Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

Konservative Zivilisationskritiker, Heimat- und Naturschützer _stigen, die unserer Zeit ihren Stempel aufdrücken.” „Anders als durch eine Mehrung 
hofften zum großen Teil, die Tendenz zur Zerstörung der heimatli- °rMinderwertigen auf dem Wege der Fortpflanzung läßt sich die allerorts beobach- 
chen Landschaft umkehren kö „Ende .d 7 tete Erscheinung, daß unsere gesamte Umwelt ständig trüber und häßlicher wird und 
5 zu können. Ende der zwanziger Jahre immer dympfere und stumpfere Züge annimmt. in ihren tieferen Ursachen nicht er- 
glaubten nicht wenige von ihnen, die nationalsozialistische Bewe- klären.” 
En N ON N EIN von „Heimat”, „Blut und Bo- Solche rassentheoretischen Argumentationen lagen seit der Jahr- 
ee Le ken Tem der ad hundert wende gewissermaßen auf der Straße und konnlen zur un 
5 > ® 1 versalen Erklärung beunruhigender Prozesse verwandt werden, zu- 
N Een en Prozesses der Verstädterung, nach effektivem mal sie schlechthin unbeweisbar waren und deshalb mit ihnen be- 
Eh On S OO nn natürlichen Biotopen und ge- liebig hantiert werden konnte. Die Rassentheorie bildete bekannt- 
; N A EA 7 . Dan lich auch den Kern der nationalsozialistischen Weltanschauung 
Als ein Beispiel dafür, welche Faszination die nationalsozialisti- doch sollte man nicht übersehen, daß diese Theorie zahlreiche 
sche Ideologie für Heimatschützer besitzen konnte, soll der Vorsit- (anthropologische, rassenhygienische oder antisemitische) Varian- 
zende des Bundes Heimatschutz, Paul Schultze-Naumburg ge- ten besaß. Schultze-Naumburg glaubte wie Hitler und viele andere 
nannt werden, Er hatte über einen Zeitraum von mehr als zwanzig 7 eitgenossen daran, die Geschichte der Gesellschaften und Staaten 
Jahren hinweg mit wachsendem Entsetzen die Veränderungen in se; Jetztlich als eine Geschichte der Rassenkämpfe zu erklären. Aus 
Stadt und Land beobachtet, die der industrielle Aufstieg Deutsch- dieser Ideologie konnten freilich recht unterschiedliche Konse- 
lands Mt sich brachte und hatte sie in seiner Buchserie „Kulturar- auenzen gezogen werden - sie reichten vom kulturpessimistischen 
beiten” dokumentiert. Absicht dieser Publikation war es, einen Quietismus bis zum Genozid 
Sinn für die Harmonien der traditionellen Landschaft und der orga- Schultze-Naumburg setzte schließlich Ende der zwanziger Jahre 
nischen Ensembles von Siedlungen zu wecken. Hinter seinen Be- ‚wie manche andere Heimatschützer seine ganze Hoffnung auf den 
mühungen stand die Vorstellung, es sei möglich, das natürliche S;eg der nationalsozialistischen Bewegung, von der er eine radikale 
Schönheitsempfinden der Menschen neu zu beleben, indem gute {Jmpkehr erwartete. Ähnlich verhielt sich auch WaltherSchoenichen, 
Vorbilder gezeigt wurden, die sich an die Tradition des ländlich- der spätere Direktor, der 1935 im Zusammenhang mit dem neu ver- 
regionalen Bauens anlehnten. A abschiedeten Reichsnaturschutzgesetz eingerichteten Reichsstelle 
Seinen Anregungen blieb aber ein wirklicher Erfolg versagt. ES für Naturschutz. Er zitierte 1933 in der Zeitschrift „Naturschutz” 
gelang der Heimatschutzbewegung nicht, eine wirkliche Richtungs- dqen Leitsatz Hitlers: „Das deutsche Volk muß gereinigt werden” 
änderung zu bewirken und die Gestalt der Landschaft im Sinne der vynd schloß daran die Frage an: Und’die deutsche Landschaft?” 
Heimatutopie zu retten. Die Verschandelung von Stadt und Land, Sschoenichen reklamierte die Einlösung der Forderungen des Na- 
die Naturzerstörung und industrielle Überformung ging unaufhalt- +1rschutzes, weil er dachte, der Nationalsozialismus gehe tatsäch- 
sam weiter, da halfen keine Appelle, keine Broschüren und keine ich an die Verwirklichung der völkischen Heimatutopie. 
