Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1984, Jg. 17, H. 73-78)

Die erste Demokratie Deutschlands fordernder Unscheinbarkeit kleiden 
tat sich schwer mit großartigen Bau- sollte, bleibt die Gegenposition der 
werken. Die. Architekturen der Postmoderne, bleibt die Vorstellung 
Zwanziger Jahre, denen die deut- einer demokratischen Baukultur, die 
sche Baukunst während der Weima- lediglich des Mutes bedarf, sich un- 
rer Republik internationales und bis befangen des überlieferten repräsen- 
heute andauerndes Ansehen ver- tativen Formenkanons zu bedienen, 
dankte, bestanden im wesentlichen fragwürdig im ursprünglichen, wert- 
aus den mustergültigen Großsied- freien Sinne des Wortes. 
lungen, aus Geschäftshäusern, eini- Nachdem die Berührungsängste — 
gen Ausstellungsbauten und anson- Frankfurt ist dafür der sprechendste 
sten — auf dem Entwurfspapier. Von Beweis — gegenüber der großen ar- 
vielen mißtrauisch beäugt oder ver- chitektonischen Geste wie gegen- 
höhnt — der damals entstandene Be- über den mit historischen Reminis- 
griff von der „Wohnmaschine” ge- zenzen aufgeladenen Bauformen im 
hört bekanntlich bis heute zum un- Schwinden begriffen ist, scheint es 
verzichtbaren Bestandteil des Wort- lediglich eine Frage der Zeit, wann 
schatzes aller funktionalistisches die deutsche Demokratie sich ihren 
oder sonstwie pragmatisches Bauen Palast errichtet. Und doch, trotz der 
Ablehnenden — als angeblicher ar- enttäuschenden Nüchternheit der 
chitektonischer Ausweis republika- beispielsweise in Bonn entstandenen 
nischer Tristesse kam das Neue (de- Regierungsbauten einerseits und des 
mokratische) Bauen nicht an gegen ne für Aufsehenerregendes 
die prächtige Bauwelt der kaiserli- . ° seitens der sog. Postmoderne: De- 
chen Vergangenheit. Und entstand Demokratie ohne Asthetik — mokratie und Asthetik, die Glei- 
tatsächlich einmal ein aufsehenerre- chung ist weder so unvereinbar, wie 
gender Großbau, so war es gewiß ein es die bisherigen Erfahrungen nahe- 
„Palast des Geldes” wie die zeitge- zu einer Veranstaltung von BDA und DAM zulegen scheinen noch angewiesen 
nössische Kritik beispielsweise Hans auf den Nachvollzug vorgegebener 
Poelzigs Verwaltungsbau für den Repräsentationsmuster. Zu fragen 
IG-Farben-Konzern in Frankfurt/ wäre, und damit ist der Ausgangs- 
Main nannte oder ein halbherziger MN punkt dieser Darlegung erreicht, 
Anpassungsversuch wie Eduard helm Kücker, der Präsident des sprüche in der Architektur. Ihm warum eigentlich nur Bauwerke vom 
Jobst Siedlers Erweiterungsbau der BDA, so müsse er feststellen, daß in diente die Indienstnahme ursprüng- Schlage Münchener und anderer Re- 
Reichskanzlei, den Hitler später als München mehrere Bauwerke von lich im Zeichen von Unterdrückung sidenzstädte die Fixpunkte bei der 
Kistenarchitektur eines Seifen-Kon- höchster Qualität entstanden seien, entstandener Bauformen durch de- Beurteilung architektonischer Quali- 
zerns verspottete. Die allen ein bau- während Frankfurt nicht ein einziges mokratische Bauherren zum Beleg tät abgeben sollten. Oder anders: 
liches Symbol des neuen demokrati- Bauwerk gleichen Ranges aufzuwei- einer Baukunst der unschuldigen Demokratie und Asthetik, fordert 
schen Staates schenkende architek- sen habe. (Auf die Vergangenheit Formen. Nicht die Form, sondern das nicht ein Umdenken (und -füh- 
tonische Großtat, sie bestand letzt- beider Städte bezogen, wohlge- deren jeweiliger Gebrauch bestimmt len?), an dessen Ende der Stolz auf 
lich in dem Schriftzug „Dem Deut- merkt). nach ihm den Charakter von Bau- angeblich so unscheinbare Bauwer- 
