Volltext: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1981, Jg. 13, H. 55-57/58, [59], 60)

Berichte - Rezensionen - Leserbriefe 
e 
Adalbert Evers 
Alternativen in der Kommunalpolitik? 
Nachtrag zu einem kommunalpolitischen Kongress in Bielefeld, November 1980 
Was Frankfurter Rundschau, Taz, Zeit, 
Links, Revier schon geschrieben und be- 
richtet haben, braucht hier nicht wieder- 
holt zu werden: ein Treffen mit mehr als 
500 Teilnehmern von Bunten, Alternati- 
ven, Grünen Listen, vereinzelt auch aus 
Bürgerinitiativen, — Stadtzeitungen und 
SPD; eine Podiums- und Plenumsdiskus- 
sion, die dieses Spektrum widerspiegelte, 
wo man allerdings mehr aneinander vorbei 
monologisierte als miteinander diskutier- 
te; dann aber ein lebhafter und arbeits- 
intensiver zweiter Tag mit themenbezoge- 
nen Arbeitsgruppen, einem Forum zur 
Haushalts- und Gesellschaftspolitik der 
Bremer Grünen und mit diversen Treffen 
am Rande, wo sich die Teilnehmer selbst 
organisierten. 
Hier soll vielmehr von drei Dingen die 
Rede sein, die in dieser Presseberichter- 
stattung unterbelichtet blieben oder man- 
gels Information fehlen mußten: dem 
Konzept, das hinter einem solchen Kon- 
gress stand, dem politischen Konflikt der 
dort aufbrach und den Schlußfolgerungen 
für die Richtung einer Weiterarbeit auf 
dieser Ebene. 
Ein Überschuß an sozialer Phantasie 
und ein politisches Defizit - die 
Herausforderung für einen solchen 
Kongress 
Widerstand von Bürgern gegen die Zer- 
störung „ihrer Stadt“, Kulturzentren und 
Fraueninitiativen, ein Büro der Bürger- 
initiativen und die informellen Treffs der 
„Scene“ - in welcher Stadt gibt es nicht 
wenigstens etwas von diesem 'patchwork' 
an Widerstandshandlungen, kleinen Re- 
bellionen und sozialen Experimenten? 
Weit über das hinaus, was man heute so 
gerne als ,Alternativbewegung" begriff- 
lich heraustrennt, gibt es das: Utopien 
eines anderen und besseren Lebens, kleine 
Fluchten und Ungehorsamkeiten; hier 
wird ein Ausmaß an sozialer Phantasie 
mobilisiert, hier wirken Träume, die nicht 
immer an der Aktionsform selbst ablesbar 
sein müssen: auch hinter dem simplen 
Syndikalismus einer Mieterinitiative ist 
der Traum von einem anderen Wohn- und 
Lebensmodell wach und eine Initiative, die 
mehr Fahrradwege fordert, will mehr als 
nur ihren Anteil am Autoasphalt. Wäh- 
rend jedoch auf der Ebene der sozialen und 
kulturellen Aktion heute soviel an sozialer 
Phantasie und utopischem Überschuß 
mobilisiert ist wie zu keiner Zeit im Bun- 
desdeutschland, so sieht es in der Politik, 
den Institutionen der Macht erbärmlich 
aus: welcher Programmpunkt der Par- 
teien, welche progressive Äußerung ihrer 
Spitzenpolitiker kommt überhaupt von 
ihnen selbst, ist anderes oder mehr als Auf- 
nahme und Reflex von Inhalten und For- 
derungen, die in den sozialen Bewegungen 
und Initiativen entwickelt wurden? In 
dieser Situation nun sind alternative, 
Grüne und Bunte Listen angetreten. um 
mit der Umwandlung sozialer Utopien in 
politische Programmpunkte, der Auf- 
schließung des umgrenzten Feldes der 
politischen Institutionen für Basisaktio- 
nen, die bisher daran abprallten, diesen 
Hoffnungen mehr Durchschlagskraft zu 
geben. 
Wie aber vermitteln sich Einzelziele und 
Einzelaktionen im lokalen Bereich zu einer 
Art städtischem und kommunalem Ge- 
samtkonzept? Was, außer etwas mehr 
Offenheit, Bescheidenheit, aber auch 
Vagheit haben solche Listen denn gegen- 
über linker SPD-Politik in den Kommu- 
nalparlamenten zu bieten? Was machen sie 
tatsächlich ’anders’, oder muß man es nur 
’besser’ machen? Was sind denn nun 
„Listen“, die weder Partei noch einfach 
Parlaments-Bürgerinitiative sein wollen? 
Weil wir der Ansicht waren, daß hier bis- 
lang zu wenig gefragt worden ist, das 
Nachdenken erst beginnt, kurz, ein Defizit 
an politischen Antworten auf die sozialen 
und kulturellen Herausforderungen der 
neuen Bewegungen und Initiativen da ist, 
deshalb sollte der Kongress stattfinden. 
