Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

baren Lehmmörtel sind wir geblieben. Die Prinzipien beim stecken. Derzeit sieht es gut für uns aus. Wir sind in den Ministerien 
Mauern sind ja die gleichen, und die sollen die Studenten mit Hand. auf entsprechende Resonanz gestoßen. 
Auge und Kopf erst mal begreifen. ARCH"*: Aber es ist doch leider nicht die Regel, daß Ministerial- 
ARCH"*: Bietet ihr darüberhinaus noch Lehmbaukurse an? bürokraten, die jahrzehntelang eine ganz andere Politik betrieben 
Patrice Doat: Bis letztes Jahr haben wir zweiwöchige Kurse ange- haben, nämlich die der großen Fertigteilsysteme, mit denen ganz 
boten, meist für Leute mit Vorerfahrung im Baubereich. Trotzdem Frankreich beglückt wurde, nun plötzlich auf kleinteilige und öko- 
hat sich gezeigt, daß die Zeit nicht ausreichte, die notwendigen logische Strukturen setzen. Wie läßt sich das erklären? 
Qualifikationen zu vermitteln. Wir konnten die Teilnehmer zwaran Patrice Doat: Nun, das Problem mit der Energieverknappung und 
das Thema heranführen und ihnen ein gewisses Maß an Infor- Verteuerung hat sich inzwischen auch da herumgesprochen. Hinzu 
mation vermitteln, aber nicht wirklich ausbilden. Aus diesem kommen Probleme im Wohnungsmarkt selbst. Im Ministerium für 
Grunde haben wir vorerst die Kurse gestoppt und stattdessen das Wissenschaft und Industrie geht man beispielsweise davon aus, daß 
Aufbaustudium eingeführt. Dann arbeiten wir viel mit Baufach- unser Bereich sich einmal zu einem wichtigen ökonomischen Sek- 
leuten aus Ländern der dritten Welt zusammen. Wir machen so- tor entwickeln wird, nicht sofort natürlich, aber auf längere Sicht. 
wohl praktische Anleitung wie auch konzeptionelle Beratung, um Betrachtet man außerdem den zukünftigen Bedarf an Wohnungen 
deren alte Lehmbaukultur wieder erwecken und zeitgemäß gestal- in der dritten Welt, so wird die Bedeutung des Sektors „Lehmbau” 
ten zu helfen. So haben wir im letzten Jahr für die UNESCO einen erkennbar. 
Kurs organisiert, einen anderen für Bauarbeiter, einen für Jugend- ARCH*: Aber gleichzeitig geht es anderen Zweigen der Bauin- 
liche, usw.. Manchmal mit bis zu 200 Teilnehmern, was dann ein- dustrie doch an den Kragen. Vielleicht zurecht, wenn man die in 
CRA Terre-Baustelle Peru: Errichtung einer Schule in Lehmstein Studenten-Arbeiten im ”laboratoire terre” der Architekturfakultät Grenoble 
fach zu viel war. Ständig erreichen uns noch Anfragen, die wir nicht Beton gegossene Unmenschlichkeit der letzten dreißig Jahre 
abdecken können. betrachtet, aber deren Lobby wird doch kaum stillhalten, sondern 
Das Problem ist doch folgendes: Früher wurde Wissen und Fer- politischen Druck auszuüben versuchen. E 
tigkeit des Lehmbaus bei Bauern und Handwerkern traditionell Patrice Doat: Sicherlich gibt es jede Menge Technokraten in den 
mündlich oder durch die Arbeit selbst weitergegeben. Als danndie Entscheidungsgremien. Es gibt aber auch eine kleine Gruppe, die 
Berufs- und Fachschulen für Maurer eingeführt wurden, blieb der bereit ist Forschungsvorhaben und Programme zu tragen. Wir 
Lehm außen vor, weil er sehr schnell vom Beton verdrängt wurde. wissen nicht, wie es in 10 Jahren aussehen wird, aber zur Zeit ist der 
Lehmbau wurde faktisch nicht unterrichtet und die mündliche politische Wille da. 
Tradierung riß ab, so daß wir heute keine Handwerker haben, die ARCH": Bei uns in der Bundesrepublik scheint das Interesse für 
noch darin qualifiziert wären. Nach 1950 war der Lehmbau in  Lehmbau bei Politikern und Verwaltung noch nicht sonderlich weit 
Frankreich praktisch tot. Dieser Ausbildungsnotstand ist gravie- gediehen zu sein. Wenn da nicht Ökobewegung und Grüne wären 
rend und wird erst jetzt zur Kenntnis genommen. An den Inge- und eine gewisse universitäre Autonomie, sähe es düster auf dem 
nieurschulen tut sich langsam etwas. Kleinere Unternehmen, in Sektor Lehmbau aus. Lehmbau scheint bei uns immer noch mehr 
Toulouse, Reims, in der Normandie oder hier im Raum speziali- eine Sache einzelner Enthusiasten zu sein. 
sieren sich auf Lehmbau. Auch viele kleine Handwerker wollensich Patrice Doat: Das braucht seine Zeit. Unser erster Antrag datiert auf 
wieder sachkundig machen, nicht zuletzt die Architekten selbstund das Jahr 1976. Die ersten Finanzierungsmaßnahmen des Ministe- 
ihre Fakultäten müssen reagieren. Als Teil eines staatlichen Pro- riums liefen dann fünf Jahre später. Die Sensibilisierung der 
gramms entstehen derzeit drei größere Lehmbausiedlungen in Verantwortlichen ist nicht einfach. Gerade heute, wo die Daten- 
Frankreich: l’Isle d’Abeau, Reims und Toulouse. Das war vor verarbeitung als der Wachstumssektor Nummer eins gilt, ist es 
wenigen Jahren noch undenkbar. Wir sind der Meinung, daß das schwierig für „rückwärtsgerichtete” Vorhaben Subventionen zu 
immer noch wenig ist, aber es deutet doch eine Art Tendenzwende bekommen. Bei genauerem Hinsehen erweist sich auch der Lehm- 
an. CRATerre sieht seine Aufgabe darin, diesen Prozeß zu fördern, bau als technologisch durchaus innovationsfähig. Wie Du siehst, 
über den unversitären „Umweg” der Ausbildung, über Beratungs- machen wir unsere Berechnungen auch auf dem Computer und 
tätigkeit, über Forschung und Entwicklung, über die schriftliche stampfen nicht, wie manche glauben mögen, nur mit nackten 
Fixierung alten und neuen Wissens. Es geht darum, dem Lehmbau Füßen im Lehm herum. 
wieder seinen ihm gebührenden Platz zu erkämpfen, angesichts des Auf lokalpolitischer Ebene hat sich ähnliches abgespielt. Als wir 
Ökologischen Desasters dieses Jahrhunderts eine absolute Notwen- mit dem Projekt I’Isle d’Abeau begannen, waren uns die Politiker 
digkeit. Wenn der politische Wille, das zu tragen und durchzu- überhaupt nicht gut gesonnen. Das hat sich ganz plötzlich geändert, 
setzen, allerdings nicht hinzukommt, bleibt der Ansatz im Keime als den Verantwortlichen klar wurde, daß wir hier ja ihr traditio- 
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