Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

@® Bevölkerungswachstum und Industrialisierung führten zur Ent- der Rationalisierung der Landwirtschaft. Was die Droste 1842 am 
stehung der ersten großen Bevölkerungszentren. Dieser Prozeß der Horizont gesehen hatte, war für ihn bittere Wirklichkeit: Der Ver- 
Verstädterung wurde vielfach als „Landflucht” beklagt. Die Städte lust der Heimat. 
verloren ihren geschlossenen Charakter. Zum Teil hatten sie schon Rudorffs Kritik an der Landschaftsveränderung, an der Zerstö- 
im späten 18. Jahrhundert ihre jetzt militärisch sinnlos gewordenen rung der überkommenen Heimat stand im Kontext einer sozialkon- 
Mauerringe eingebüßt. Nun begannen sie, sich rapide auszudeh- servativen Haltung, die seine Wahrnehmungen leitete. Er befürch- 
nen ins Umland zu fließen und die Landschaft zu zersiedeln. tete, daß die neuen Produktions- und Verkehrsverhältnisse mit der 
® Industrialisierung der Bauwirtschaft brachte eine stilistische Ho- schönen Landschaft auch die vertrauten ständischen Traditionen 
mogenisierung der Siedlungen. Die regionalen Besonderheiten des und gesellschaftlichen Gefüge auf dem Lande zerstörten. Zur har- 
Bauens verschwanden. Der Allerweltsstil des Historismus ließ in  monischen, schönen Landschaft, zur unberührten oder traditionell 
London, Paris, Madrid, New York wie in deutschen Groß- wie heilen, landwirtschaftlich kultivierten Natur gehörten auch Men- 
Kleinstädten prinzipiell die gleichen Bauten entstehen. Das neue schen, die in patriarchalisch geordneten und auf den Betrachter an- 
Transportsystem der Eisenbahnen machte alle Baumaterialien heimelnd wirkenden Beziehungen leben. Zur Klage über die Ver- 
grundsätzlich überall verfügbar. Man baute jetzt „nach Katalog”. schandelung gehörte daher auch die über gesellschaftliche Auflö- 
Der Architekt ersetzte den handwerklichen Baumeister. sung. 
® Schließlich traten die ersten größeren Umweltprobleme auf. Die Knechteund Dienstmägde sind nicht zu haben, weil alles gewinn- und vergnügungs- 
Industrialisierung zeigte in der Verseuchung von Luft und Gewäs- süchtige Volk den Weg zur Fabrikarbeit in die Stadt sucht. So.ist zum Vorteil weniger 
sern eine unschöne Kehrseite. Die einsetzende chemische Indu- eine natürliche Daseinsform künstlich beseitigt, bei der jedes einzelne Glied der Ge- 
strie entließ neuartige Stoffe in ihre Umgebung; der Übergang zur San ES ESchnn? vu. . Zn 
Verbrennung fossiler Energieträger ließ die Emissionen schwefel- Aus diesen Worten wird deutlich, daß Rudorff aus der Position von 
haltiger Gase nach oben schnellen, so daß es zu ersten Rauchschä- jemandem sprach, der durch die Industrialisierung etwas zu verlie- 
den an der Vegetation kam (freilich erst noch lokal begrenzt). Die "CM wenig be NEO N DE ve zogen offenbar 
städte gingen in der zweiten Hälfte d _ Jahrhunderts zur in Leben in den monströsen Fabrikstädten der Harmonie einer 
SS SATUEATATEAGG Uber SO daß die KOM  ESANUECn ländlichen Gemeinschaft vor. Wie schon Jeremias Gotthelfund Wil- 
Substanzen überdüngt und verseucht wurden. TO ReHT +: ich a DON NEE En nen an N RO 
@ Mit Vordringen A bils seit ausgehenden 19. gefühl keinen allzu großen Erfolg haben. ie hatten, so versprach es 
J N MkCmIen Mae sine TEL der Verkehlawene ERUCNE POS u nur die ET ER EONCN auch die industrielle 
die sich bereits mit der Eisenbahn angedeutet hatte. Städte, Land- Propaganda, zumindest’eıne Zukunit Zu ECWIMACN. N 
straßen, schließlich ganze Landschaften wurden „verkehrsgerecht” Auf der Verliererseite standen andere, nämlich Personen wie Ru- 
umgestaltet. Ganze Stadtviertel wichen den Großbahnhöfen; Stras- dorff selbst, also Bildungsbürger, die ästhetisch sensibilisiert waren, 
sen wurden begradigt, verbreitert; Tore und Türme, Erkerund Vor- VvOn materieller Not und körperlicher Arbeit befreit, und denen 
gärten verschwanden. durch die Industrialisierung die vertrauten Fluchträume in die Na- 
s g ‚m tur, in Stille und Beschaulichkeit genommen wurden. Die Kompen- 
Die „romantische”, als Heimat verstandene historische Landschaft sation durch Waren, die das Industriesystem für den zerstörten Na- 
verwandelte sich sukzessive, mit einer spürbaren Beschleunigung turgenuß und als Entschädigung für Disharmonie und Häßlichkeit 
seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, in die moderne Industrie-und qer Industrielandschaft und der Siedlungen anbot, akzeptierten sie 
Agrarlandschaft. Diese Realität der Industrielandschaft wurde nicht. Die angebotenen Fabrikprodukte waren in ihren Augen billi- 
ästhetisch zunächst eher verdrängt. Landschaftsmalerei, Lyrik, Rei- ger Ramsch. Aus der Perspektive des Bildungsbürgers, aus der Ru- 
seschilderungen beschworen nach wie vor die alte „intakte” Kultur- dorff die Veränderungen der Landschaft notierte und die ihm sein 
landschaft, während die Industrielandschaft als „Unland” ausge- 1 amento gestattete, war die Zerstörung der Landschaft, die herauf- 
blendet wurde. Die „eigentliche” heimatliche Landschaft existierte „iehende Häßlichkeit der Industrieregionen, der Verlust der ge- 
ja immer noch irgendwo, in immer weiterer Ferne, auf dem Lande, wohnten, differenzierten und beseelten Natur, das Schwinden der 
in den Bergen, an der Küste. . bunten, vielgestaltigen Volkskultur der Preis für den Massenwohl- 
Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wurden dann immer stand (für das „gewinn- und vergnügungssüchtige Volk”); ein Preis, 
mehr Stimmen laut, die den Verlust der heimatlichen Landschaft, den er selbst bezahlen mußte, für den er jedoch nichts erhielt. 
