Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

: ; i Eckert: Es gibt alle Formen von neuen Technologien; in New- 
Lehmb au ZW ischen handwer klicher Tradition Mexico gibt es bsp. Strangpressen, die den Lehm für ein Haus oder 
und industriel ler Zukunft für einen größeren Komplex in drei Tagen vor Ort schneiden, in der 
Dritten Welt die Simberam-Presse, die durch einfache Hebelwir- 
ARCH*: Wäre es denkbar, den Lehmbau zu rationalisieren, die Kung erlaubt, gebrauchsfähige, sofort vermörtelbare Steine herzu- 
Fehlerquellen zu minimieren, den Aufwand an Arbeit zu redu- Stellen. Die Industrien interessieren sich für den Lehm, wenn 
zieren? Bedarf besteht, wenn der Lehm salonfähig ist, bsp. durch Beigabe 
Volhard: Die Versuche zur Rationalisierung des Lehmbaus sind so VON sog. Stabilisatoren etc.. 
alt wie die neuere Lehmbaudiskussion selbst. Es hat immer Leute ARCH*: Wie groß sind die Erfolgschancen solcher Versuche? 
gegeben, die versucht haben, die Schalung zu verbessern, neue Volhard:Ich habe mit stabilisierten Lehmsteinen noch keine Erfah- 
Schalungstechniken zu entwickeln etc.. Es gab z.B. die Lehm- rung gemacht, aber ich kann mich auf die Erfahrungen der 
Drahtbauweise, die auf der Überlegung basierte, das Drahtgeflecht CRATerre-Gruppe beziehen. Sie kommen nach sorgfältiger Unter- 
als verlorene Schalung zu verwenden, die Dünner Lehmbrotbau- suchung aller dieser Stabilisatoren letztendlich zum Ergebnis, daß 
weise als Weiterentwicklung mit Maschineneinsatz, - alles Ver- solche Stabilisatoren für den normalen Wohnungsbau in den 
suche, die Arbeit zu kompensieren. Entwicklungsländern überflüssig sind, weil bei meistens 1- bis 2-ge- 
ARCH"* : Beide Verfahren beziehen sich aber auf die Arbeit vor Ort. schossigen Häusern die Druckfestigkeit des Lehms ausreicht. Ohne 
Ist ein vorgefertigter Lehmbau denkbar? Stabilisatoren ist der Produktionsprozeß wesentlich einfacher, was 
Volhard: Er ist nicht nur denkbar, sondern wird schon seit langem heißt, daß es seitens der Industrieländer oder der Hersteller von 
praktiziert, in Frankreich, Mexiko etc.. In beiden Ländern gibt es solchen Sachen ein Interesse gibt, Wundermittel zu propagieren, 
Firmen, die Lehmsteine ganz normal herstellen und verkaufen wie um in das Lehmgeschäft einzusteigen. Das neueste Wundermittel 
sind Polymere, irgendwelche Kunststoffe, die die Wasserlöslichkeit 
minimieren und die Druckfestigkeit erhöhen sollen. Aber die ein- 
fachsten Mittel, um den Lehmbau gegen Wasser zu schützen, sind 
immer noch: genügender Dachüberstand, sorgfältiger Putz und 
größere Sorgfalt bei der Ausführung der Wetterseite. 
ARCH* : Das legt den Schluß nahe, daß die Einsetzbarkeit des Bau- 
stoffs Lehm in den mitteleuropäischen Ländern beschränkt ist, 
während sie, je mehr man nach Süden kommt, hauptsächlich in der 
Dritten Welt unbeschränkt ist. Aber vielleicht kann man so pau- 
schal nicht urteilen, denn welche südlichen Länder meint man 
schon. Die Mittelmeerländer scheiden aus; man denke nur an die 
vielen Experimente, so etwas wie einheimisches Bauen in Portugal 
zu etablieren. Die Leute wollen nichts anderes als das, was sie durch 
die Gastarbeiter an mitteleuropäischer Architektur kennengelernt 
haben und jeder Versuch, einheimisches Bauen wieder zu etablie- 
ren, scheitert zunächst einmal daran, daß die Prozesse zur Rückge- 
winnung der eigenen Kultur gegen den kulturellen Standard der 
hochentwickelten Gesellschaften nicht ankommen. Ist der Lehm- 
bau sozusagen diffamiert und stigmatisiert als das Wohnen der 
armen Leute, dann ist es natürlich gerade für die armen Leute das 
Bauen und Leben, was sie endlich überwinden wollen. Deshalb 
eine andere Frage: wie sieht Eure Clientel aus? 
