Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1984, Jg. 17, H. 73-78)

Hugo Kükelhaus 
Vorangestellt in vollständiger Wiedergabe ein Brief Goethes an 
Hegel! 
Jena den 7. October 1820. 
Ew. Wohlgeboren 
möge beykommendes Heft zur guten Stunde treffen! und besonders der FO 
entoptische Aufsatz einigermaßen genug thun. Sie haben in Nürnberg dem A 
Hervortreten dieser schönen Entdeckung beygewohnt, Gevatterstelle 
übernommen und auch nachher geistreich anerkannt, was ich gethan, um 
die Erscheinung auf ihre ersten Elemente zurückzuführen. Beykommen- PX . . ; E 
der Aufsatz liefert nun, in möglichster Kürze, was ich von Anfang an, beson- Im gleichgroßen Quadrat bist der Kreuzungspunkt der Diagonalen 
ders aber seit den letzten Jahren bemerkt, versucht, verschiedentlich wie- aus der Mitte herausgerückt: damit sind alle vier Dreiecke verschie- 
derholt, gedacht und geschlossen; wie ich mich theils in dem Kreise gehal- den voneinander. Das Gleichgewicht, das die Figur in der Ebene 
ten, theils denselben ausgebreitet, auch Analogien von manchen Seiten hatte, ist gestört. Damit ändert sich ihr Erscheinungsbild in merk- 
herangezogen und alles zuletzt in eine gewisse Ordnung aufgestellt, welche würd Weise. Es wird nicht h x d dreidi . 
mir die geläufigste war und die anschaulichste schien, wenn man die Erfah- urdiger Weise, ES wird nıcht mehr Zweı-, sondern dreidimensi0- 
zungen selbst vor Augen legen und die Versuche, der Reihe nach, mit- nal, es wird räumlich, körperhaft gesehen. entweder als erhabener 
heilen wollte. - en . . Vierkantkegel oder als Trichter. (Konkav oder, in optischer Inver- 
Möge das alles einigermaßen Ihre Billigung verdienen, da es freylich sion, konvex). Was geht hier vor sich? Wir können es folgender- 
schwer ist, mit Worten auszudrücken, was dem Auge sollte dargebracht maßen beschreiben: das A ist bemüht. Auseleich haft 
werden. Fahren Sie fort, an meiner Art die Naturgegenstände zu behandeln An SC TEEN. CAS AUSCLS SM u, SE SICH ZU SC NEN. 
kräftigen Theil zu nehmen, wie Sie bisher gethan. Es ist hier die Rede nicht Das tut es immer. Das durch gegenseitige Überschneidung und 
von einer durchzusetzenden Meinung, sondern von einer mitzutheilenden Verdeckung Torsohafte der Sehdinge im Sichtfeld und dieses selbst 
CE sich ein jeder, als eines Werkzeugs, nach seiner Art, bedie- zu einem sinnvollen Beziehungsgefüge, das Auseinander zu einem 
Mit Freuden hör ich von manchen Orten her, daß Ihre Bemühung, junge Sinnvollen In- und Miteinander zu verwandeln: das ist als Vorgang 
Männer nachzubilden, die besten Früchte bringt; es thut freylich Noth,daß und als Ergebnis das Eigentliche des Sehens; ist sein „inneres 
in dieser wunderlichen Zeit irgendwo aus einem Mittelpunct eine Lehre Wesen”. 
sich verbreite, woraus theoretisch und praktisch ein Leben zu fördern sey. 
Die hohlen Köpfe wird man freylich nicht hindern, sich in vagen Vorstellun- 
gen und tönenden Wortschällen zu ergehen; die guten Köpfe jedoch sind es 
auch übel daran, denn, indem sie falsche Methoden gewahren, in die man “P 
sie von Jugend auf verstrickte, ziehen sie sich auf sich selbst zurück. werden $ cl 
abstrus oder transcendieren. n X 
Möge sich Ihr Verdienst, mein Theuerster, um Welt und Nachwelt, durch Ka ; 
die schönsten Wirkungen immerfort belohnt sehen. . © S 
treulichst Bi ZH N 
Goethe. f . 
Mit diesem Brief sandte Goethe seine Farbenlehre an Hegel. 
Die „mitzuteilende Methode”, die die Durchsetzung von Meinung a 
ausschließt, geht in der Erforschung und Anwendung der Funk- Ar atere A fEEa Orner ke 
tionsbedingungen und Wirkweisen vonstatten, durch welche die . Me SH DE FSK Aae 
Organe der Wahrnehmung (hier des Sehens) die innere subjektive WOCHE A Se Me Se 
En . . . en . x Ense € ” D £+ 0) 
und die äußere objektive Welt als ein wechselseitiges Wirkganzes HERE SA € Re Sy AA Er hem DO 
erfahren und ins Spiel bringen, das ein und denselben Gesetzen ge- SOr30 Lake A BT Ban yz Als 
horcht. Gere‘ ei Lkerberı - 
Die Methode erfüllt sich in sich selbst. Sie strebt an, was gegen- 
wärtig, und sie verwirklicht, was gegeben ist. Sie erwirbt, was ererbt 
ist. Durch ihren Vollzug ereignet sich, was Goethe so formulierte: 
„Der Mensch erlangt Gewißheit über sein inneres Wesen dadurch, 
daß er das äußere Wesen als seinesgleichen, als gesetzlich an- ' 
erkennt.” ts 
„Anerkennt”. Anerkennen ist ein Akt der Ehrbezeugung auf glei- ‘ 
cher Stufe; eine Art von „Reverenz”. Was den Menschen in seinem — 
Subjektsein mit der Natur als einem objekt-seienden Gegenüber 73 
verbindet, ist nicht etwa das einer „Identität” von Subjekt und Tr a 
Objekt, sondern ist die Anerkennung ihres Verbundenseins durch Ss m Z L 
ein und dieselbe Gesetzlichkeit. LO > 
Die nachfolgende Erscheinung ist insofern Gegenstand dieser 
ANSIkeNNUNG; als sie die Gesetzlichkeit der „inneren Natur” des 77 der Abb. b sind die Gegenstände der Abb. a so dargestellt, wie 
Menschen wiedergibt; und zwar, da es sich um eine des Augeshan- sie jenseits ihres Gesehenseins als Projektionsformen beschaffen 
delt, auf eine anschaubare Weise. sein würden: als Bruchstücke, als Torsen, Das Auge sieht sie als 
Das Quadrat a wird durch die sich in der Mitte kreuzenden Diago- Teile eines zusammenhängenden Ganzen. Und dieses nicht etwa 
nalen in vier deckungsgleiche Dreiecke geteilt. Es wird gesehen als trotz, sondern vermöge des Umstandes, daß sie sich gegenseitig zu 
ein ebenes, zweidimensionales Gebilde; flächenhaft ausgeglichen. Bruchstücken überdecken. Das Sehen vollzieht sich konstitutiv als 
spannungslos im Gleichgewicht seiner Elemente. die Bemühung, Einanderausschließendes und Verschiedenes in 
Ar 
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