Also kein Spezialistentreffen für „Sach- 
bereiche“, kein Treffen lokaler Initiativen 
schlechthin, sondern generell und in Ein- 
zelbereichen, wie Wohnen, Haushalt, 
Kultur die Frage danach, welche Grund- 
überzeugungen, Ziele und Aktionsformen 
in der Politik notwendig sind, wenn sie 
wieder überzeugender Ausdruck und 
reelle Hilfe sein will für die Emanzipa- 
tionsbestrebungen der Leute, die sich 
gegen Konvention und Macht selbst 
organisieren. 
Alternativ - oder: hinter einer Plakat- 
wand hat eine Menge Platz 
Um es gleich zu Anfang zu sagen: unter der 
eben beschriebenen Zielsetzung, mit der 
ich den Kongress vorzubereiten geholfen 
hatte, waren die Erfolge höchst beschei- 
den. Die Szenerie bestätigte eher und 
machte anschaulich, was vermutet worden 
war: Was sich hier alternative Politik 
nennt, sind zumeist Versuche, die neuen 
sozialen und kulturellen Forderungen in 
den „sozialistischen“ politischen Schema- 
ta von gestern einzufangen; und wenn in 
den Arbeitsgruppen nicht immer wieder 
das Phänomen aufgetaucht wäre, daß viele 
von denen, die sich da Genossen nennen, 
praktisch schon lange Dinge tun, die sie 
„theoretisch bekämpfen“, dann wäre es 
um die wenigen Ansätze (wie etwa die der 
Bremer Grünen Liste), wo die wachstums- 
kritischen und ökologischen Impulse der 
Bewegungen auch im Ansatz zu einer 
neuen Politik führen, wohl schlecht 
bestellt. Was sich da auf dem Kongress als 
„alternativ“ angesprochen. fühlte, zerfiel 
praktisch in zwei Hauptgruppen. Geord- 
net nach Lautstärke und Selbstsicherheit 
des Auftretens stellen wir vor: In der Ab- 
teilung I die beiden traditionellen Varian- 
ten des betont sozialistischen Angebots: 
die linksradikale Variante: Wohnen, 
Kultur, Selbsthilfe und Bürger-Initia- 
tive? Nun, die Politik kann sich ihren 
Rohstoff nicht aussuchen, aber sie 
kann ihn formen; deshalb also bitte 
recht bald auch wieder: Imperialismus, 
Internationalismus, ‘raus aus der 
NATO, und weg von der „Regierungs- 
jugend“ (lies: Jusos). Tatsächlich, es 
muß noch viel gearbeitet werden, so 
meinen die Vertreter der „Z-Gruppe“ 
(eine klandestin in der Grünen Partei 
arbeitende Kommunistische-Bund-Ab- 
spaltung, die in der Bunten Liste Ham- 
burg tonangebend ist, aber auch bei 
der Alternativen Liste Westberlin oder 
auch der Bielefelder Liste mitzumi- 
schen sucht) damit zusammen mit uns 
aus den Bewegungen und Initiativen 
von heute das wird, was wir gestern 
und vorgestern schon gern gehabt 
hätten; 
® 
die linksreformerische Variante: ohne 
die neuen Bewegungen geht nichts 
mehr, auch wenn sie manchmal „ganz 
schön verrückt“ sind; wir müssen 
daraus ordentliche Politik machen, das 
praktisch umsetzen, wovon linke SPD- 
ler immer nur reden durften, hartnäk- 
kige Reformpolitik mit Augenmaß ge- 
wissermaßen; besonders ausgeprägt 
fand sich diese Position bei der Biele- 
felder Bunten Liste,  verstreut aber 
auch bei anderen lokalen Gruppen- 
und Listenvertretern (daß die paar 
Kämpen von der DKP hier noch am 
ehesten Vertrautes witterten, wen wun- 
derts?) 
In der Abteilung II nun politische Ansätze 
und Verhaltensweisen,die neu sind: 
® „gewählte Parlamentsvertreter“, die 
eher sprachlos, verunsichert oder miß- 
trauisch waren: sprachlos in der Hitze 
einer Debatte, die es den Leuten ohne 
„Standpunkt“ schwer machte, verun- 
sichert, da aus der Bewegung in die 
Politik gedrängt, mißtrauisch gegenü- 
ber den heiligsten Gütern der eigenen 
sozialistischen Vergangenheit, aber 
auch gegenüber der Eloquenz von Grü- 
nen, wie Olaf Dinné; nur auf sie will 
eigentlich jene — Selbst-Minimalisie- 
rung so recht passen, die doch alle 
Gruppen in zur Schau getragener De- 
mut vor ,der Bewegung" so gern bean- 
spruchen: nichts weiter als ihr kom- 
mandiertes Glied, genauer, ihr ,parla- 
mentarischer Arm" zu sein. 
schlieBlich die wachstumskritische Po- 
sition der Bremer Grünen, die in dieser 
Gruppe skeptische Zuhôrer, bei den 
sattelfesten Sozialisten schon gewapp- 
nete Gegner fanden: respektlos und oft 
rüde, jedenfalls nie in der Defensive; 
sie möchten staatliche Haushalte nicht 
ausweiten, sondern reduzieren, reden 
vom sparsameren Wirtschaften und der 
Entstaatlichung. 
In
	        
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