Gerd Neumann
Noch heißt es bescheiden CAD (computer aided design), Kostenberechnungen und kompletter Ausschreibungsunternoch
nicht CD (computer-design). Und selbst in dieser Be- lagen wird gleichsam zur Nachtarbeit des Apparates - erfüllscheidung
nimmt sich das D zumindest dann noch immer ter Traum von Heinzelmännchens Hilfe. Problemlose Planänwie
eine Übertreibung aus, wenn die Computerhilfe direkt derungen ziehen automatische Anderungen des gesamten
dem Entwurf gelten soll und nicht nur der Entlastung von anhängenden Datenpaketes nach sich. Detailierung, wo sie
Folgeleistungen zum Gewinn von mehr Freiheit und Muße nicht den besonderen Detailentwurf voraussetzt, erfolgt über
für das Entwerfen, und sofern „Design” nicht nur die Permu- Makros; abgespeicherte Versatzstücke, eine Technik, die ertatorik
vorgegebener Elementrepertoires verstanden wird, warten läßt, daß die Produktinformation des Marktes auf Dissondern
die Breite konventioneller Entwurfsmethodik. ketten nur noch eine Frage der Zeit ist. So wird der noch kon-Noch
halten wir Architekten unser erfindungsreiches Ge- ventionell entwerfende Architekt mit Kleinbüro, für den
hirn für unersetzlich, noch wähnen wir die mit Systematisie- CAD-Investitionen (noch?) zu hoch sind, aus angestammten
rung, Standardisierung, Industrialisierung bedrohlich Leistungsfeldern von CAD-Dienstleistungsbüros verdrängt
andrängende Baurationalisierung mit unseren eigenen Ratio- werden, deren Konkurrenzkampf untereinander auch auf die
nalismen (und mit Hilfe der stadtsoziologischen und HOAI durchschlagen wird. Der Architekt wird sich dann
umweltpsychologischen Kritik, die uns doch selbst so heftig wohl vorübergehend ganz dem Wesentlichen zuwenden köngebeutelt
hat) wenigstens aus dem Felde der Architektur ge- nen, dem Kolorieren seiner kühnen Skizzen.
schlagen, noch glauben wir die Welt mit bunten Bildern in Noch sind schließlich die CAD-Programme auch zu
glückliche Aufregung zu versetzen, noch klammern wir uns umständlich, um unbeschwert am Bildschirm phantasieren
an die Hoffnung, etwas, gegen alle Absurdität, im Durchgang zu können. Selbst die Translation eines fertigen Entwurfs ist
durch die Kunst zu wenden. noch mühselig und daher etwas, das der routinierte Entwer-Noch
mindern die abgekühlte Baukonjunktur und auch fer lieber noch - oder schon - einem Spezialisten überläßt.
die längerfristige Baumarktsättigung den Entwicklungs- Die Vorstellung etwa, daß sich Entwürfe auch einfach über
druck. Aber die Computerindustrie spart diesen Sektor da- das Abtasten von Plänen (gar von Skizzen) eingeben ließen,
rum nicht aus. Sie sorgt mit eigener Entwicklungsdynamik ist zwar nicht abwegig, aber mit allen Ungenauigkeiten des
nur dafür, daß mit ihrem Angebot der ohnehin enge Markt Planmaterials behaftet, und nach Insiderauffassung naiv und
für Architekten noch enger wird. hinter dem Stand der Entwicklung zurück. Noch ist CAD
Noch behauptet sich der individuelle Entwurf für die indi- deshalb eine Entlastung nur nach dem Entwurf, kaum wähviduelle
Bauaufgabe und vermittelt die Illusion, daß der rend des Entwurfs. Aber auch das wird sich mit zunehmend
[rrtum einer auf Produktvariabilität fixierten Elementie- anwenderfreundlichen Programmen ändern. Ist einer heute
rungsideologie die Konkurrenz der Fertigteil- und Fertighaus- noch gut beraten, wenn er wenigstens die Grundsprache Baindustrie
gebannt habe. Die aber hat im Schatten des Spekta- sic und die daran geknüpften Programmierungsmethoden bekels
der Reartifizierung der Architektur längst erfolgreich herrscht, so wird ihm das morgen erlassen sein. Er wird dann
ihre Absatzgebiete gesichert - gestützt auf CAD. selbst voll in den Dienst der Maschine gestellt werden, die
Noch drängt ein Überangebot von Architekten an die Zei- ihm ihre idiotensicheren Fragen in „Menüs” servieren wird.
