Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1984, Jg. 17, H. 73-78)

Walter Prigge 
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ZWISCHEN MENU UND MASKE 
Die nächste ARCH* zum Thema EDV in der Architekturpla- Das funktionalistische Verständnis des Software-Managers 
nung? Ach ja, die ersten Hefte 1968, 69, 70: Systemtheorie, verblüfft nicht, ist er doch am Planungsprozeß und dessen 
Rittel, Planung der Planung ... formaler und funktionaler Effektivität interessiert. Für den 
. Computereinsatz in der Architekturarbeit jedoch sei nach 
Da sei es für ihn losgegangen - lacht der sympathisch-hemds- seiner Erfahrung das Design mit ausschlaggebend; sie hätten 
ärmelige Anwender einvernehmlich zum Software-Anbieter es z. B. hingekriegt, daß der Computer DIN-A4-Bogen aus- 
im postmodernen Anzug ohne Socken herrüber, der ihn an druckt, das gewohnte Papierformat mit richtigem Briefkopf 
diesem heißen Tag über den Anlaß des Gesprächs und meine usw. ... Formales stehe hier im Dienste der Funktion, der Be- 
Anwesenheit informiert. - Für mich auch, denke ich, grauer nutzerfreundlichkeit und der Verkaufsphilosophie. Später 
Soziologe von 68ff, und frage mich, ob sie wohl die ARCHT spricht er vom asozialen Umgang mit Informationen und be- 
danach, Heft 20 usw. auch gelesen haben: oder haben hier zieht sich dabei auf das Design von Formularen: die unver- 
einige seit jenen ersten Heften einfach weitergemacht und meidliche Gasrechnung als Beispiel. Das hätte ihre Überle- 
managen heute den Großbau mit Hilfe von Computern? gungen zur Gestaltung der Menüs, über die Programmtätig- 
keiten anwählbar el (früher: Aktenschränke, in denen 
RE etwas gesucht und gefunden wurde), und der Masken, über 
Ein Bürohochhaus? die Daten in N Computer eingegeben werden (früher: For- 
Nein, den Bau eines Hochhauses würde er nicht lieber leiten; mulare) beeinflußt. Benutzerfreundliche Formen als Funk- 
viergeschossig, so der Anwender weiter, paßt sich doch der on En HR die Akzeptanz des Computers, der erst 
staatliche, ohnehin nicht auf Konkurrenz bedachte Bau der EINBEI EL SEHE WIE: 
Umgebung an. - Außen soll die Sprache der Fassade an Scar- 
pa, Malewitsch und den nahen Hauptbahnhof erinnern; im 
Innern markieren städtische Prinzipien und die entsprechen- Pioniergeist 
de Auflösung der Bürostruktur (in oh SR da 
Anspruch der Architektengemeinschaft: dem X m . wi x x 
Broken Baukörper ist der gewisse Charme der Postmoderne N 1 De cn neuen Technik scheint „Benutzerfreundlich- 
nicht abzusprechen. eit” das Zauberwort zu sein, denn sie ist mit der Hardware 
nicht automatisch gegeben, sondern muß hergestellt werden. 
N Das Software-Engineering muß die Schnittstelle zwischen 
Asthetik steht im Vordergrund Mensch und Maschine berücksichtigen, der Mensch ist die 
empfindliche Stelle, auf den sich Verkaufsphilosophien und 
Allein die Qualität der Architektur sei entscheidend, so höre Verhaltensanweisungen richten. Oft genug ist gegenwärtig 
ich, welche Mittel auch immer eingesetzt würden. Die Post- von Gebrauchsanweisungen die Rede. 
moderne - durch EDV möglich gemacht und auch durchge- An der Beratung müsse angesetzt werden, denn was nütze 
setzt? Nein, das wäre doch etwas zu einfach, meint die Runde es, Architekturbüros komplette Anlagen zu verkaufen, die 
übereinstimmend. Daß letztlich Bauleiter die architektoni- die Beteiligten überforderten, abhängig machten oder die oft 
sche Qualität „ihrer” Bauten durchsetzen, leuchtet jedoch einfach überdimensioniert seien. Darauf hätten sie ihre 
ein. Arbeit als Software-Anbieter konzentriert und manchmal 
Doch wie wirken die eingesetzten Mittel und Techniken hätten sie sich auch krumm legen müssen - denn der Be- 
auf das Resultat? Die Kosten, ja, das sei die eine, ökonomisch nutzer merkt, wie dumm das Programm sein kann. Sie hätten 
relevante Frage. Für den Architekten jedoch und sein Ver- eben kein fertiges Programm geliefert, sondern mit dem 
hältnis zur Arbeit sei nun einmal die Architektur das ent- Anwender zusammengearbeitet und die Programme entwik- 
scheidende Moment, so der bauleitende Anwender. Form, kelt. Das hat das Benutzerpersonal motiviert, Anstöße aus 
Schönheit, Ideelles bilde Identitäten: ihm gehe es in erster der Praxis zu geben, mitzuarbeiten, sich mit der Arbeit zu 
Linie um die Architektur, bestätigt er meine ungläubige identifizieren ... 
Nachfrage. Dieser vorgelebte Pioniergeist scheint den Erfolg ihres 
Die Trennung von Form und Mitteleinsatz sei jedoch auf- Angebotes auszumachen. Die Anbieter stammen aus dem 
zuheben, interveniert der Anbieter und erläutert seine Vor- Universitätsmilieu und treten arbeitsteilig im Team auf: der 
behalte gegen ein solches eher postmoderne Verständnis von bedächtige Software-Ingenieur, naturwissenschaftlich-rech- 
Architektur. Asthetik sei üblicherweise auf das fertige Pro- nerisch orientiert, und der motivierende Software-Manager, 
dukt gerichtet, reduziert auf Produktdesign. Formprobleme leicht aufladbar, mit Durchblick das Gespräch führend. Der 
müßten dagegen von der Produktion her, sozusagen produk- gegenüber den großen Firmen unabgesicherte, für die Soft- 
tionsästhetisch gedacht werden. In diesem Verständnis sei wareproduktion typische Status des Kleinunternehmens be- 
Asthetik genuiner Teil des Produktionsprozesses: „das alles stimmt ihren Habitus, der sich hier mit der Hemdsärmelig- 
funktioniert” sei der grundlegende formale Wert nicht nur keit des Anwenders trifft. Er war bereit, sich auf das Experi- 
des Produkts, sondern schon des Produktionsprozesses selbst ment einzulassen - mit der gründerzeitlichen Risikobereit- 
und Mitteleinsatzes. Damit erst wäre Asthetik wirklich be- schaft dieser Software-Branche. Hier sei die berühmte Inno- 
gründet. Eine Schande, setzt er abgrenzend hinzu, wie Funk- vationsbereitschaft der deutschen Wirtschaft einmal realisiert 
tionalisten gegenwärtig reihenweise umkippen würden - und worden, lobt der Anbieter, die sonst eher beschworen als 
nennt Stirling als Beispiel. praktiziert würde.
	        

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