Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

Ein - Gang 
Zwischen Innen und Außen 
Bestimmend in der Abgeschiedenheit der ländlichen Orte ist die 
Staffelung der Besitzräume, der „Territorien”. 
Die gestaffelten und gestuften Übergänge zwischen Außen und 
Innen, zwischen öffentlich und privat prägen den Charakter des 
Dorfes und formen die „subjektiven Landkarten”, die Tabu-Zonen, 
die Kann- und Darf-bereiche der Einwohner wie der Besucher. Hier 
wird architektonisch das markiert, was sonst unsichtbar bliebe: der 
Anspruch auf räumlichen Besitz. 
Je ausgestalteter, je vielgestaltiger die Schwellen und Grenzbe- 
reiche, die Übergangs- und Eingangszonen sind, desto ausgepräg- 
ter sind auch die Rituale bei der Benutzung. 
Der Besucher lernt das im Allnatal sehr schnell: das Betreten 
eines großen Hofes durch die große, dunkle Einfahrt kann er nicht 
ohne Anlaß vollziehen, das Bellen des Hundes genau zu dem Zeit- 
punkt, wo man mit seinem Fuß die Durchfahrt verläßt und den Hof 
betritt, zeigt ihm an: hier beginnt die erste Zone des Privatberei- 
ches. Schreitet man weiter, auf die schöne, zweiläufige Freitreppe 
zu, die das aufgesockelte Wohnhaus vom Hof aus erschließt, befin- 
det er sich bereits im Banne unsichtbarer Augen. Oben, vor der 
Haustür angelangt, tritt wieder Ruhe ein, das beschützende, ge- 
faßte Dach über dem Eingang, der Blick zurück über den tieferlie- 
genden Hof, hier oben ist man offiziell als Besucher anerkannt. 
Diese markanten Merkmale, das Hoftor, das in geschlossenem 
Zustand noch eine Schlupftür bereithält, die charaktervolle und 
repräsentative Wohnhaustreppe, mit ihren Sandsteinstufen aus 
dem Marburger Becken, und dem Kellerabgang, den sie oft über- 
wölhbt, sie sind individuell ausgeformt und gestaltet und bilden die 
Visitenkarte des Hauses, der Bewohner. 
Heute wandern die großen, schön gezimmerten Hoftore oft auf 
den antiken Baumarkt, die Freitreppen werden zu Windfängen mit 
Glasbausteinen umgebaut: das Gesicht geht verloren. 
„Mehr als je fallen die Dinge dahin, die erlebbaren, denn was sie 
Wohnhauseingang im verdrängend ersetzt, ist ein Tun ohne Bild.” (Rilke) 
onen Mit den Melkern sind heute auch die Holzstiegen und Loggien 
Treppen zu verschwunden, die zu den Melkerstuben über den Ställen führten. 
ehemaligen ”Melkerstuben” Neue Leitbilder ersetzen die handwerklich gefertigten Details, 
auch im Bereich der Türen und Tore. Nun sind die dörflichen Leit- 
bilder oft städtische gewesen, was die Freitreppen zu den Wohn- 
häusern sehr schön zeigen, heute weicht aber der Wunsch nach 
Repräsentation einem Streben nach Pflegeleichtigkeit, in der Stadt 
genauso wie auf dem Lande. 
Die Staffelung des Weges von der Landschaft in das Dorf, von der 
Straße zum Hof, vom Hof ins Haus, ist zu markieren und gestalte- 
risch zu betonen. So kann die Anonymität, die heute in die Dörfer 
Einzug hält, zurückgedrängt werden und einer orientierbaren und 
identifizierbaren Umwelt Platz machen. 
Empfehlungen: 
Alte Türen und Tore sollten im Dorf aufbewahrt werden, wenn sie 
nicht mehr im Gebrauch sind. Der kostentreibende Umweg über 
den Antik-Handel, der irgendwann wieder zurück in die Dörfer 
führt, sollte gespart werden. Die typischen Tor- und Treppensitua- 
tionen sollten erhalten und ihr Thema bei Neubauten aufgegriffen 
werden.
	        

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