schen Volke” , welcher nach 1918 die Was Kücker als pessimistischen werken. So kann denn beispielswei- ke wie das aus Wohn- und Ge- 
Fassade des Reichstagsgebäudes in Fragenkatalog formuliert hatte, se die Kuppel vom Insignium kleri- schäftshäusern zusammengesuchte 
Berlin zierte. Und das war, der allge- blieb, ausgesprochen oder zwischen kaler Herrschaftsansprüche (St. Pe- alte Frankfurter Rathaus steht, in 
meine Jubel über die megalomanen den Zeilen, Leitmotiv der Veranstal- ter in Rom) zum Triumphzeichen dessen Gefolge Menschen erhobe- 
Staatspaläste im Dritten Reich be- tung. So, wenn der ehemalige Ham- der Demokratie (Capitol Washing- nen Hauptes das angeblich triste 
weist dies, zu wenig. burger Bürgermeister Hans Ulrich ton) werden, kann sich die zwingen- Rund der Paulskirche ebenso selbst- 
Auch die bundesdeutsche Repu- Klose demokratisches Bauen eher de Gewalt einer staufischen Burg, verständlich als qualitätsvolles bauli- 
blik hat das ihr und ihrer Gesell- ım menschengerechten Gestalten überträgt man ihren düsteren For- ches Sinnbild ihres demokratischen 
schaft gemäße demokratische Bau- von Wohnsiedlungen oder öffentli- menapparat auf das Rathaus einer Staates ansehen wie das gerade (als 
werk noch nicht gefunden. Die sog. chen Plätzen sehen wollte denn in Stadtrepublik, zum _respektablen Provisorium!) umgebaute Wasser- 
Nachkriegsjahre mit Wiederaufbau Repräsentationsbauten, oder wenn Ausweis frühbürgerlichen Selbstbe- werk in Bonn? Noch ist die Forde- 
und Wirtschaftswunder ließen — in der Frankfurter Baudezernent Ha- wußtseins_ wandeln (Florenz). Daß rung Otto Bartnings, des ehemaligen 
des Wortes doppelter Bedeutung — verkampf, trotz Lob für die prächti- bei aller Überzeugungskraft der Ar- BDA-Präsidenten, die Arthur Wal- 
wenig Raum für repräsentative Bau- gen öffentlichen Bauten des Neuen gumente noch nicht das letzte Wort ter, Vorsitzender des BDA-Hessen, 
werke demokratischer Identität. Das Frankfurt und seines Traumes von über die bleibende Aussagekraft ein- in seiner Eingangsrede zitierte, nicht 
Provisorium blieb vorherrschend. einem postmodernen Achsenkreuz, mal definierter Formen gesagt ist, eingelöst. 1952 erklärte Bartning: 
Seit kurzem jedoch, so scheint es, sich zu den „Brüchen in der Stadt- daß zudem die Beweistübrung mit „Jenes Regierungsgebäude aber, das 
hat sich die Lage grundlegend verän- landschaft”, den demokratischer den Wassern der postmodernen aus dem Wunsch und Willen der 
dert: In Hannover N SCH man im Konsenspflicht verdankten Unge- Vorliebe für historische Formen ge- Staatsbürger ... erwüchse ... steht 
Rahmen eines Wettbewerbes nach reimtheiten der Stadtgestaltung als wachsen ist, belegt ein Blick auf den noch aus. Das Fehlen eines solchen 
einem monumentalen Wahrzeichen dem eigentlichen Ausweis demokra- Alltag: Bauwerkes ist ein tragisches Symp- 
Niedersachsens, welches den Platz tischer Kreativität bekannte. Vom Italienbesucher, dem die tom ... Das Entstehen eines sol- 
vor dem dortigen Landtagsgebäude Bestätigt, und das mit geradezu Quader einer staufischen Burg eben- chen Bauwerkes aber würde Klä- 
schmücken soll. In Bonn gibt es atemberaubender Unbefangenheit, dieselben Respektschauder über den rung und Rettung der rechten und 
Überlegungen, ein großes Mahnmal wurden Kückers pessimistische Fra- Rücken rieseln lassen wie deren re- ehrlichen Beziehung von Staat und 
zu errichten u.Ä. Daß bald auch ein gen durch Helmut Jahn, den publikanischen Duplikate am Palaz- Volk bedeuten, das heißt sie erkenn- 
identitätsstiftendes Gebäude der deutschstämmigen Architekten, der zo Vecchio (wer außer Experten ver- bar, sichtbar und wirksam machen.” 