chentische. Noch immer bringen sie eine ihren sozialen Sta- Ob dann freilich noch viel Raum für schöpferische Arbeit
tus opfernde Leidensbereitschaft in ihrer Begeisterung an der bleibt, ist sehr die Frage. Diesen Raum wird sich nur bewah-Architektur
auf und bluten sich aus in Wettbewerben und in ren, wer rechtzeitig in die sich hier bietende neue Dimension
der Preisgabe an unsittliche Vertragsbedingungen der großen entwurflichen Denkens einsteigt, d. h. derjenige, für den Da-Baugesellschaften,
die ihnen längst jene Architektenleistun- tenverarbeitung durchsichtig bleibt. Hier wird CD von CAD
gen ausspannen, die sie selbst billiger erledigen - mit EDV. losmachen, um auch in neue Gegenden der Architektur vor-Aber
nicht nur schränken die großen öffentlichen und priva- zustoßen, in die sie bisher als Kunst noch nicht gelangte.
ten Bauträger die Architektenleistungen zunehmend auf die Den Verlauf der weiteren Entwicklung wird niemand mit
reinen Planungsleistungen ein. Da ist auch immer noch der Sicherheit prognostizieren wollen. Nicht ausgeschlossen, daß
Generalübernehmer am Markt, der CAD auch längst zu der CAD-programmierte Computer zum kreativen Dialogschätzen
weiß, zumal wenn es nur noch um die Variation von partner für jedermann wird, um so die folgerichtig fortschrei-Typenprojekten
geht. Und schließlich ist es die freie Archi- tende Leistungsauszehrung des Architektenberufes zu volltektenschaft
selbst, die sich unter dem Druck der Verhältnis- enden. Möglich auch, daß auf längere Sicht gerade das Kleinse
neu strukturiert, um sich selbst das Wasser abzugraben. büro, CAD-begünstigt, verlorenes Terrain zurückgewinnt.
Denn die inzwischen verfügbaren Speicherkapazitäten von Das dereinst Wesentliche in der Bau-Kunst wird sich wohl je-Computern,
das Auflösungsvermögen damit zu koppelnder doch über die Versenkung in eine esoterische Zahlenmystik
Bildschirme, die Differenzierung der Eingabesysteme, die ereignen - ob dann noch in geordneten Bahnen oder in chao-Geschwindigkeit
der Drucker, die Größe der Plotter und die tischem Pluralismus?
Reife der Programme legen eine deutliche Leistungsaufspal- Gleichwie, solange noch elektrischer Strom aus unseren
tung zwischen Entwurf und Ausführungsplanung oder sogar Steckdosen fließt, solange noch Marktwirtschaft das Gesetz
schon zwischen Entwurf und Bauvorlagen nahe. Während des Handelns bestimmt und solange kein verheerender eleknämlich
das Entwerfen am Computer noch Probleme berei- tromagnetischer Schock alle unsere schöne Software vertet,
ist die Leistung atemberaubend, wenn der Entwurf erst dirbt, solange wird CAD unaufhaltsam in die Bauplanung
einmal im Kasten ist, d. h. nach irgendeinem der inzwischen vordringen. Elastischere Programme werden auch das spröde
marktgängigen oder entsprechend selbstgebastelten Pro- und zur Reduktion animierende Bausteinprinzip im
gramme eingespeichert ist. Die Arbeit des Zeichnens, des Entwurfsaufbau überwinden helfen. Mit ihrer elementieren-Vergrößerns
und Verkleinerns, des Vermaßens, des Auszugs den Entwurfsmethode korrespondieren die heutigen Provon
Flächen- und Kubusberechnungen, von Massen- und gramme nämlich eher einem bereits überholten Stand der
hx