Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

Hand und Werk 
Der sinnliche Charakter ländlichen Bauens wird wesentlich be- 
stimmt durch die unmittelbare Begreifbarkeit des Gebauten. 
Architektur ist hier Gefüge, d.h. handwerkliche Herstellung mit 
ihren Spuren ist direkt ablesbar. Diese „Handschrift” der Herstel- 
lung drückt sich aus im Maßstab, in der Konstruktion, im Material 
und im Rhythmus des baulichen Gefüges. 
Reihung, Addition, Schichtung, Gliederung sind hier wesentli- 
che Merkmale. Die Elemente sind hand-lich, (Zoll, Spanne, Fuß, 
Elle) und sind so in bezug auf den handelnden, denkenden und 
begreifenden Menschen resonanzfähig, d.h. Betrachter und Objekt 
treten in eine direkte anschauliche Verbindung. 
Eine klare Hierarchie des gegliederten Gefüges erleichtert die 
Wahrnehmung und Orientierung. Ineinandergeschachtelte Gefü- 
ge verschiedenen Maßstabs, zellen- und netzartig, sind Gestal- 
tungsprinzip. 
Bauen und Denken sind hier eins, die klare Ablesbarkeit 1äßt 
eine klare Begrifflichkeit zu. Der Bezug der Erbauer und Nutzer zu 
einer derart gestalteten Umwelt ist ein hand-hab-barer. Pflege, Ver- 
änderung, Aneignung des Gebauten sind hier möglich. Das kon- 
struktive Gerippe des Fachwerks z.B. läßt Umbauten und Umnut- 
zen zu und damit Anpassen an die sich stetig ändernden Bedürf- 
nisse. 
Aneignung im Umgang ermöglicht Identifikation und bildet die 
Grundlage für Heimat. 
Die Wand 
Zwischen Innen und Außen 
Die Dörfer des Allnatales haben architektonisch ein charakteristi- 
sches Erscheinungsbild. Die Ordnung der Fassaden durch Ständer, 
Riegel, durch Rähme und Schwellen schafft die Verwandtschaft 
zwischen den Bauten. 
Die Zunftregeln der Bauhandwerker setzten den Gestaltungs- 
spielraum fest und bildeten die ungeschriebene Gestaltungsgrund- 
lage der Dörfer. Heute gelten die alten Häuser als erhaltenswert, 
nicht zuletzt, weil es gegenwärtig kaum zu gelingen scheint, einen 
vergleichbaren Gestaltungswillen bei Handwerkern und Archi- 
tekten zu bilden. 
Die traditionellen Regeln ließen einen Ziegelbau ziegelgemäß, 
einen Holzbau holzgerecht entstehen. Nun entsprechen diese alten 
Konstruktionen heute zwar (wieder) den ästhetischen Anforde- 
rungen, sie erfüllen aber kaum wohnphysiologische, geschweige 
denn energiewirtschaftliche Ansprüche. Sie scheinen unbrauchbar 
geworden zu sein und werden durch neue Konstruktionen ersetzt. 
Doch den neuen Hüllen fehlt meist etwas Entscheidendes: die cha- 
raktervolle Gestalt. 
So bilden Wand und Dach als äußere Hülle nicht nur die klimati- 
sche, die visuelle, territoriale und akustische Trennung des Innen 
vom Außen, bieten Schutz und Rückzugsmöglichkeit, sondern sie 
wirken wesentlich auch nach außen, vermitteln mit ihrem Aus- 
druck einen Eindruck von dem Inhalt des Hauses. In der Wand ver- 
schmelzen die Funktionen des Hausgesichtes, der Klimatisierung, 
der Konstruktion. Sie prägt das Wohlbefinden des Vorübergehen- 
den genauso wie das des Bewohnenden, bei dem einen durch ihre 
Erscheinung, beim anderen durch ihre Behaglichkeit. Handwerk- 
liches Fügen von wohngesunden Baustoffen kann hier beide Quali- 
täten erzeugen. 
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