Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

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Die Werkzeuge des ”Piseurs”, Zeichnung: CRATerre nach Rondele 
wissen, als wenn er mit Beton bauen würde. Beton hält praktisch verantwortlich. Wir stehen allerdings ständig in informellem Kon- 
immer, während beim Lehm sich jeder konstruktive Fehler sofort takt untereinander. Über die französische Entwicklungshilfe wurde 
gravierend bemerkbar macht. beispielsweise eine Stelle für CRATerre-Peru zwei Jahre lang getra- 
ARCH*: Könnte man also sagen, daß Bauen mit Beton in erster gen. Die Stelle ist gerade ausgelaufen. Andere Hilfsorganisationen 
Linie Berechnungssache, Lehmbau hingegen zuallererst erfah- oder peruanische Ministerien werden nun einspringen müssen, 
rungsgebunden ist? wenn das Projekt weitergehen soll. Das zu organisieren, ist die 
Patrice Doat: Ja und nein. Auch beim Lehmbau spielt Berechnung Arbeit von CRATerre-Peru. Durch dieses Prinzip vermeiden wir 
eine große Rolle. Hier treffen sich Erfahrung und Berechnung, wäh- jede Art von Zentralismus und Bürokratie. Immerhin haben wir 
rend beim Beton alles geht oder zu gehen scheint, denn immerhin schon in 30 verschiedenen Ländern gearbeitet. Wollte man alle die 
rächen sich inzwischen ja auch da die alten Bausünden. Um unse- Entscheidungen hier nach Grenoble verlagern, die Projekte in 
ren Standpunkt zum Material Lehm noch etwas besser herauszu- Guyana, auf den Comoren, in Peru oder den USA betreffen, so 
arbeiten, möchte ich einen Satz von Satz von John Ti urner” zitieren, wäre das absurd. Es widerspricht auch völlig der Logik des Bau- 
der als Motto über unserer Arbeit stehen könnte. Er sagt, daß ein stoffes, der lokal gewonnen und lokal verwendet wird. 
Material nicht um seiner selbst willen interessant ist, sondern ARCH*: Welchen Umfang haben die Projekte in der dritten Welt, 
wegen dem, was die Gesellschaft damit anfangen kann. Lehm hat die ihr iniziüert, begleitet oder selbst durchführt? 
für uns auch nur insofern Bedeutung, als er für gewisse Gruppen Patrice Doat: Manchmal werden wir nur zur Erstellung von Analy- 
von Menschen von Bedeutung ist. Es gibt einerseits den Unterpre- sen und Begutachtung des Bodens für wenige Wochen herange- 
viligierten, also in erster Linie der dritten Welt, und andererseits zogen. Andere Projekte ziehen sich über Jahre hin. In Peru laufen 
Leuten in der ersten Welt, die anders leben wollen, eine Möglich- seit 5 Jahren eine Vielzahl von Projekten gleichzeitig. Das vom Um- 
keit zum Bauen. fang größte Projekt ist bisher ein Wohnungsbauprogramm auf der 
Während wir uns noch mehr universitär und theoretisch mitdem Insel Mayotte, einem französischen Überseedepartement zwischen 
Problem beschäftigten, gab es unabhängig von uns schon einige Madagaskar und Mozambik, gewesen. Fast 2000 Wohneinheiten 
wenige Baufachleute, die praktisch ans Werk gingen. Einer davon und auch die dazugehörige Infrastruktur wie Schulen und Bürger- 
war Hugo Houben, der damals als Ingenieur in Algerien an einem meistereien wurden in Lehm gebaut. Wir bildeten dazu eigens 
Wohnungsbauprogramm mit Erdbeton als Baustoff arbeitete. Wir Handwerker aus und leiteten die späteren Bewohner in Kursen 
haben ihn auf einer langen Reise durch die Länder Nordafrikas, wo zum Selbstbau an. 
wir die traditionellen Lehmbautechniken studierten, kennenge- ARCH*: Welche Beziehungen unterhält ihr zu deutschen Lehm- 
lernt und uns auf Anhieb mit ihm verstanden. Dieser Austausch bauern? 
