Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1984, Jg. 17, H. 73-78)

Vi haben den Eindruck, daß etwas Neues im Kommen 
\ ist und daß es notwendig ist, um dieses Neue zu begreifen, N 
sich aufmerksam mit den treibenden Kräften, d.h. den neuen Bernardo Secchi 
Technologien auseinanderzusetzen. 
Die Technik und deren Produkte beweisen erneut ihre N 
Fähigkeit, das kollektive Vorstellungsvermögen anzusprechen, eue 
indem sie Neues in Aussicht stellen und Veränderungen, ja 
sogar | Verbesserungen, der Stadt und der Landschaft ® 
versprchen. Technologien 
Die individuelle und kollektive Emanzipation scheinen den 
betrieblichen Prozessen und den Techniken zu ihrer Rationali- 
sierung nicht länger entgegenzustehen. Faktoren, die bislang 
als Bindungen galten, lösen sich auf: räumliche Nähe und 
räumliche Gesetzmäßigkeiten, Konzentration in der Stadt und EA 5 Den 
am Arbeitsplatz, im Stadion, im Krankenhaus, auf der deren kontinuierliche Ausbreitung begünstigt. ? . 
Autobahn, die Verpflichtung zu uniformen Verhaltensweisen, Natürlich finden all diese neuen Veränderungen nicht nur in 
die Routine, die Gleichförmigkeit der Arbeit in ihrer Beziehung der verstädterten Landschaft statt, sondern auch in den 
zu den öffentlichen Dienstleistungen und der Freizeit. Städten selbst. Ein großer Teil dessen, was geschieht (was ja 
Die neuen Bilder zeugen von Dispersion und Differen- keine einfache Fortsetzung des Bekannten und Erprobten ist), 
zierung. Alles nimmt einen häuslicheren Charakter an. Die wird sich jedoch als fluktuierend, kurzlebig und vor allem 
soziale Interaktion wird zum „Gespräch“. Die „Bildschirm- dispers ETWEISEN. ; . . 
Arbeit“ erzeugt neue Produkte und neue Lebensweisen; sie Die Dispersion hat die Stadtplaner schon immer in größte 
erlaubt es, selbst die geringsten Identitätsunterschiede heraus- Verlegenheit gebracht, da es ihr an Regelmäßigkeit mangelt, da 
zustellen. sie sich nicht auf spezifische physische und kulturelle 
Neue Bilder werden oftmals zu Anfang am schärfsten Dimensionen zurückführen läßt, da sie sich in Abständen 
empfunden, als ob wir heute schon kurz vor der Situation einer immer wieder auflöst. Es geht hier nicht allein um die 
gleichmäßigen räumlichen Dichte und einer gleichmäßigen Schwierigkeiten, die ein unklares Bild gegenüber der Klarheit 
Verteilung der Arbeitsplätze und Wohnungen ständen, als ob der Stadt aufwirft. In der Dispersion gibt es keine eindeutigen 
die große Industrie oder die Großstadt schon verschwunden Ränder und Grenzen, die Teile der Stadt und besondere 
seien, als ob wir große Freiheiten bei der Standortwahl und im Standorte abgrenzen, deren spezifischer Charakter und 
Lebensstil besäßen. Beim gegenwärtigen Tempo der Entwick- Identität abzulesen und ‚zwischen denen räumliche Bezie- 
lung kann derartiges aber erst in Jahrhunderten erreicht hungen und eine räumliche Ordnung herzustellen wären. 
werden. Die Zukunft wird der Gegenwart voraussichtlich Deshalb ist die Dispersion den Stadtplanern schon immer als 
weitaus ähnlicher sein, als man im allgemeinen annimmt. Wucherung, Chaos, unkontrollierbarer Auswuchs von Beton 
Trotzdem, etwas ist in. Bewegung geraten. Viele große und Ziegelsteinen erschienen. 
