Volltext: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

mer punktuell beschränkt. Sie reichten vom Kampf gegen Aus- Mmatschutzbewegung gehört. Beide waren sie gegen die herrschen- 
sichtstürme, die die Landschaft verschandelten, gegen Reklameta- de Tendenz: fortschrittliche, linke Gesellschaftskritik und konser- 
feln, Förderung von Heimatmuseen, Anregung und Mitarbeit bei vative, rechte Zivilisationskritik richteten sich gegen die bestehen- 
der Gesetzgebung, Planung von Kraftwerken unter landschafts- den Verhältnisse, doch identifizierten sie in ihnen jeweils andere 
schützerischen Gesichtspunkten, Maßnahmen gegen die Gewäs- Mängel. Die Zivilisationskritiker bemerkten das Moment ästheti- 
serverunreinigung, gegen Flurbereinigung, Steinbrüche und Stau- schen Verfalls, das Aufkommen neuer Physiognomien von Stadt 
seen bis hin zur Bauberatung, pädagogischen Aufklärung und zur und Land und entwickelten ein Gespür für die Elemente der Zer- 
Organisation internationaler Zusammenarbeit. störung, die mit der Modernisierung verbunden waren. Die Linke 
Es mag überraschen, daß die Heimatschutzbewegung, andersals sah dagegen die Spuren der Tradition bloß als lästige Überreste an, 
ihr Name vermuten läßt, nicht primär nationalistisch orientiert war. als Hindernisse auf dem Weg in eine bessere Zukunft. 
Dies wird in den Ansätzen zur internationalen Zusammenarbeit Diese Komplementarität von linker und rechter Kapitalismuskri- 
deutlich. Vor dem Ersten Weltkrieg wurden zwei internationale +x machte sich seit der Jahrhundertwende darin geltend, daß jede 
Heimatschutzkongresse abgehalten, 1909 in Paris, 1912 in Stutt- der beiden Strömungen jeweils spezifische Krisenmomente und 
gart. Auf dem Stuttgarter Kongreß Waren Teilnehmer aus Deutsch- Bedürfnisverletzungen durch das entstehende Industriesystem 
land, Frankreich, Italien, der Schweiz, England, Holland, Däne- hrnehmen konnte, ohne daß es ihnen möglich gewesen wäre, 
mark, Österreich, Belgien,.Norwegen und Sogar aus Japan versam- diese Beobachtungen in einer synthetisierenden Erklärung zusam- 
melt. Der Volkswirt Kar! Johann Fuchs ging auf die Bedeutung der „onzufassen. Beide besaßen sie aufgrund ihrer Orientierung auf 
internationalen Zusammenarbeit ein: „Fortschritt” oder „Tradition” eine spezifische Problemblindheit. 
„Internationale Kongresse für Heimatschutz - sind sie nicht ein Widerspruch im Die Progressiven waren auf das soziale und politische Feld konzen- 
Worte selbst? Kann man etwas so Nationales wie den Heimatschutz überhaupt inter- . n Taharue 7 s 
national betreiben? ... Das dem ganzen Heimatschutz zugrunde liegende Problemist triert. Mit hoher Sensibilität nahmen sie alle Formen der Unterpri- 
doch in allen modernen Kulturstaaten dasselbe. Es ist der Kampf gegen den rück- vilegiertheit, von sozialer Ungleichheit, politischer Repression und 
(eizter Tinte Dei allen Fragen des Heimaschutzer zugrunde legr36“ "9°" von Fortwirken überkommener Mißstände wahr. Da ihr Begriff von 
Moderne auf die Einheit von Egalität, Aufklärung, Technik und In- 
Die Suche nach einem Ausweg aus dem devastierenden Wirkendes dqustrie zielte, besaßen sie kein Gespür für die ästhetischen und 
Kapitalismus sollte ein verbindendes Element sein, ohne daß, wie dann auch ökologischen Depravierungen, die die Industrialisierung 
etwa bei der Sozialistischen Internationale, zugleich kulturelle Ho- mit sich brachte. Ihr Ziel war letztlich die Herrschaft der Vernunft, 
mogenisierung, soziale Egalisierung und gleichförmige „Entwick- und das implizierte auch eine effektive Naturbeherrschung, für die 
lung” gefordert wurden. Die eigentümliche Heimat sollte bewahrt jede „Entwicklung der Produktivkräfte” ein Schritt in die richtige 
werden, doch war daraus kein Gegensatz zu anderen Völkern abzu- Richtung war. 
x —_- | . e FT pn Die grundlegende Identifikation des Komplexes „Modernität” 
„Nur wer die eigene Heimat und Art liebt und schätzt - nicht in rohem, überheben- EU ir . 
den Chauvinismus, sondern in verfeinerter Reflexion und Erkenntnis ihrer kulturel- wurde von den Zivilisationskritikern geteilt, nur eben umgekehrt 
len Bedeutung - , wird auch Heimat und Eigenart anderer achten. Und so können bewertet. Sie entwickelten daher eine feine Witterung für die Zer- 
EIS NEE N de EAN ES ein wichtiges Mittel sein zur kul-  störung der Natur, der traditionellen, bunten Regionalkultur, die 
verwüstenden Effekte der neuen Architektur, für das brutale, er- 
Aus diesen Sätzen wird deutlich, daß es falsch wäre, die Heimat- folgsorientierte, „amerikanisierte” Verhalten der bourgeoisen Auf- 
schutzbewegung vorbehaltlos als eine reaktionäre, nationalistische steiger sowie die geschmacklichen Greuel der Massenproduktion. 