bundesdeutschen Demokratie ent- in den USA mit seinen Hochhäusern mag seine Empfindungen angesichts Das Fehlen aber eines solchen Bau- 
stehen wird, scheint aus dieser Per- seit Jahren Furore macht. Demokra- der gleichen Form in geschichtsge- werkes, das heißt, im Lichte der 
spektive nur noch eine Frage der tie und Asthetik, das scheint aus sei- rechte Distanz oder Zustimmung zu skizzierten Frankfurter Diskussion 
Zeit. Und daß dies wiederum keines- ner Sicht nicht das geringste Pro- spalten?), vom verlegenen Herum- gesehen, daß noch Hoffnung be- 
falls den einstigen Fehler der Un- blem. Mit Sätzen, so schnörkellos stehen in der souveräne Haltung for- steht 
scheinbarkeit wiederholen wird, da- und glatt aufschießend wie seine dernden wiederhergestellten Foyer- 
für bürgt die unter dem Slogan der Bauten, erklärte er kurzerhand die Pracht der Alten Oper Frankfurt Und dies in zwiefacher Hinsicht: Als 
Postmoderne zusammengefaßte neu- Frage für erledigt. „Alle Architektur (wem gelingt es, sich mit Hilfe des Gegenkurs zu einer (Bau-)Welt, die, 
erwachte Formenlust. „Architektur ist heute monumental” , so Jahn, „Al- Wissens um die demokratische Re- wie Peter Blake klarmachte, im Zei- 
ist Politik” und „eine Demokratie, le Architektur ist heute demokra- staurierung höfischer (Bau-)Formen chen ungehemmten technologischen 
die sich auf Baracken beruft,” sei tisch.” Sprach’s und ließ dann seine dem einschüchternden Einfluß des Wachstums zur menschenfeindli- 
kraftlos, Erläuterungen, wie sie sei- Bauten und Entwürfe Revue passie- goldenen Stucks zu entziehen?) bis chen Öde werden könnte, welche 
tens renommierter Architekten an- ren. Deren durch keine spiegelnde hin zum einschüchternden Reih und weder Städte: noch Bauwerke und 
läßlich des Wettbewerbs zur Pauls- Verglasung zu kaschierende Wucht, Glied der endlosen, an altägyptisch- schon gar nicht Demokratie notwen- 
kirchen-Umbauung in Frankfurt am die überwältigenden Ausmaße und wuchtige Tempelfronten gemahnen- dig zu haben scheint. Und auch als 
Main abgegeben wurden, garantie- niederdrückende Gigantik seiner den Pfeilerfolgen an Ungers’ Frank- Gegenkurs zu einer Prächtigkeit, die 
ren — sollte die Baulust anhalten — Eingangshallen und Passagen erklär- furter Messehalle (die gelegentlich mit prunkendem Schein Freizeitcen- 
für zumindest ‚prachtvolle Bauwer- te er für unverdächtig. Nicht Bauten große Willensanstrengung fordern, ter des gehobenen Mittelstandes an 
ke. Ob auch für der Demokratie ge- unterdrücken, sondern deren politi- will man hier als Mensch erhobenen die Stelle der von Marks beschriebe- 
mäße, das war eine der Fragen, die scher Mißbrauch. Ein demokrati- Hauptes bestehen), von der Historie nen Räume demokratischer Aktion 
man während der von BDA und scher, oder in Jahns Duktus, ein also über den Historismus bis hin zur zu setzen droht. Staat machen kann 
Deutschem Architekturmuseum ver- Bauherr, dem im demokratischen Postmoderne, die einmal festgelegte man schon mit der sog. Postmoder- 
anstalteten Tagung über „Demokra- Staat kommerzielle Notwendigkei- Formensprache scheint, was ihre ne, den (Zwangs-)Staat Orwellscher 
tie und Ästhetik” zu beantworten ten die (monströsen) Bauformen Wirkung auf den Nicht-Experten an- Prägung initiiert ungehemmte Tech- 
suchte. diktieren, und schon ist Bauen jeder geht, der Relativierung durch die nologie. Beidem entgegenzuwirken, 
Vergleiche er Frankfurt, das jahr- Form erlaubt. So einfach ist das mit Geschichte einiges an Widerstand dazu diente die Diskussion über De- 
hundertelang als Freie Reichsstadt Demokratie und Asthetik? entgegenzusetzen. Wenn auch die mokratie und Ästhetik. Sie sollte 
(mehr oder weniger) republikanisch Heinrich Klotz, der Direktor des Alternative nicht lauten kann, daß fortgesetzt werden. 
verfaßte Gemeinwesen mit der Resi- Deutschen  Architekturmuseums, demokratisches Bauen sich ins 
denzstadt München. erklärte Wil- sprach über Asthetik politischer An- Aschenputtelland niemanden über- Dieter Bartetzko 
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