Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1984, Jg. 17, H. 73-78)

ie Worte Stadtentwicklung und Krise erscheinen wie sia- ° 
D mesische Zwillinge. Fast nie ist von dem einen, der Stadt- Walter Siebel 
entwicklung, ohne das andere, die Krise, die Rede. Trotzdem . as 
funktionieren unsere Städte noch. Sie sind bisher noch nicht 
zusammengebrochen und das, obwohl auch keine grundsätzli- Ar isenphänomene 
chen, strüukturändernden Eingriffe in ihre Entwicklung vorge- 
nommen worden sind. Krise aber meint eben das: die Zuspit- d 
zung einer\problematischen Entwicklung bis hin zum Zusam- er 
menbruch des gesamten Systems, sofern nicht vorher grund- 8 
sätzliche, strukturändernde Eingriffe durchgeführt worden St dt t ki 
sind. adteNtWICKIUNGg 
Das zweite Eigentümliche an der Diskussion über Krisen 
städtischer Entwicklung liegt darin, daß es immer andere Kri- 
sen sind, von denen die Rede ist: In den 60er Jahren während Vortrag an der Ch Kassel 
der großen Stadterweiterungen im sozialen Wohnungsbau am 
Rand der Städte - Beispiele hierfür sind das Märkische Viertel, 
die Nordwest-Stadt, Neuperlach ... - war im wesentlichen von 
siner sozialpsychologischen Krise städtischer Entwicklung die 
Rede. Den neuen Stadterweiterungen hielt man die bürgerli- 
chen Stadterweiterungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts 
entgegen. Gemessen an den in diesen älteren Stadterweite- 
rungen sichtbarwerdenden Qualitäten bürgerlicher Urbanität 
erschienen die neuen sozialen Wohnungsbauvorhaben als 
Verlust des eigentlich Städtischen. Daran haben Autoren wie Ende in bestimmten Gebieten Überbelegung und Desinvesti- 
Mütscher lich, EN Berndt und auch Bahrdt weitgehende tion auftreten, was zusätzliche Abwanderung derer zur Folge 
sozialpsychologische Folgerungen geknüpft. hat, die sich Abwanderungen leisten können, ein selbstverstär- 
Zu Beginn der 70er Jahre hat sich der Schwerpunkt stadtpla- kender Mechanismus, an dessen Ende slumähnliche Inseln im 
nerischer Tätigkeit auf die Stadtsanierung verlagert. Im Vor- Stadtgebiet entstehen könnten 
dergrund. standen Flächensanierungen, um Platz zu schaffen . 
für die als notwendig prognostizierten Erweiterungen tertiärer Dieses sehr schlagkräftige Krisenszenario hat zu einer weitrei- 
Funktionen. Gegen diese planerischen Maßnahmen und ent- chenden Umorientierung in der Stadtentwicklungs- und Woh- 
sprechenden Stadtentwicklungsvorgänge wurden vorwiegend nungspolitik geführt: Steuerrecht, Wohnungsbauförderung, 
verteilungspolitische Argumente den alten sozialpsychologi- Bebauungsplanung wurden auf Modernisierung und Wohn- 
schen hinzugefügt: Das StBauFG wurde kritisiert als das umfeldverbesserung in innerstädtischen Wohngebieten kon- 
Instrument einer rüden Wachstumspolitik zugunsten der zentriert. Dies hat dazu beigetragen, beträchtliche Investitions- 
tertiären Sektors. Es werde eine Tertiärisierung der Kernberei- ströme privaten Kapitals in die Altbausubstanz umzulenken. 
che der Städte betrieben, die zu Lasten der schwächeren Nut- Eben dieser Erfolg aber hat nun selber schwerwiegende negati- 
zungen und der schwächeren Nutzer Platz an begünstigten ve Folgewirkungen: 
Standorten für die ökonomisch potenteren Nutzungen und ri ; Sm : 
Nutzer schaffe. Als Gegenbild hat man damals die erhaltende, % Escher KETTE 1 CE Bea mi ne SCETSPAON 
vorsichtige Modernisierung zugunsten der bestehenden Bau- schärferen kleinräumigen Segregation innerhalb der Kern- 
substanz, der vorhandenen Nutzungen und der bereits ansässi- stadt. Die großräumige Segregation wurde nicht dadurch ver- 
gen Bevölkerungsgruppen propagiert. Dabei wurden Leitbil- ringert, daß man den einkommensschwachen Haushalten nun 
der wiederbelegt wie Nachbarschaft, Heimat, Verwurzelung im ebenfalls Alternativen im Neubau im Umland eröffnet hätte. 