oder gar präfaschiste Bewegung einzuschätzen, so sehr das Vokabu- Der gesellschaftlichen, hygienischen und politischen Kehrseite der 
lar von „Volk”, „Heimat”, „Brauch” diesen Schluß den heutigen von ihnen rückblickend gepriesenen Ständegesellschaft schenkten 
Zeitgenossen nahezulegen scheint. Ebenso falsch wäre es, die kon- sie dagegen kaum Aufmerksamkeit. 
servative Kritik am Kapitalismus, die in der Heimatschutzbewe- za . . . ; | ra 
gung die Zerstörung der „romantischen” Landschaft ins Visier Hierin wird deutlich, daß beide Seiten von einer spiegelbildlich 
nahm, nur als „reaktionäre” Verteidigung eines gesellschaftlichen verkehrten Utopie ausgingen, einmal auf die Zukunft, das andere 
status quo zu verstehen, stand sie doch in durchaus polemischem Mal mn die Vergangenheit projiziert. Diese Spiegelung ‚vermittelte 
Verhältnis zur gesellschaftlichen Wirklichkeit. Von den etablierten das B ild einer lebenswerten Gesellschaft, von dem aus die schlecht Sl 
Mächten, d. h. von den tatsächlich Maßgeblichen in Industrie, Wirklichkeit identifiziert und kritisiert werden konnte. Sie schnitt 
Landwirtschaft und Bürokratie wurde sie belächelt, ihre Vertreter j°40Chjeweils einen Teil der Realität ab; er blieb im Dunkel, außer- 
diskriminiert, wenn nicht verfolgt. So überrascht es nicht, daß der halb der Projektion, und konnte daher auch in der zeitgenössischen 
Bund der Industriellen 1911 eine „Kommission zur Beseitigung der RCalität nicht ausgemacht werden. 
Auswüchse der Heimatschutzbestrebungen” einsetzte. Umweltzerstörung, Landschaftsverschandelung, Verunstaltung 
Betrachtet man das politische Spektrum in Deutschland zu An- der Städte und Ausrottung von Pflanzen und Tieren waren „links” 
fang dieses Jahrhunderts, so kann man beobachten, daß sich eine keine Themen®; umso deutlicher wurden sie „rechts” aufgenom- 
neue Kritikfront gegen den Kapitalismus bildete, die neben die älte- men. Das gesamte Panorama der Kritik an Landschaftszerstörung 
re soziale oder sozialistische trat, diese ergänzte, jedoch von entge- als Moment einer umfassenden Kulturvernichtung entfaltete Lud- 
gengesetzten Voraussetzungen ausging. In gewisser Weise handel- wig Klages in einer Rede, die an 1913 auf dem Hohen Meißner ver- 
te es sich hierbei um eine Transformation des älteren „romanti- sammelte Anhänger der Jugendbewegung gerichtet ist. 
schen” Antikapitalismus, jedoch mit dem Unterschied, daß die hei- Eine Verwüstungsorgie ohnegleichen hat die Menschheit ergriffen, die ‘Zivilisation’ 
matschützlerische Position kein Bündnis mehr mit ,konservativen” trägt die Züge entfesselter Mordsucht, und die Fülle der Erde verdorrt vor ihrem gifti- 
Agrariern eingehen konnte. Ästhetisch-kulturelle und soziale Op- fr emieh er Than menmenhang zwischen Menschenschöpfung und 
position waren im Vormärz noch vielfach miteinander verbunden, Dieselben Schienenstränge, Telegraphendrähte, Starkstromleitungen durchschnei- 
war doch die „soziale Frage” ursprünglich eine konservative Ent- den mit roher Geradlinigkeit Wald und Bergprofile, sei es hier, sei es in Indien, Agyp- 
deckung, die gegen die heraufziehende bürgerlich-kapitalistische —  Ansgmrtr ame, die Bleichen grauen vielstöckigen Mictskasernen reihen 
Epoche ausgespielt werden konnte. Im Laufe des 19. Jahrhunderts Tätigkeit entfaltet; bei uns wie anderswo werden die Gefilde ‘verkoppelt”, d. h. in 
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ken, namentlich der Sozialdemokratie (wenn auch der Einfluß der Forsten von ehedem hat ungemischten Beständen zu weichen, soldatisch in Reihen 
konservativen Sozialpolitik nicht unterschätzt werden sollte.) Da gestellt und ohne das Dickicht des ‘schädlichen’ Unterholzes; aus den Flußläufen, 
die Linke aber den technischen Fortschritt und die Industrialisie- Welche einst in labyrinthischen Krümmungen zwischen üppigen Hängen glitten, 
% x SE nr macht man schnurgerade Kanäle; die Stromschnellen und Wasserfälle, und wäre es 
rung mit der Rezeption des Mar xismus zunehmend positiver sah, selbst der Niagara, haben elektrische Sammelstellen zu speisen; Wälder von Schloten 
blieb die Kritik an der kulturellen Überformung der Lebenswelt steigen an ihren Ufern empor, und die giftigen Abwässer der Fabriken verjauchen das 
durch die Rationalität des Kapitalismus und durch die moderne Ra Kita echten Wer het VE Sb EOS 
Technik zunächst marginal, wurde sie nur von wenigen konservati- schritt) trifft es in allen seinen Erscheinungsformen, rodet Wälder, streicht die Tierge- 
ven Außenseitern vertreten. schlechter, löscht die ursprünglichen Völker aus, überklebt und verunstaltet mit dem 
Dies änderte sich um die Jahrhundertwende. Nun entstand ein OUT UM NIREE SInIE den N SEHE RE Zu Werra  OaIeten Gran 
neuer kritischer Konservatismus, in dessen Umkreis auch die Hei- stande eines schrankenlosen Beutehungers ”” 
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