Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

Erich Konter 
DIE STAÄDTEBAULEHRE AN DER 
EINE STUDIE ZUR KONTINUITÄT UND DISKONTINUITA T DER 
STADTEBAULEHRE IN BERLIN 
Offensichtlich unterliegt die Beschäftigung mit unserer jüngeren nern” (Leitl) und von städtebaulichen Entwürfen aus Zeiten, in 
Vergangenheit bestimmten Konjunkturen. Eingebettet in eine denen „für den Fall des unbezweifelbaren Endsieges” geplant 
scheinbar allgemeine Tendenz der Rückbesinnung auf selektivaus- wurde (Wolff), weisen in die gleiche Richtung®; sie bezeugen, daß 
gewählte, aus ihrem konkreten historischen Zusammenhang geris- die „Tradition und geistige Kontinuität aus der Zeit vor 1933” - ich 
senen Geschichtchen und Traditionen hangelt sich das neue „Ge- möchte behaupten - im „Dritten Reich” teils modifiziert. teils DO- 
schichtsbewußtsein” von Jahrestag zu J ahrestag. Gegenüber einem tenziert, keineswegs abgebrochen waren. 
solchen „Geschichtsbewußtsein”, das Geschichte zu überwältigen In diesem „Klima” der ersten Restaurationsphase, das sich in den 
und auszubeuten trachtet, hat’es eine kritische Analyse von Ge- Westsektoren Berlins aufgrund seiner besonderen geopolitischen 
schichte zunehmend schwerer, sich deutlich abzugrenzen. Unter Situation von dem in den Westzonen nur graduell unterschied, voll- 
einer kritischen Analyse von historischen Ereignissen und Tenden- zog sich der Wiederaufbau der Technischen Hochschule Berlin. 
zen verstehe ich ein von der Einheit von historischem und gegen- Nach Vorarbeiten einer von der britischen Besatzungsmacht einge- 
wartsbezogenem Denken geprägtes Herangehen an Historisches setzten Kommission wurde die Hochschule im April 1946 wieder 
als notwendige Dimension einer tieferen Erkenntnis gegenwärtiger eröffnet. Erst nach der endgültigen Spaltung der Stadt 1948 bildete 
Ereignisse und Tendenzen und als Voraussetzung zur Entwicklung der britische Militärgouverneur einen Ausschuß für die Erarbei- 
von Fähigkeiten für eine alternative, verändernde Praxis”. Ist eine tung einer Hochschulreform mit dem Ziel: „Fort mit dem Speziali- 
solche Beschäftigung mit Geschichte grundsätzlich unabhängig _stentum, hin zum gebildeten und menschlich-sittlich qualifizierten 
von Jahrestagen bestimmter historischer Ereignisse, so unterliegen Ingenieur”. Diese Forderung gründete auf den jüngsten Erfahrun- 
die Möglichkeiten der Veröffentlichung ihrer Ergebnisse jedoch gen mit den allzeit bereiten „Fachmännern” und mit der vermeint- 
mehr oder weniger diesen Konjunkturen und der durch sie gesetz- lich unpolitischen Technokratie. Die organisatorischen Grundla- 
ten Aktualität. gen dieser Reform wurden aber erst 1950 mit der Konstituierung 
An Aktualität hat gegenwärtig nun wieder die Genese der Bun- einer „Humanistischen Fakultät” geschaffen - die Technische 
desrepublik und Westberlins gewonnen. In diesem Zusammen- Hochschule heißt seitdem Technische Universität. Zu dieser Zeit 
hang ist festzustellen, daß die Falsifikation der von politisch interes- war aber die Rekonstruktion der Fakultäten im Großen und Gan- 
sierten Kreisen und Apologeten bundesrepublikanischer Geschichts- zen schon abgeschlossen. Der Wiederaufbau der Fakultät für Archi- 
schreibung immer wieder postulierten Hypothese von der „Stunde tektur wurde begleitet von einer ausgedehnten Fachdiskussion um 
