Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

PATRICE DOAT VON CRATERRE (GRENOBLE) IM GESPRACH 
MIT HANS-JURGEN SERWE 
ARCH*: CRATerre hat als Exper- te -, der noch über Kenntnisse zu 
tengruppe für Lehmbautechniken diesen traditionellen Methoden ver- 
inzwischen einen Ruf weit über die fügte? 
Grenzen Frankreichs hinaus. Die Patrice Doat: Nein, es gab nichts 
Abkürzung CRATerre birgt den außer Stahl und Beton. Kein einzi- 
etwas unhandlichen Namen „Cen- ges Buch über das Thema und keine 
tre international de recherche et einzige Baustelle, auf der noch mit 
d’application pour la construction Lehm gearbeitet wurde. 
en terre” oder zu deutsch „Interna- ARCH"* : In ganz Frankreich? 
tionales Zentrum für Erforschung Patrice Doat: Ja, in ganz Frankreich 
und Anwendung von Lehm- oder gab es nichts und niemanden und 
Erdkonstruktionen”. Der französi- wir begannen deshalb uns selbst 
sche Begriff „architecture de terre” über den „pise” sachkundig zu ma- 
geht ja etwas weiter als der eingren- chen. Wir fragten die Leute, wir 
zende deutsche „Lehmbau”. Auf suchten in den Bibliotheken und 
meiner Hinfahrt durch die Departe- entdeckten zuerst Cointeraux, dann 
ments der Region Rhöne-Alpes auch die Bücher von Goiffon, Ron- 
sprangen mir die Scheunen in pise- delet, Abbe Rozier und anderen. 
de-terre förmlich in die Augen und Durch Publikationen der UNESCO 
die vielen zwar verputzten, aber und kleinen amerikanischen Ver- 
leicht bauchigen, sich nach oben lagen wurden wir auf die Traditio- 
verjüngenden Bauernhäuser lassen nen und Möglichkeiten des Lehm- 
vermuten, daß sich dahinter eben- baus in der dritten Welt aufmerk- 
falls Lehmkonstruktionen verber- sam. Wir faßten daraufhin unsere 
gen. War also Euer Zugang zum Nachforschungen in einer kleinen 
Baustoff Erde/Lehm ein regionali- Schrift zusammen, die in Paris 
stischer und ging vielleicht sogar pri- herauskam und 1975 zu unserem 
mär von denkmalschützerischen ersten Bauauftrag, einem kleinen 
Aspekten der Erhaltung traditionel- Haus in Vignieu-Isere führte. Da- 
ler Architekturen aus? mals hielten uns Kommilitonen und 
Patrice Doat: Eigentlich nicht und Kollegen alle noch für ziemliche 
gewisserweise vielleicht doch. Es Spinner, weil wir uns mit diesem 
fing noch zu unserer Studentenzeit unorthodoxen Baustoff befaßten. 
hier an der Architekturfakultät in Daß wir überhaupt unsere Studien 
Grenoble an. Wir waren damals, 1972, im 4. Studienjahr und be- an der Fakultät weiter betreiben konnten, hatten wir insbesondere 
schäftigten uns mit dem Problem, wie man mit billigen Materialien, Michel Dayre, einem Geologieprofessor, der vor allem am Material 
die noch dazu einfach zu verarbeiten sein mußten, Einzelnen oder interessiert war und mit dem wir heute noch zusammenarbeiten, 
Kollektiven die Möglichkeit geben könnte, sich selbst ein Haus zu und Sergio Ferro, einem Architekten aus Brasilien, dem Material 
bauen. Es gab in der Folge von Mai 1968 an den Architekturfakultä- und Baukultur aus seinem Heimatland geläufig waren, zu verdan- 
ten in ganz Frankreich eine Diskussion um „autoconstruction”, also ken. Ohne diese beiden hätten wir damals als „Exoten” keine 
Selbstbau, ähnlich wie in den Fabriken über „autogestion”, also Chancen gehabt. 
Selbstverwaltung, diskutiert wurde. Wir waren mit unserem Thema ARCH":Heute seht es ja eher umgekehrt aus. Seit der Ausstellung 
sozusagen Teil einer großen kulturellen Bewegung zur Verände- von Jean Dethier im Centre Pompidou"” hat der Baustoff ja wieder 
rung der Verhältnisse. Nebenmotive waren auch damals schon Ma- eine gute Reputation. Die alte Ignoranz gegenüber traditionellen 
terial- und Energieeinsparung, das zentrale Motiv war aber eindeu- Bauformen und Methoden scheint gebrochen und Leute wie Ihr 
tig das der Autonomie beim Bauen. sind doch nun gefragt. 
Mehr zufällig sind wir dann auf diese merkwürdigen traditionel- Patrice Doat: Man kann nicht sagen, daß wir uns schon über zuviel 
len Häuser hier in der Gegend gestoßen. Steine von über einem falschen Beifall zu beklagen hätten. Hinsichtlich der Bedeutung 
Meter Länge wurde da verwandt und wir fragten uns, wie und aus und des Umfangs, die dem Lehmbau in Zukunft einmal zukom- 
was die wohl hergestellt und wie sie transportiert worden waren. men werden, stehen wir noch am Anfang der Entwicklung, aber es 
Wir gingen also zu den Bauern und fragten. Sie erzählten uns, daß existiert inzwischen wirklich schon eine Nachfrage nach Lehmbau. 
es sich um „pise” handelte, daß das Material direkt vor Ortabgebaut Das Selberbauen, die ökologischen Techniken beginnen. ja 
und dann in Schalungen gestampft wurde und daß man früher alle durchaus real zu werden und in der dritten Welt tut sich ein riesiger 
Scheunen und viele Wohnhäuser so gebaut hätte. Das lag genauin Bereich dafür auf. Das alles sind starke und tiefgreifende Bewe- 
unserer Thematik und wir sagten uns: „Über diesen Baustoff gungen. 
müssen wir arbeiten!” So begann es. Um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen: Lehm ist nicht 
ARCH“* : Euer Zugang war also, wenn man so will, eher einabstrak- unbedingt ein interessantes Material und hat nicht nur gute Eigen- 
ter. Eine theoretische Fragestellung suchte sich auf dem Land ihre schaften. Es ist leicht verletzbar, schwierig beim Entwurf zu hand- 
Empirie. Gab es denn damals an der Fakultät nicht noch irgend- haben und wirft eine Menge Probleme auf. Ein Architekt, der mit 
einen Professor - vielleicht in einem Nebenfach wie Baugeschich- Lehm baut, muß wesentlich besser über den Baustoff bescheid
	        

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