angestammten Milieu, die vorher als Kern eines ideologischen Vielmehr hat man umgekehrt für die einkommensstarken 
Leitbilds des Städtebaus kritisiert worden waren. . mobilitätsfähigen Haushalte auch den innerstädtischen Woh- 
Das Gegenbild der erhaltenden Modernisierung ist wenig nungsbestand zu einem attraktiven Angebot aufgewertet. Das 
später, Mitte der 70er Jahre, offizielle Politik geworden. Im hat Verdrängung der schwachen Gruppen aus den aufgewerte- 
Zuge der Stadtfluchtdebatte hatte das Krisenszenario erneut ten Gebieten in die Reste nicht-modernisierten Altbaus zur 
gewechselt. Im Zentrum der neuen Krisendefinition standen Folge mit der möglichen Konsequenz einer schlechteren Flä- 
weder sozialpsychologische noch verteilungspolitische Argu- chenversorgung dieser Gruppen bei gleichzeitig sinkendem 
mente sondern ein im Kern raumstrukturelles Problem: die Wohnstandard, weil die Hauseigentümer desinvestieren 
Abwanderung einkommensstarker, Junger Haushalte aus der b) Der zweite Bereich negativer Folgewirkungen ist eng damit 
Kernstadt in das nähere Umland. Mit dieser Entwicklung der verknüpft. Gemeint sind die sozialen Verteilungseffekte. 
Wohn-Standortstruktur wurden vier problematische Aspekte Aufwertungsmodernisierung bedeutet verschärfte Konkurrenz 
verbunden: der Nachfrager im Wohnungsbestand. Dadurch erhöhen sich 
® großräumige Segregation: Kernstadt als Sammelbecken der die Preise der Altbauwohnungen. Das verschlechtert die 
Armen, der Alten und der Ausländer. Damit auch Verlust Situation der unteren Einkommensgruppen. Mittlerweile liegt 
an politischer Durchsetzungsfähigkeit der Großstädte. beispielsweise in Stuttgart die Grenze, ab der ein Haushalt bei 
B Steuerverluste der Kernstadt Verlust seiner Wohnung bzw. bei Umzug eine Verschlech- 
® Ungleichgewichte in der Infrastrukturversorgung terung seiner Wohnungsversorgung inkaufnehmen muß, be- 
® Zersiedlung, Landschaftsverbrauch reits beim normalen vierköpfigen deutschen Haushalt mit 
. einem Facharbeitergehalt. Noch wichtiger als die über den 
Die Durchschlagskraft dieser Krisendefinition war deshalb be- Preis vermittelten Effekte dürfte die Tatsache sein, daß Moder- 
sonders hoch, weil man mit den Abwanderungsbewegungen nisierung und Wohnumfeldverbesserung auch die Zahl der 
einkommensstarker Haushalte sowohl auf dem Wohnungs- Wohneinheiten durch Zusammenlegung, Abbruch etc. ver- 
markt wie im Verkehrsbereich selbstverstärkende Momente. ringern. Beides, Verteuerung und Verringerung des Bestands 
sinen circulus vitiosus verbunden sah: von Altbauwohnungen, verengt den Wohnungsmarkt für 
® Abwanderung bedingt mehr Pendelverkehr. Das zwingt untere Einkommensgruppen. Daher die sog. neue Wohnungs- 
zum Ausbau des Straßennetzes, wodurch die Standortvor- not. 
teile der City erhalten oder gar erhöht werden. Das führt zu Das neueste Krisenszenario ist aus beiden Elementen zusam- 
erneuter Ansiedlung von Arbeitsplätzen im Zentrum und mengesetzt: Polarisierung auf dem Wohnungsmarkt und 
einem entsprechend steigenden Berufsverkehr. Daraus resul- Polarisierung der sozial-räumlichen Struktur der Stadt. 
tieren Verdrängungseffekte und Umweltbelastungen. Beides Prognostiziert wird also ein Zusammentreffen negativer Ent- 
führt zu erneuter Abwanderung von Wohnbevölkerung usw. wicklungen sowohl hinsichtlich der räumlichen Segregation 
® Aufdem Wohnungsmarkt: Abwanderung einkommensstar- wie hinsichtlich der sozialen Verteilungswirkungen von Stadt- 
ker Haushalte bedingt selektive Umzugsketten. an deren entwicklung (neue Wohnungsnot)
	        

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