Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1984, Jg. 17, H. 73-78)

Die Verluste durch die Industriealisierung wie: der den echten Lebensbedürfnissen und Lebensformen der Men- 
® die Entwurzelung der Menschen und in der Folge die Auflösung schen entspricht. 
EEE zur Natur, einst Maßstab menschlichen Handelns In dem in dieser Ausgabe von ARCHT abgedruckten Aufsatz 
B der N ed ct sverlust der Rebeion: „Niederberg” von Hugo Kükelhaus, der in Zusammenhang mit der 
2 Di Au flösune N CWOChSEnEr N rakun "en Planung der Dorfsiedlung Kaldenberg entstand, faßt Hugo Kükel- 
diti ich kritiklos d Zei 5 Lief ar u Ta haus noch einmal die Zielvorstellungen der befreundeten Gruppe 
ılıon, um Sıch Krilıklos der neuen Zeit auszuliefern, die auch das ;n seinen Worten zusammen. Praktisch umgesetzt wurden diese 
einst organische Zusammenwirken von Leben und Arbeiten zer- [deen in Zusammenarbeit mit dem „Siedlervater” Nikolaus Ehlen, 
störte . dem Architekten Hans Voss und dem Ökologen Arvid Gutschow 
beantwortete sie mit der Forderung, zu den Anfängen zurück- durch den Bau von Siedlungen in denen Menschen in „familien- 
zukehren und von den Anfängen her einen neuen Weg zu finden. gerechten Heimen” (Ehlen) wieder seßhaft werden konnten. 
Nikolaus Ehlen Werner Lindner Josef Dickerhoff Hans Voss Gregor Balkenhol 
Hugo Kükelhaus Glocke”, wo sich Meister und Gesellen abseits stellen, ihre Gedan- 
ze ken von der Nützlichkeit abwenden und eine empfängliche Stille in 
G sich bereiten, ehe sie die Arbeit beginnen. Mit welchen Mitteln die 
£ U, R GR UN. D U NI Überlieferung jeweils die Vorgänge einer Städtegründung dem Ge- 
dächtnis der Nachwelt einzuprägen sich bemüht, der Kern bleibt 
E INE R NE U, E N immer der gleiche: Die Antriebe der Gründung werden zurückver- 
legt ins Mythische. Ein Götterauftrag steht am Beginn. Wir drücken 
HEIM. A T es heute anders aus. Das rituelle Gewand ist uns nicht mehr wich- 
tig. Doch um so wichtiger - und nur in diesem Umstand findet 
unsere Geringachtung ritueller Formen ihre Rechtfertigung - um 
so wichtiger muß uns der Kern solcher Übung sein. Der Kern aber 
liegt darin, in Geist und Gemüt, für unser Fühlen und Denken den 
Anschluß an jenen waltenden Urgrund zu finden, der - selber jen- 
seits von Zeit und Raum - allem, was in Zeit und Raum von Men- 
schen geweckt wird, Dauer verleiht. Nach Dauer streben wir... 
Um einmal Maßstäbe zu gewinnen, um uns ein Bild machen zu 
können von der ans Wunderbare grenzenden Zähigkeit einer recht 
gegründeten und dann im angetretenen Gesetz fortgewachsenen 
Wir möchten heute, da ein besonderer Anlaß dazu gemahnt, einen Niederlassung, sehen wir uns nach einem Beispiel um. Ich wähle 
Boden beschreiben um den Begriff der Heimat, ihn von seinen das Beispiel Dinkelsbühl und folge darin den vom Blickpunkt des 
wesentlichen Seiten aus betrachten und prüfen. Dabei beseelt uns Biologen aus angestellten Betrachtungen, des Naturforschers 
der Wunsch, daß uns solche Betrachtung in diejenige innere Verfas- Raoul France. Dinkelsbühl sei deshalb gewählt, weil diese Stadt - in 
sung versetzen möge, aus der heraus wir vom ersten Augenblick an besonders enger Beziehung zu unserem Thema - jeden von uns, 
und ganz von Anfang her (denn das ist das Entscheidende) das der je in ihrem Gemäuer weilte, unvergeßlich hat spüren lassen, in 
allein Richtige tun, jetzt, wo wir uns anschicken, eine Heimat zu welchem Maße der Geist, die Seele, die Lebensantriebe.einer Ge- 
gründen. Wir sind uns darüber klar, daß gleichsam der erste Atem, meinschaft sich verdichten können in dem, was Menschen bauen 
den wir einer Sache mitgeben, mit der wir ein Tun beginnen, das und werken dergestalt, daß gleichsam diese gebannte Lebenskraft 
Lebenselement dieser Sache ist, an dem sie zehrt, auf das sie sich in in Notzeiten aus dem Gemauerten heraustritt und die verzagten 
Notzeiten besinnt und das ihr Schicksal ist. Menschen mit neuem Mut beseelt genau so, wie sie in ruhigen Zei- 
Zu leicht vergessen wir heute, da Notwendigkeiten und Sorgen ten ihre Bewohner zu immer prächtigerer Blüte befähigt. Alles in 
aller Art uns bedrängen, daß unsere Entschlüsse nicht nur schnell dieser Stadt: Rathaus, Dom, Hospital, die aus cyklopischen Buckel- 
und kühn sein müssen, sondern daß sie hervorgehen müssen aus steinen gefügte Mauer, die Stadttore, die Straßenzüge und Plätze, 
einer Sammlung, man möchte sagen aus einer Stille, die wie ein die Häuser der Wohlhabenden und Tonangebenden, die Scheunen 
Atemanhalten ist. Aus einer Stille, in der wir uns in etwa von uns und Vorratshäuser, die Befestigungen und Gärten, die alten 
selbst lösen, unsere Absichten, Ziele, unsere Eilfertigkeit und Ge- Schränke und Truhen, die Treppen, Tore und Brunnen, der prächti- 
schäftigkeit vergessen, um dann in den von allen großen Täternund ge ebenso blutvolle wie gezügelte Zierrat von hundert Handwerks- 
Schöpfern gepriesenen Zustand zu gelangen, wo wir nicht selber ra- künsten allerorten, die Gitter und Beschläge, der lebenvolle Haus- 
ten, sondern beraten werden, wo wir nicht selber sprechen, sondern rat, mit dem noch alles versehen ist, das alles, so spüren wir, ist ge- 
etwas, das nicht wir sind, in uns spricht und aus uns. wachsen und hat sich ausgebreitet mit derselben Sicherheit, mit der 
Wir wollen uns dabei - grade im Zusammenhang mit dem Anlaß, in der Natur die Bienen ihre Waben bauen, die Biber ihre Dänmme 
der uns zusammengeführt hat - eingedenk sein, daß, wir die Sied- anlegen, mit der gleichen Unbeirrbarkeit und Fähigkeit vorauszu- 
lungsgeschichten aller Völker lehrt, Städtegründungen nach lan- sorgen, mit der die Natur die kleinsten Lebewesen vor unseren 
gen, weihevollen Vorbereitungen und unter Anrufen der Gottheit erstaunten Augen biotechnische Leistungen von übermensch- 
vorgenommen wurden. Oder wie in Schillers „Lied von der licher Logik vollbringen läßt.
	        

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