Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

Gert Gröning, Joachim Wolschke 
EIN ‚STANDORT- 
GERECHTER’ BEITRAG 
Himmler erläutert Hess das Modell 
eines ”Schwarzwaldhofes”, wie es für 
die Gebirgsgegenden in den 
"”eingegliederten Ostgebieten” 
geplant war 
(Bundesarchiv Koblenz} 
Mit diesem Beitrag" soll die Diskussion in ARCH* um nationalsozia- auch intensiv mit Planungen im Osten beschäftigte: „Wenn der 
listische Eroberungspolitik und die Funktionalisierung sog. wertfreier Osten Heimat für Deutsche aus allen Gauen werden und wenn er 
unpolitischer Planungsdisziplinen für die nationalsozialistische Er- ebenso blühen und schön werden soll wie das übrige Reich, so 
oberungspolitik fortgesetzt werden. Der Schwerpunkt der bisherigen genügt es nicht, die Städte von den Folgen polnischer Wirtschaft zu 
Auseinandersetzung (siehe dazu 71 ARCH”, 1983, S. 58 ff) lag dabei befreien und saubere, gefällige Dörfer zu bauen; dann muß auch 
auf Bereichen wie Architektur, Stadtplanung oder Raumordnung; die die Landschaft wieder eingedeutscht werden” (Seifert 1941: 108). 
Entwicklung der Landschaftsplanung wurde explizit nicht themati- Für eine systematische Planung in den Ostgebieten - und damit 
siert. Im Bereich der Landespflege selbst ist die landschaftsplanerische auch für die Entwicklung der Landespflege - ist aber nicht so sehr 
Tätigkeit während des Nationalsozialismus und speziell in den „ein- die Tätigkeit der Landschaftsanwälte unter Todt, sondern die Tätig- 
gegliederten Ostgebieten”, d.h. den von Polen während des Zweiten keit eines landespflegerischen Arbeitsstabes unter dem Reichsfüh- 
Weltkriegs geraubten Gebieten, bis heute, 40 Jahre nach der Befreiung rer SS, Heinrich Himmler, von Bedeutung”. Ein geheimer Führer- 
vom Nationalsozialismus, weitgehend tabuisiert geblieben. Die Hin- erlaß vom 7. 10. 1939 betraute Himmler als „Reichskommissar für 
tergründe für diese Tabuisierung sind u.a. in personellen und inhalt- die Festigung deutschen Volkstums” (im folgenden RKF abge- 
lichen Kontinuitäten zwischen dem Nationalsozialismus und den kürzt) mit den folgenden Aufgaben: 
ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik zu suchen. 1. Die Zurückführung der für die endgültige Heimkehr in das 
Reich in Betracht kommenden Reichs- und Volksdeutschen im 
‚Planungsgrundlagen’ in den „eingegliederten Ostgebieten” Ausland, 
Das durch die am 28. 9. 1939 vereinbarte deutsch-sowjetische 2. die Ausschaltung des schädigenden Einflusses von solchen 
Demarkationslinie an Deutschland gefallene Gebiet wurde von der volksfremden Bevölkerungsteilen, die eine Gefahr für das 
Administration der Nationalsozialisten aufgeteilt in die „eingeglie- Reich und die deutsche Volksgemeinschaft bedeuten, | 
derten Ostgebiete” (als Zone der Neuordnung und Eindeutschung) 3. die Gestaltung neuer deutscher Siedlungsgebiete durch Um- 
und das Generalgouvernement (als Zone der Abkapselung und siedlung, im besonderen durch Seßhaftmachung der aus dem 
Ausbeutung von Polen und Juden) (vgl. Broszat 1961:32). Sollte Ausland heimkehrenden Reichs- und Volksdeutschen” (Bundesar- 
das Generalgouvernement die aus den einzugliedernden Gebieten chiv Koblenz, im folgenden BAK abgekürzt, R49/2, fol. 3). 
vertriebenen Menschen aufnehmen und als riesiges Arbeitslager Von diesem Aufgabenkatalog muß Himmler die unter 3. genannte 
dienen (vgl. a.a.O.: 24), so kam den „eingegliederten Ostgebieten” „Gestaltung neuer Siedlungsgebiete” mit besonderem Engagement 
die Aufgabe zu, so schnell wie möglich ‚eingedeutscht’ zu werden, angegangen haben, eine Tatsache, die in der bisherigen Geschichts- 
um als neuer Siedlungsraum für deutsche Siedler aus dem ‚Alt- forschung weitgehend unberücksichtigt geblieben ist. 
reich’ und Volksdeutsche aus dem Ausland zu dienen. Dieses Ge- Die „Gestaltung neuer Siedlungsgebiete” bedeutete eine bis dahin 
biet von ca. 90 000 qkm und 10 Millionen Einwohnern wurde unbekannte Aufgabe, für die es kein Vorbild gab. So betont Himm- 
untergliedert in die Reichsgaue Posen (ab 29. 1. 1940 Reichsgau ler auch das Revolutionäre dieses Vorgangs; „Die Umsiedlung 
Wartheland) und Danzig-Westpreußen sowie die Regierungsbe- erfolgt aus Grund (vermutlich: auf Grund, d. Verf.) neuester For- 
zirke Zichenau (Süd-Ostpreußen, ein Gebiet mit damals weniger schungsergebnisse und wird revolutionäre Ergebnisse erbringen, 
als 2% deutscher Bevölkerung) und Kattowitz (Oberschlesien) (vgl. weil sie nicht nur Volkstumskontingente verpflanzt, sondern auch 
a.a.O.: 34fD). die Landschaft völlig umgestaltet wird” (BAK, R49/20, fol. 29, Ab- 
In den „eingegliederten Ostgebieten” sahen führende Vertreter schrift vom 22. 10. 1940). Auch Meyer, der Leiter der Planungsab- 
der Landespflege ein schier unerschöpfliches Aufgabenfeld,indem teilung Himmler’s, ahnt Umwälzendes: „Die Größe und weltge- 
sich vermeintlich die Möglichkeit bot, Landschaft in idealtypischer schichtliche Einmaligkeit unserer künftigen Aufgabe muß uns 
Weise als Lebensraum des deutschen Volkes zu gestalten. Dies ebenfalls befähigen, schöpferisch zu neuen Formen und Gestaltun- 
klingt z.B. bei Seifert an, der sich als „Reichslandschaftsanwalt” gen zu kommen” (Meyer 1942: 208). In einer authentischen, aller- 
unter dem Generalinspektor für das deutsche Straßenwesen, Todt, dings nicht autorisierten Selbstbiographie Meyer’s wird ausdrück- 
A6
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.