Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1984, Jg. 17, H. 73-78)

Harald Bodenschatz, Dieter Radicke 
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Das ’Großstadtungeheuer Berlin: 
Städtebauausstellung Berlin 1910 
Vor dem Hintergrund der Internationalen Städtebau” (vgl. Schmidt 1910, S. licher Versäumnisse und Mißgriffe? 
Bauausstellung Berlin 1987 stellt sich 302ff.) Ein Stadtbauhistoriker wie 4. E. Art und Argument einer solchen 
auch die Aufgabe einer Neuinterpretation Brinckmann sieht in diesen Faktoren „Analyse” verdrängen die Frage nach 
der früheren Bauausstellungen in Berlin: Ansätze einer Selbstzerströung: „Selbst den Bedingungen dieser Entwicklung, 
Nicht mehr so sehr die aus ihrem städte- wenn man sich fern von jenen Publi- nach den herrschenden Interessen in 
baulichen und historischen Kontext her- zisten hält, die Berlin ein charakterloses der Reichshauptstadt, dem Geschäft 
ausgelöste Präsentation des Neuen Ber- Etwas nennen, muß man wieder und der Junker und bürgerlichen Parvenüs, 
lins, seiner Neubauten und Stadterweite- wieder der Stadt den Vorwurf machen, den Machenschaften der Banken, 
rungen, sondern die Untersuchung der frevelhaft an ihrer Selbstzerstörung ITerraingesellschaften, Transportgesell- 
Antworten auf die vorhandene Stadt, des gearbeitet zu haben und noch mit schaften und kleinen Spekulanten, 
Umgangs mit der Altstadt und den Miets- erstaunlichem Unverstand dies böse nach den Profiteuren der Privatisierung 
kasernenvierteln des späten 19. Jahrhun- Werk fortzusetzen.” (1910, S. 10) des Bodens, der verteufelten Hobrecht- 
derts steht heute auf der Tagesordnung. Auf die Zeit seit Gründung des deut- planung und des Wohnungselends. Die 
Diese Betrachtungsweise der Bauausstel- schen Reiches konzentriert sich die Ansprüche der Bodenwertbildung dür- 
lungen hat bisher keine Tradition. städtebauliche Kritik, auf die Kaiserzeit fen nicht benachteiligt werden, schrei- 
Berlin um 1910 - das ist eine Stadt, mit ihrer „Gründer- und Spekulations- ben Eberstadt u. a. (1911, S. 72). Das 
derer sich die in vier Jahrzehnten _atmosphäre” in der „Stadt” nichts wei- Geschäft mit der wachsenden Stadt, so 
herangereifte Städtebaudisziplin ein ter gewesen sei als „ein Netz von lang- die Maxime des herrschenden Städte- 
wenig schämt. Groß-Berlin - eine gezogenen Streifen, eingesäumt von baus, wird nicht in Frage gestellt, son- 
explodierende Weltstadt, mit einem den ungeschlachten Steinmassen der dern geordnet, rationalisiert, von Aus- 
Stolz erheischenden (?) Wachstums- ungegliederten Mietskasernen” (Hof- _wüchsen befreit, andernfalls gerät nicht 
faktor, der (aber nur wegen der provin- Mann 1910, S. 184). Noch nie, so wird nur die Zirkulation in der Stadt, son- 
ziellen Ausgangslage!) die Konkurrenz- Scheffler zitiert, „habe die Baugeschich- dern auch das Geschäft ins Stocken. 
städte Groß-London und Groß-Paris te ein müächtig aufstrebendes Ge- Geht es doch für die modernen Stadt- 
spielend übertrumpft (Wachstum schlecht den Aufgaben des Städtebaues planer und Architekten auch darum, 
zwischen 1801 und 1910: 1:18,3 gegen- so wenig gewachsen gezeigt” wie inden selbst besser ins Geschäft zu kommen 
über „nur” 1:6,5 bzw. 1:6,25) -, istadmi- Jahrzehnten seit 1870. Das Städtebau- als in der Ara des Mietskasernenbaus. 
nistrativ völlig zersplittert, zerfällt in problem, so Kornick in einem Leitar- Mit dem Vorschlag eines Wettbe- 
eine flächenmäßig erbärmlich kleine tikel der Neudeutschen Bauzeitung, werbs für einen Grundplan von Groß- 
Reichshauptstadt und 26 selbständige hat es „mit schier unüberwindlichen Berlin ergreift 1907 nicht etwa die Stadt 
‚Vorort”gemeinden. Festungen zu tun, den ungeschlachten, Berlin, sondern ein Berufsverband, die 
Groß-Berlin - das bedeutet weiter unberechenbar sich dehnenden, sich Vereinigung Berliner Architekten, die 
„fürchterlich dicht zusammengedräng- reckenden modernen Großstadtunge- Initiative zur Vorbereitung der Rationa- 
tes Wohnen” in Mietskasernen mit _heuern, die es - nicht mehr bildlich ge- lisierung der „jungaufstrebenden” 
Seiten- und Querflügeln und nommen, sondern buchstäblich - Großstadt: Aufgabe des „von der Stadt 
„geschmacklosen Stuckfassaden”, das berennen muß, hier schonungslos nie- in ruhmvoller Weise unterstützten 
bedeutet Straßen, die dem wachsenden derlegend und schleifend, dort wieder Wettbewerbes” ist es, durch einen 
Verkehr nicht mehr entsprechen und vorsichtig erhaltend und fortbildend” umfassenden Plan Verkehr, Schönheit, 
diesen „schon bedenklich zum Stocken (1910, S. 237) Volksgesundheit und Wirtschaftlich- 
bringen”, das bedeutet „so gut wie nicht Berlin - ein neuzeitliches Großstadt- keit zu optimieren (vgl. den Ausschrei- 
zu spürender künstlerischer Geist im ungeheuer, ein Produkt städtebau- bungstext in Der Baumeister, Novem- 
Kritik an der Mietskasernenbebauung: Manteuffel- 
str. 27 in Berlin SO, Eingang in eine Kellerwohnung 
mit Stube und Küche (1906). Dieses Foto wurde auf der 
Städtebauausstellung neben anderen Darstellungen 
der Wohnungsuntersuchung der Berliner Ortskranken- 
kasse gezeigt (aus: Hegemann 1911, Abb. 15) 
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