von Papieren und Erfahrungen war sozusagen die Geburtsstunde Patrice Doat: Da wären Franz Volhard in Darmstadt und Hildegard 
von CRATerre. Die Zusammenarbeit gedieh weiter. Die ersten KEhrhard in Berlin zu nennen, die uns beide sehr bei unserer Arbeit 
Studenten - Peruaner und Franzosen -, die diese Erfahrungen mit- unterstützen. Franz Volhard hält seit einiger Zeit auch Vorlesungen 
gemacht hatten, gründeten dann vor 5 Jahren die CRATerre- und Seminare an unserer Fakultät. Wir halten ihn für den kompe- 
Gruppe Peru. tentesten Mann auf dem Gebiet des Leichtlehmbaus und so liegt es 
ARCH* :Ist CRATerre nun eigentlich eine universitäre Einrichtung nahe, daß wir ihn bitten, die „terre paille” hier zu unterrichten. 
oder ein unabhängiges Institut? ARCH*: In welcher Form organisiert Ihr die Lehre? Ich habe 
Patrice Doat: Zwei Dinge müssen unterschieden werden. Einmal gehört, daß Ihr die einzige Universität der Welt seid, an der man ein 
CRATerre als von der Universität Grenoble völlig unabhängiges Diplom als Lehmbauer erwerben kann. 
Institut mit einem Sitz sowohl in der Hochschule als auch außer- Patrice Doat: Meines Wissens sind wir noch die einzigen, aber diese 
halb und zweitens wir in unserer Eigenschaft als Hochschullehrer, Möglichkeit ist auch bei uns erst ganz neu. Nach dem Diplom als 
die wir hier einen Lehrstuhl für Lehmbau unterhalten. Durch diese Architekt oder Bauingenieur kann man hier ein zweijähriges, vom 
Konstruktion bewahren wir unsere Unabhängigkeit und kommen Ministerium für Städtebau und Bauwesen anerkanntes Aufbaustu- 
gleichzeitig zu einer wünschenswerten Arbeitsteilung. Es hat ja dium als Lehmbauer machen. In Frankreich gibt es diese Art 
Zeit und Mühen gekostet, bis wir uns an der Hochschule mit unse- Weiterqualifizierung bisher auch nur in zwei weiteren Studien- 
rem Thema etabliert hatten und bis uns die Ministerien in Paris fächern. Das erste Jahr beinhaltet etwa 800 Stunden theoretisches 
schließlich anerkannt haben. Wenn jetzt ein neuer Direktor aufdie und praktisches Lehmbaustudium. Im zweiten Jahr widmet man 
Idee käme, Lehmbau aus dem Lehr- und Forschungsplan heraus- sich dann ausschließlich der Arbeit an einem spezifischen Thema 
zunehmen, dann wäre da immer noch CRATerre als unabhängige aus dem Bereich, vergleichbar einer Doktorarbeit. Diese Arbeit 
Institution. muß von der Fakultät anerkannt werden, damit das Lehmbauzer- 
Unsere Arbeit gliedert sich grob in vier Bereiche: Lehre, For- tifikat verliehen werden kann. 
schung, Anwendung und Öffentlichkeitsarbeit. Lehre und For- Lehmbau ist natürlich auch Ausbildungsgegenstand im Grund- 
schung vollziehen sich an der Hochschule im „laboratoire terre”. studium. Im zweiten Studienjahr setzen sich die Studenten prak- 
Die Anwendung, d.h. Planung und Durchführung konkreter Pro- tisch und theoretisch mit konstruktiven Problemen auseinander. 
jekte, technische Beratung etc., wie auch die Propagandierung des Zuerst werden sie an Baustoffe herangeführt, die wie Lehm und 
Lehmbaus durch Ausstellungen, Plakate, Bücher usw. ist CRA Ter- Stein, nur auf Druck belastbar sind. Die Bautechnik traditioneller 
re vorbehalten. Konstruktionen, wie beispielsweise der Kathedralen, soll ihnen 
ARCH* : Wieviele Mitglieder umfaßt CRATerre eigentlich? näher gebracht werden. Innerhalb des Lehmbauseminars bauen 
Patrice Doat: Wir sind ungefähr ein Dutzend Leute, die ständigund sie hier in der Halle in einer Woche eine schon relativ verzwickte 
fest, aber ehrenamtlich CRATerre tragen. Dazu kommen noch Gewölbekonstruktion. Früher ließen wir sie sogar Lehmsteine 
30-40 Lehmbauer in allen Ecken und Enden der Welt. Die einzel- vermauern, die aber beim Abbruch leider oft zerstört wurden, So 
nen Gruppen sind völlig unabhängig und für ihre Projekte allein daß wir nun gebrannte Ziegel verwenden. Beim wiederverwend- 
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