Volhard: Aus Anfragen weiß ich, daß es meistens Besitzer von Fach- 
werkhäusern sind, die uns ansprechen. Sie wünschen sich in der 
Betonsteine auch. Die Lehmsteine sind im Preis günstiger, sonst Regel, das Fachwerk neu auszufachen und besser zu dämmen. 
könnten die Firmen nicht existieren, aber an einen hohen Investi- Anfragen nach Neubauten sind bis dato noch nicht eingegangen. 
tionsaufwand an Maschinen, Hallen, Lagerflächen gebunden. Ich hoffe natürlich weiter und arbeite daran, durch Beispiele zu 
ARCH"*: Ist eine solche Entwicklung auch in Deutschland vorstell- Überzeugen, um die Vorurteile abzubauen. 
bar? ARCH*: Um noch einmal auf Eure Clientel zu sprechen zu 
Volhard: Für Deutschland bin ich skeptisch, weil in Deutschland Kommen. Ich könnte mir vorstellen, daß es Lehrerehepaare, Hoch- 
die Vorurteile gegen den Lehm verbreiteter sind als anderswo. Die Schulmitarbeiter sind, aber auf keinen Fall Arbeiter. ı 
Franzosen gehen bsp. viel rationeller, ingenieurmäßiger an den Volhard: Doch, doch, es gibt auch solche Leute. Zunächst trifft der 
Lehmbau heran, sie gründen Privatfirmen, verfeinern die Maschi- Lehmbau natürlich auf Skepsis, aber sehen die Leute, wie die Wand 
nen, machen kleine Fabriken auf .... Aber in Frankreich gibt es auch auch ohne Staken hält, mit wie wenig Werkzeug sie auskommen, 
Gruppen, Terre et Soleil bsp., die für den Lehmbau adäquates Welche Freude sie beim Arbeiten haben, dann lassen sich selbst 
Werkzeug entwickelt haben, z.B. Metallschalungen als eine Art gestandene Handwerksmeister vom Lehmbau überzeugen. Diese 
Gleitschalung, Stampf- und Verdichtungstechniken, Preßluft- Reaktion zieht sich durch alle Schichten: Liebe zur Sache, durch 
stampfer, wahrscheinlich auch schon Elektro-Stampfer; in Amerika eigenes Erleben geprägt. = 
gibt es Gruppen, die den erdfeuchten Lehm bsp. mit Preßluft ver- ARCH*: Das hohe Maß an Publizität des Lehmbaus steht doch 
dichten etc.; nur in Deutschland ist es unbekannt, daß man über- Offenbar in paradoxem Widerspruch zu seiner praktischen Anwen- 
haupt mit Lehm bauen kann. dung und realen Verbreitung. Denn, wie Ihr erzählt habt, hast Du 
ARCH* :Gibt es an den Universitäten Institute, Lehrstühle, die sich 2 Projekte realisiert und bei Klaus sind es 2-3. Man kann fast an zwei 
bemühen, den Industrialisierungsprozeß zu befördern? Ich denke Händen die Projekte abzählen, die bis jetzt in der BRD gebaut wor- 
an das Beispiel CRAT#rre. Gibt es ähnliche Gruppen in Deutsch- den sind, sagen wir, es sind 50 Stück, gemessen am Bauvolumen 
land oder ist diese Entwicklung vorwiegend auf Frankreich von 200.000 Wohnungen pro Jahr eine verschwindend geringe 
beschränkt? Zahl. . . . 
Volhard: Ja. An der Züricher TH hat Sülzer gearbeitet. Er experi- Eckert: Damit tut man dem Baustoff Lehm eigentlich unrecht, weil 
mentierte mit Pressen und Steinen; an der GH-Kassel arbeitet man ihn mit der Hypothek oder dem Erwartungsdruck auf Erlö- 
Minke. Sie betreiben eine Forschung, die sich ein privater Architekt sung von der allgemeinen Baumisere in Verbindung bringt. Das 
nur in viel bescheidenerem Rahmen leisten kann, weil es unbe- Kann der Lehm überhaupt nicht leisten. Um auf Deine früher 
zahlte Vorleistungen sind. Als Anmerkung nebenbei, durch die gestellte Frage zurückzukommen, kann ich sagen, daß unsere 
Arbeit an meinem Buch habe ich auch meinen Beitrag zur For- Clientel nicht klassenspezifisch, sondern schichtendurchgängig ist. 
schung geleistet. ARCH* : Das würde ich doch bezweifeln. Ich denke, daß es Hand- 
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