Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

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Es ist die südliche Hälfte des ge- 
planten Komplexes Ritterstraße 
Nord, die jetzt kurz vor Fertigstel- 
lung steht: sozusagen eine geschlos- 
sene Blockbebauung zwischen Rit- 
ter-, Alte Jacob-, Feilner- und Lin- 
denstraße. Zur Ritterstraße zu öff- 
net sich die neue Anlage mit einem 
tiefen Cour d’honneur. So, wie die- 
ser ungleich konsequenter in den 
Block hineingezogen ist als im ge- 
genüberliegenden Pendant der An- 
lage Ritterstraße Süd, so ist hier al- 
les mit etwas mehr Perspektive an- 
gelegt als im älteren Modell. Daß 
das inzwischen, im Vergleich noch 
dazu, sehr alt aussieht, ist unüber- 
sehbar. Man hat sich die peinlichen 
Außenbordmontagen jetzt so gut 
wie ganz gespart, es herrscht ein 
reinlicher Klassizismus, wie er sich 
auch sonst an vielen Stellen in Ber- 
lin durchzusetzen beginnt. Es ist im 
Ästhetischen also ein Normalni- 
veau gefunden, über das man, von 
größeren Peinlichkeiten ungestört, 
beruhigt reden kann 
Der Versuch der Südanlage, un- 
terschiedliche Häusertypen zur An- 
sicht zu bringen, ist weitgehend 
aufgegeben zugunsten einer er- 
scheinungsmäßigen Angleichung 
der einzelnen Architektenportio- 
nen. Die wesentlichen Unterschie- 
de liegen innen. Die Grenzen zwi- 
schen den Häusern sind noch gera- 
de erkennbar, aber städtebaulich 
nicht thematisch, im Gegenteil. 
Was erscheint, ist die Einheitlich- 
keit einer barocken Schloßanlage, 
die an der Ostseite mit dem Stra- 
ßenverlauf mitschwingt. Beidseitig 
des Cour d’Honneur umschließen 
vier Flügel jeweils einen relativ gro- 
ßen Innenhof. Die Außenkanten 
zur Lindenstraße und zur Jacob- 
straße sind — nicht im Detail und 
Grundriß, aber sehr wohl in Mate- 
rial und Gestik — symmetrisch aus- 
gebildet, fünfgeschossig gegenüber 
der sonst durchgeführten Vierge- 
schossigkeit. Sie haben viel Zwan- 
ziger Jahre-Sachlichkeit an sich 
(mit dem zur damaligen Sachlich- 
keit zugehörigen Sich-Recken hin 
auf eine noch kommende Größe). 
Die innerhalb dieser Einfassung 
liegenden Flügel ordnen sich dage- 
gen unter ein früheres Modell: so- 
zusagen staatliche preußische Rei- 
henbebauung um 1840 (die es frei- 
lich um 1840 nicht mehr gab). Die 
durchlaufenden Zinkdächer sind 
schön zu sehen; zusammenfassend 
wirkt auch der gleichlautende helle 
Putz 
Daß hier ein historisches 
Schlachtfeld bebaut wurde, ver- 
steht sich von selbst. Das Gelände, 
auf dem jetzt gebaut wurde, ver- 
dankt sich der heroischen Aufräu- 
mungsarbeiten der sechziger Jahre, 
die die Schinkel’schen Ruinen der 
Militärarrestanstalt und des Feil- 
nerhauses uns aus den Augen 
räumten. Die angedeutete Zwie- 
schlächtigkeit im Aufbau der jetzi- 
gen Anlage ist letzter dezenter Hin- 
weis auf die illustren Vorgänger. 
