleute, die keine Architekten 
sind, 
die Betonung sozialer Infrastruktur, 
die Zusammenarbeit mit reformbereiten 
kommunalen Institutionen, 
die Suche nach geeigneten Planungs- und 
Realisierungsverfahren, insbesondere auch 
nach alternativen Bauträgern umfaßt. 
Postmoderner Städtebau erinnert ‚auf den 
ersten Blick tatsächlich nicht nur formal, 
sondern auch konzeptionell an die Planung 
der Stadt des 19. Jahrhunderts. 
Aber die kaiserlichen Zeiten sind vorbei. 
Nach Beendigung des Wettbewerbs tritt die 
IBA als Entwurfsinstitution in den Hinter- 
grund. Zunächst legt der Bezirk ein Veto ein: 
Der durch die IBA-Pläne implizierte Bevölke- 
rungszuwachs, so heißt es mit Blick auf die 
vorhandenen Infrastrukturprobleme, ist zu 
groß. Die Konsequenz: 50 Wohnungen 
weniger im Block 9. Betroffen von dieser 
Reduzierung ist ausschließlich die Nordwest- 
1 
In 
8. Die Abtreppung des Excelsior-Hochhauses im Vorschlag von 
Franz / Hauser. 
9. Die beiden bemalten Brandwände am KuKuCK. 
10. Die Freistellung des KuKuCK im Vorschlag von Tarrago. 
11. Der Vorschlag von Tarrago: drei Türme markieren den Neu- 
baueingriff (einer ist verdeckt durch das Excelsior-Hochhaus) 
rechts die Wilhelmstraße. 
ecke des Blocks, die Bebauung westlich des 
KuKuCKs an der Anhalter Straße. Für dieses 
Gebiet schließt der Bezirk ein zeitlich 
begrenzten Nutzungsvertrag mit de KukuCK 
ab. Die IBA reagiert auf diese Entwicklung 
mit der formalen Umnutzung der Bebauung. 
Statt Wohnbauten sind jetzt Gewerbebauten 
vorgesehen, womit die Bebauung faktisch 
zurückgestellt wird, da sich ein Träger für 
solche Bauten nur schwer finden läßt. 
Allerdings wird von ökologischer Seite eine 
Bebauung äla Tarragö nunmehr auch prinzi- 
piell in Frage gestellt, da diese den notwendi- 
gen Luftaustausch zwischen dem Anhalter- 
Bahnhofs-Gelände und dem Prinz-Albrechts- 
Gelände behindern würde. 
Die Kritik an der Neubau-IBA von außen 
wie von innen (durch einzelne Mitarbeiter) 
führt weiter dazu, daß die Frage der Bauträger 
auch als Problem der IBA ernstgenommen 
wird. Für die Bebauung an der Norostecke des 
Blocks ist die Hilfswerksiedlung, eine gemein- 
nützige Wohnungsbaugesellschaft der evenge- 
lischen Kirche, im Gespräch. Dem Druck 
privater (Abschreibungs-) Träger konnte bis- 
her standgehalten werden. 
Bei der geplanten Bebauung an der 
Wilhelmstraße zeigt sich die IBA jetzt 
geradezu als experimentierfreudig: Dort soll 
ein Selbsthilfekonzept ä la von Beulwitz 
verwirklicht werden, und zwar mit einer 
abgestuften Selbstbeteiligungsquote. Die gan- 
ze Planung wird von der IBA vorfinanziert, 
für die Realisierung soll ein Bauträgerwettbe- 
werb ausgeschrieben werden. 
Und die „Betroffenen“? Sie haben sich - auf 
der Ebene der Südlichen Friedrichstadt - in 
einer „Stadtteilkommission“ zusammenge- 
schlossen, deren Meinung, so hat sich der 
Bezirk verpflichtet, bei der weiteren Planung 
berücksichtigt werden soll. Mit dem Block 9 
hat sich die Stadtteilkommission bisher noch 
nicht beschäftigt. Zu erwähnen wäre weiter 
eine Befragung der 28.000 Beschäftigten der 
Südlichen Friedrichstadt und der Friedrichs- 
vorstadt über mögliche Wohnabsichten in den 
künftigen Neubauten, die derzeit ausgewertet 
wird. Wie die an einer Wohnung Interessierten 
in den weiteren Prozeß eingebunden werden 
können, ist noch offen. 
Also alles auf dem Wege zur Besserung? 
Leider nein. Durch eine lapidare Pressemit- 
teilunng des Senators für Stadtentwicklung 
und Umweltschutz vom 5.3.82 werden der 
IBA nicht nur die Planungen für die Blöcke 19 
und 20 weggenommen, sondern es droht 
gleichzeitig für das künftige Wohnen im Block 
9 (Nordund Westseite) eine gravierende 
Verschlechterung: Die Stresemannstraße und 
die Anhalter Straße sollen Zubringer der 
neuen „NordSüd-Verbindung“ - einer Art 
Neuauflage der Westtangente unter der Form 
der „Bundesfernstraße“ - werden, der Askani- 
sche Platz zur Hauptverkehrskreuzung. Mit 
dieser Entscheidung - in formaler Hinsicht 
Ausdruck des Bemühens des CDU-Senators, 
delegierte Planungskompetenzen wieder in 
sein Haus zurückzuholen - kommt der alte 
Kurs der Berliner Planungspolitik zu neuen 
Ehren: Das Auto ordnet die Stadt, innenstadt- 
nahe Gebiete werden zu _Verkehrsdurch- 
gangszonen. „Städtisches Wohnen in einer 
Park- und Wasserlandschaft am Askanischen 
Platz“, wie es noch 1978 in einer Schrift des 
Bausenators heißt? Wohnen in der Innen- 
stadt? Das IBA-Motto scheint zum makabren 
Scherz zu gerinnen, der destruktive Städtebau 
der Nachkriegsmoderne den Läuterungspro- 
zeß der Postmoderne zu überrollen. 
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