Firmen, einst Symbole der Konzentration der Macht, lösen Für die Stadtplaner stellen die städtische Konzentration und 
sich im anonymen Meer der städtischen und vorstädtischen die städtische Dispersion keine symmetrischen gedanklichen 
Wohnviertel auf. Die verstreuten Büros sind die Terminals Kategorien dar, die entgegengesetzte, aber gleichermaßen 
eines weitläufigen Kommunikations- und Entscheidungs- gewichtige Entwurfskonzepte generieren. Die Ursprünge der 
netzes. Stadtplanung liegen in der Auseinandersetzung mit der 
Doch vor allem das Wohnen verteilt sich: Die Bevölkerung städtischen Konzentration. Deshalb hat man immer versucht, 
der städtischen Metropolen nimmt ab. Nach der Epoche in der Dispersion durch Maßnahmen einer physischen und 
der großen Migrationswellen entstehen neue Siedlungsmuster geistigen Konzentration Ordnung zu schaffen, und zwar 
die der italienischen und der europoäischen Geschichte fremd mittels architektonischer Zeichen sowie gestalterischer und 
sind. methodischer „Regeln“. Der Plan einer Kleinstadt ist somit zur 
Es entwickelt sich eine neue Form von Stadt, die wir noch Miniaturausgabe des Plans einer Großstadt geworden, die 
nicht richtig begreifen. Sie birgt etwas vom kleinen verstädterte Landschaft zur Miniaturausgabe des metro- 
Provinzzentrum in sich,etwas vom Vorort einer Stadt mittlerer politanen Bereiches - als ob ein jeder Ort der Stadt und der 
Größe, etwas von einer ländlichen Siedlung und etwas vom Metropole gleichen müsse. Es mag sein, daß sich im Meer 
Stadtrand einer Metropole. Sie wird, in funktionaler wie in dessen, was wir heute als dispers empfinden, schon neue 
sozialer Hinsicht, kaum durch Segregation oder Zonung Verdichtungspunkte herausbilden, daß das Ganze nichts weiter 
bestimmt. Sie birgt eine Vielfalt an Bautypen in sich, ein als eine Vergrößerung des Maschennetzes des städtischen 
funktionales und typologisches Gemisch, in dem schwächere Gewebes darstellt. Es mag. aber auch sein, daß die neuen 
und inzwischen bedeutungslos gewordene Baustrukturen aus Technologien und die städtische Dispersion neue geistige 
früherer Zeit untergehen. Anstrengungen erforderlich machen: uns dazu zwingen,über 
In den Zwischenräumen dieser neuen Siedlungsstrukturen neue Siedlungsformen nachzudenken, über eine neue Stadt, 
finden Aktivitäten Platz, die dank der neuen Technologien und zwar nicht länger in Begriffen von innen/außen, 
immer weniger Raum in Anspruch nehmen. Die „Werkstatt“ geschlossen/offen, unsichtbar/sichtbar, von Wänden als 
ist. kein spezifischer Ort mehr; ihr entsprechen keine Grenzlinien, sondern als ein heterogener Zusammenhang von 
überdimensionalen Qbjekte mehr, die die Asymmetrie der Terminals, die durch Rohre und Rohrsysteme verbunden sind: 
sozialen Beziehungen zum Ausdruck bringen. Kleine Woh- Telefon, Kühlschrank, Fernsehapparat, Steuerpult des per- 
nungen,kleine Werkstätten und Industrien, die sich unserer sonal computer, Arbeitsplatz am Bildschirm, Bankschalter, 
unmittelbaren Betrachtung entziehen, aber mächtige Verbin- automatisierte Verkaufsstelle, elektrische Leitungen, Auto- 
dungen zu den nationalen und internationalen Märkten bahnen. All dies birgt typologische Brüche mit der 
aufweisen: Diese sind die wichtigen Terminals eines Vergangenheit in sich, ein neues Verhältnis zu den Vor- 
weitläufigen Netzes der Information und des Austauschs; sie Gegebenheiten, eine Schwächung der Erinnerung und ihrer 
stehen in einem Wettstreit und in Konkurrenz zu den großen, Kapazität, der Zukunft einen Sinn zu verleihen, indem man die 
traditionellen Produktions- und Kontrollzentren. Vergangenheit in Ordnung bringt. 
Diese „Dispersion“ ist nicht allein durch die neuen Wenn ich diese Fragen aufwerfe, dann deshalb, weil mir 
Technologien bedingt, obgleich sie mit einer grundlegenden scheint, daß wieder einmal die Gefahr droht, daß die 
Restrukturierung der Produktionsweisen und deren Bezie- Stadtplaner ihre Aufgabe nicht richtig begreifen - daß sie zu 
hungen zu Stadt und Land zusammenhängt. Den Ausgangs- Experten auf den Gebieten der Informatik, der Betriebs- 
punkt bildet vielmehr ein genereller Trend zur Umverteilung- wirtschaft, der Rroduktionssysteme werden, anstatt ihren Blick 
zur Nutzbarmachung von weitläufigen Arbeits- und Absatz- auf die städtische Dispersion zu werfen und Bilder, 
märkten, unternehmerischen Fähigkeiten, Technologien und Konzeptionen, Entwürfe zu entwickeln, die dem Neuen, das 
dem verbreiteten Willen, zum allgemeinen Wohl beizutragen. diese zum Ausdruck bringt und manifestiert. angemessen sind, 
All dies mag zur Herausbildung einer Umwelt beitragen, die - 
auch in physischer Hinsicht - die neuen Technologien und aus: Casabella Nr. 501, April 1984, Übersetzung: Michael Peterek
	        

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