Insbesondere das Feilnerhaus — als 
moderne Idee in den Köpfen der 
Formalisten — wurde zum Taktge- 
ber. Die Annehmlichkeiten dieser 
Rücksichtnahme sind nicht zu 
Ritterstraße Nord 
übersehen. Ein allgemeineres Me- 
netekel sind die Hofeinbauten: in 
diesen zonierenden Palisaden sieht 
man vertraute Altbaubalken aufge- 
pflanzt wie die Knochen der er- 
schlagenen Väter. Im übrigen 
herrscht, im Außendesign, fried- 
volles Vergessen und ein am erfreu- 
lich nützlichen Detail orientierter 
Blick auf herkömmliche Ge- 
brauchswerte (ob auswechselbaı 
aussehend davorgestellte Fassaden- 
tafeln dazugehören, wäre andermal 
zu diskutieren). In einer Stadt, in 
der alle alten Maßstäblichkeiten 
durch Abriß verschwanden, hat 
solche Wiederkehr durchaus etwas 
anheimelnd Verfremdetes 
LINDEN -/ RITTERSTRASSE IBA 84 
Architekten: 
Bangert/ Jansen/ Scholz/ Schultes Haus 1,5,8,11 
Benzmüller/ Wörner Haus 6,10,13,15 
Feddersen/ v.Herder u. Partner Haus 2,3,23 
Ganz/ Rolfes Haus 4,18, 20 
Liepe/ Steigelmann/ Brandt/Heiss Haus 9,12,14,21 
Müller/ Rhode Haus 17,19,22 
Krier Haus 7,16 
Halfmann/ Zillich Außenanlagen 
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unten: das Feilnerhaus Foto: Rau 
Für die Innenausbauten läßt sich 
das, soweit ich sie sah, nicht so sa- 
en. Die SEHEN auf der 
Süche nach neuen Grundrissen sind 
überall zu spüren, Altbauräume 
übertragen in sozialen Wohnungs- 
bau, das gibt eher Chaos und Ver- 
schnitt als die angestrebte Raum- 
qualität. Mitschuld an den Schwie- 
rigkeiten ist auch, daß die Archi- 
tekten sich nicht klarwurden, was 
sie eigentlich bauen wollten, Miets- 
häuser oder Palladiovillen. Jeder 
schnörkelt halt in seinen vier Haus- 
wänden seinen eigenen Zentralbau 
zurecht, was durch die zahlreichen 
Maisonette-Wohnungen noch ge- 
steigert wird. Eine sehr schöne 
Mietshaus-Treppenanlage ist dage- 
gen an der Lindenstraße zu sehen. 
Eine recht glückliche Lösung 
scheint mir auch, gerade weil hier, 
in Konzentration auf die Hofbe- 
bauung, Innen und Außen von ein- 
ander abhängen, die Nordostecke, 
die darin allein so etwas wie Lokal- 
kolorit zustandebringt. Auf längere 
Sicht interessant werden die Wohn- 
gemeinschaftswohnungen in der Ja- 
kobstraße sein; ob sie funktionie- 
ren (besonders im weiter ausbauba- 
ren obersten Geschoß), ist durch 
ästhetische Gefühle beim Durchge- 
hen nicht zu beurteilen, das braucht 
Wohnpraxis. 
Das Herz der Anlage ist das neue 
Feilnerhaus. Relativ stringent ins 
Ganze eingebunden, ist es dezidiert 
ein Neubau mit vorgeschobenen 
Fassaden. Die Schinkel Fassade" 
ist als Bühnendekoration gedacht: 
in Putz und mit Betonfertigteilsok- 
kel (Feilner war Ofenfabrikant und 
brannte Schinkels Terrakotten in 
der Fabrik hinterm Haus, Schinkels 
Fassade benutzte natürlich Back- 
stein). Die Bühnentechnik geht so 
weit, daß die Torfahrt nicht einmal 
ins Haus hineinführt; man betritt 
dieses von den offenen seitlichen 
Verteilerpavillons aus, die stellver- 
tretend Backstein zeigen. Innen, 
bei Grundrissen wie Ausbau, 
herrscht entsetzlicher Bürokratis- 
mus, der so hart wie möglich gegen 
die vorgestellte nördliche Fassade 
(die historisierende) abgeschottet 
ist, während sie sich nach Süden zu 
ihrerseits von der Torfassade die 
Räume zustellen läßt. Das alles ist 
lobenswert konsequent. Konse- 
quent ist natürlich auch die weitere 
Idee, den Straßenraum vor der 
Schinkelkulisse theatralisch zu 
schließen. Mir wäre das egal, wenn 
damit nicht die Feilnerstraße über- 
haupt aus dem Stadtbild ver- 
schwände. Warum das (immerhin 
ist das die älteste Straße der ganzen 
Friedrichstadt) nach so vielen miß- 
glückten Berliner Straßenüberbau- 
ungen immer noch sein muß, wis- 
sen die Götter. Berlins teuerster 
Hinterhof — statt der Mülltonnen 
werden freilich dort Statuen stehen 
— scheint uns unweigerlich sicher, 
wenn nicht irgendwelche gnädigen 
Finanznöte dazwischenkommen 
und den Weiterbau auf dem nördli- 
chen Block — wo ohnehin das Sche- 
ma der vorhandenen Bauten wegen 
nicht mehr recht durchgeführt wer- 
den kann — entsprechend umorien- 
tieren. 
Dieter Hoffmann-Axthelm 
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