ihre Überformung durch Technik und Industrie beklagten. Eine be- Ernst Rudorff hatte mit seiner zivilisationskritischen Klage offen- 
sondere Bedeutung gewann der Musiker Ernst Rudorff, der 1880 tar genau das ausgesprochen, was viele seiner Zeitgenossen emp- 
einen Aufsatz mit dem Titel: „Uber das Verhältnis des modernen fanden. Seine Aufsätze und schließlich die Publikation der Bro- 
Lebens zur Natur” ’ verfaßte, in dem er ein erstes Panorama der schüre „Heimatschutz” stießen auf breite Resonanz in der Öffent- 
Veränderungen und Verwüstungen der Landschaft entfaltete, die jichkeit. Im Jahre 1904 wurde schließlich auf Anregung des Archi- 
mit der Industrialisierung, vor allem aber mit der Modernisierung tekturtheoretikers Paul Schultze-Naumburg und unter Beteiligung 
der Landwirtschaft einherging. Rudorffs der Bund Heimatschutz gegründet, der sich bald in zahl- 
„Rudorff wurde mit diesem öfter nachgedruckten Aufsatz zum reichen Landesverbänden organisierte. In der Heimatschutzbewe- 
Pionier der deutschen Heimatschutzbewegung. Mehr als zwanzig gung faßten sich alle die Bestrebungen zusammen, die angesichts 
Jahre später brachte er eine Broschüre mit dem Titel „Heimat- ger massiven Veränderungen der landsckaftlichen und städtischen 
schutz” heraus, worin er seine Kritik zu einer generellen ästheti- Umgebung im Verlauf der Industrialisierung im Sinne einer kon- 
schen Zivilisationskritik erweiterte. Diese Broschüre sollte später servativen Kritik formuliert worden waren. Aus der Satzung des 
der Heimatschutzbewegung ihren Namen geben. Rudorffschilder- Bundes wird deutlich, wie weit er seine Aufgaben faßte: 
te voller Entsetzen die schleichenden Veränderungen der Land- en Ca ee SA - 
Te « ea . „Der Zweck des Bundes ist, die Deutsche Heimat in ihrer natürlichen und geschicht- 
schaft und der Städtebilder, die immer unübersehbarer wurden. BE Eigenart zu schützen. Das Arbeitsfeld des Bundes teilt sich in fol- 
: ; gende Gruppen: 
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gen, Strömen, Burgen und alten Städten geworden... Aufder einen Seite Ausbeutung A ländlichen und bürgerlichen Bauweise; Erhaltung des vor- 
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andere schonungslose, lediglich auf Frzielung maisrieller Vorteile gerichtete Verwal- N chLiten einheimischen Tier- und Pflanzenwelt sowie der geologischen Eigen- 
AUF ee N DOG Seite N eekulalonen aut  Fremdenbesuch: MIUErWANLC  MEneisung e) Volkskunst auf dem Gebiete der beweglichen Gegenstände 
landschaftlicher Reize, und zu gleicher Zeit Zerstörung jeder Ursprünglichkeit. also f) Sitten, Gebäuche, Feste und Trachten. 
gerad® ESSEN WEST Natur Zu NaIur TaachT Auf lokaler Ebene, in einzelnen Regionen und Städten, bestanden 
Im einzelnen wandte er sich gegen disproportionierte modernhisto- Schon seit längerer Zeit Vereine, die sich der Pflege der Volkskunde, 
ristische Bauten, gegen Hotelpaläste in landschaftlich schönen Ge- der Ortsverschönerung, der Denkmalpflege, der Traditionspflege, 
bieten, gegen die „Erschließung” von Naturschönheiten durch aber auch des Naturschutzes, besonders des Vogelschutzes annah- 
Straßen und Zahnradbahnen, gegen Werbeanlagen in der Land- men. Unter dem Begriff „Heimatschutz” konnten alle diese Bestre- 
schaft und in historischen Siedlungen und vor allem gegen die Zer- bungen zusammengefaßt werden. Die praktischen Aufgaben, die 
störung der herkömmlichen kleingliedrigen Landschaft im Zuge sich der Bund vornahm, waren recht vielfältig und blieben fast im- 
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