Festreden. Es drängte sich der Eindruck auf, daß eine sehr elemen- Hier unterlag er allerdings einer fundamentalen Fehleinschät- 
tare Kraft am Werke sein mußte, die diese Zerstörung bewirkte: „ung, der auch heute noch viele unterliegen, die meinen, beim Na- 
ET N en A um va ME ... Waren tionalsozialismus habe es sich in erster Linie um eine „romanti- 
Natur, so ist heute einer Pilzsaat gleich ins DS Welt Von ays dick losen  Phystoune- sche”, volkstümliche Blut-und-Boden-Bewegung gehandelt. Diese 
mie aufgegangen, die nicht allein selbst trostlose Dumpfheit und Gleichgültigkeit auf ideologischen Elemente gab es zwar durchaus und sie sicherten ihm 
en a SE Aayıch in ihrem hemmungslosen Wachstum die Natur be. die Loyalität vieler konservativer Zivilisationskritiker, die sich von 
® ihm eine antikapitalistische Wende versprachen. Die tatsächliche 
Die Bemühungen, daran etwas zu ändern, waren offensichtlich auf Priorität des Nationalsozialismus lag jedoch in der politischen 
keinen fruchtbaren Boden gefallen. Nicht alle Menschen nahmen Machtentfaltung zu zwei Zwecken: der Eroberung neuen Lebens- 
Anstoß an den Monstrositäten der industriell durchgestalteten raums und der Ausschaltung des Judentums. Alles übrige war dem 
Welt; es war nur eine Minderheit, der sie überhaupt auffielen und nur taktisch zugeordnet; es verstand sich daher von selbst, daß tech- 
die unter ihnen litt. Keine Belehrung, kein Hantieren mit gutenund nische und industrielle Potenzen enorm zu steigern waren, denn 
schlechten Beispielen hatten geholfen; es schien sich um „ur- Wie sonst sollte ein moderner Krieg gewonnen werden können? 
sprüngliche Gegensätze im Fühlen” zu handeln. Aber wie war das Die Realität des nationalsozialistischen Regimes zeigte bald, daß 
zu erklären? die heimatschützlerischen wie so viele andere Erwartungen ent- 
Schultze-Naumburg hatte ja früher, ganz im Sinne des romanti- täuscht wurden. Industrialisierung und Mechanisierung der Land- 
schen Begriffs von Volk und Heimat, die stilistische Geschlossen- wirtschaft gingen weiter, der Arbeitsdienst wurde auf die Ödgebiete 
heit traditioneller Siedlungen, die harmonische Einheit von Land- 1losgelassen, die Städte wuchsen und die traditionelle Regionalkul- 
schaft und Bauten aus einem kollektiven Sinn für Schönheit herge- tur wurde nachhaltig zerstört und gleichgeschaltet, wenn dies auch 
leitet, daraus, daß sich die Volksseele in einer wohlproportionierten folkloristisch drapiert wurde. Von seinem Ergebnis her war der Na- 
und unverwechselbaren Physiognomie ausdrückte. Diese Einheit- tionalsozialismus eine technokratische Bewegung in romantischem 
lichkeit schien nun abhanden gekommen zu sein; die Disproportio- Gewand. 
niertheit der Umwelt rührte aus einer neu aufgetretenen inneren Mit dem Sieg des Nationalsozialismus wurde das komplementä- 
Spaltung im Gefühlsleben des Volkes, aus der modernen Zerrissen- re Muster obsolet, das die Wahrnehmung der Kapitalismuskritiker 
heit seiner Mentalität. geleitet hatte. Wir haben gesehen, daß die Natur- und Heimat- 
Dies war ein Befund, der einem Anhänger des völkischen Ideals Sschutzbewegung ihre Sensibilität für verwüstende Auswirkungen 
schwer zu schaffen machen mußte. Eine solche fundamentale Um- der Industrialisierung vor der Folie einer konservativen Utopie ent- 
wälzung mußte eine sehr elementare Ursache haben. Die gängige wickelt hatte. Umgekehrt hatte der Mythos vom Fortschritt den 
Rassentheorie bot eine Lösung: „Das Volk selbst hat sich in seiner Blick der Gesellschaftskritiker für Privilegien, Ungerechtigkeiten 
Art, seinen Erbanlagen geändert oder doch verschoben.”” Die und soziale Herrschaftsverhältnisse geschärft. Der Nationalsozialis- 
Umweltverschlechterung hatte also eine unmittelbare biologische mus nahm die konservative Utopie im Blut-und-Boden-Mythos 
Ursache, sie entsprang einer Verschlechterung der Rasse. auf, formulierte sie jedoch rassentheoretisch, antisemitisch und letzt- 
Schultze-Naumburg folgte hier dem verbreiteten Muster der ras- lich auch technokratisch um, so daß sie zur Legitimation einer 
senhygienischen Theorie, wonach der medizinische Fortschritt, die Praxis verwandt werden konnte, die im totalen Krieg und im Völ- 
zunehmende Hygiene im Alltag sowie die staatliche Armenfürsor- kermord kulminierte. Die Kritik daran konnte im Grunde nur noch 
ge die Mechanismen der natürlichen Auslese aufgehoben hatten, 9 links kommen, weil die Rechte, selbst wenn sie die nationalso- 
wodurch sich rassisch Minderwertige fortpflanzen und vermehren Zialistischen Verbrechen nicht billigte, keinen Bezugspunkt mehr 
konnten. Dies führte zu einer Verschlechterung der völkischen hatte, von dem aus sie Kritik äußern konnte. Für die Linke waren 
Substanz und es war dann nur folgerichtig, wenn sich diese auchin Natur- und Landschaftsschutz jedoch weiterhin „rechte”, wenn 
der Gestalt der Umwelt ausdrückte: nicht „faschistische” Themen. 
Der Grund für die flaue Physiognomie unserer allgemeinen Umwelt ist die über- Lange hatte es den Anschein, als habe der Rekurs auf Natur und 
mäßige Vermehrung der Unschöpferischen, der Gestalt- und Farblosen, der Halb- Landschaft seine Legitimität verloren. D 16 Zivilisationskritik, die 
und Viertelmenschen. der Schönheitsarmen und deshalb auch nicht Schönheitsdur- Sich an der Utopie von Volk und Heimat orientierte, teilte die mora- 
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