Null” durch die Ergebnisse ernstzunehmender Geschichtsforschung die Architektenausbildung, an der „Fachgenossen” aller politisch- 
seit den 70er Jahren eine breitere Akzeptanz erfahren hat; neben und fachideologischer Schattierungen beteiligt waren, sowohl die 
sicherlich vorhandenen Diskontinuitäten sind in fast allen gesell- alten „Fachmänner” als auch die aus der äußeren und „inneren” 
schaftlichen Bereichen personelle wie inhaltliche Kontinuitätenzur Emigration zurückgekehrten. Auf der Folie des traditionellen 
„Vorgeschichte” der Bundesrepublik und Westberlins aufgespürt Berufsbildes des „freischaffenden Architekten” als „Baukünstler”, 
worden. Diese Feststellungen gelten uneingeschränkt auch für die „Dirigent” oder als „Ordner ... sozialer, technischer und wirtschaft- 
Bereiche der Architekturproduktion, des Städtebaus, der Raumpla- licher Notwendigkeiten” wurden von den Fachgenossen wie schon 
nung, der Berufsorganisationen und ihrer Politiken. Dabei schie- vor dem ersten Weltkrieg und in der Zwischenkriegszeit die Spezia- 
nen die Voraussetzungen für einen Neubeginn recht günstig zu lisierung, Akademisierung und die „Verwissenschaftlichung” der 
sein. Zumindest materiell hatte die „Reinigungskraft” des Krieges Architektenausbildung der Kritik unterzogen. Wie schon zu frühe- 
(ein üblicher Begriff der Fachgenossen in der Zwischenkriegszeit)- ren Zeiten waren fast allen Beteiligten gemeinsam die Rückfüh- 
wenn auch nicht überall - Bedingungen geschaffen, zu deren Pro- rung ihrer Grundannahmen auf vermeintlich anerkannte histori- 
duktion ganze Architekten- und Planergenerationen seit der Jahr- sche Grundlagen, vermischt mit üblicher bürgerlicher Kulturkritik 
hundertwende nur partiell imstande waren. Damals glaubten die und Antitechnizismus, und die Forderungen nach stärkerer Praxis- 
Zeitgenossen, nach dem „Zusammenbruch” im „Gefühl der Be- orientierung und Hierarchisierung des Studiums, nach rigoroserer 
freiung” ans Werk gehen zu können, um „die neue sichtbare Welt Auslese und nun neuerdings nach einem „humanistischen Stu- 
unseres Lebens und unserer Arbeit zu bauen”? Die noch 1979 for- dium” für alle®. 
mulierten Thesen, „Krieg und Nationalsozialismus” hätten auch Im Grunde führte der Wiederaufbau der Fakultät für Architektur 
ein „geistiges Trümmerfeld” hinterlassen und „Tradition undgeisti- vor dem Hintergrund der politisch-ideologischen und sozialökono- 
ge Kontinuität aus der Zeit vor 1933 (seien) weitgehend abgebro- mischen Situation und analog zur damaligen architektonischen und 
chen” gewesen”, sind nicht nur durch die neueren Forschungen städtebaulichen Praxis zu einer weitgehenden Restauration der 
widerlegt worden. Die publizierten Auseinandersetzungen in den Lehrstruktur und Lehrinhalte. Dafür bürgte schon die Kontinuität 
späten 40er Jahren z.B. um die „politische Gesinnung des Archi- des Lehrkörpers. Recht deutlich beweisen die Abbildungen in Kra- 
tekten”, um die Wiedereinsetzung der alten „Fachmänner” inihre hes ansonsten recht merkwürdigen Beitrag zur 100 Jahr-Feier der 
einstigen Positionen und um die Vergangenheitsbewältigung der TU Berlin” die personelle Kontinuität an der Fakultät für Architek- 
Fachgenossen lassen vermuten, daß das „geistige Trümmerfeld” tur. Fast alle Ordinarien waren mit Personen wieder besetzt, die 
nicht sehr groß gewesen sein muß”. Die eindeutige Dominanzder schon vor 1945 entweder auf diesen Positionen saßen oder als 
traditionalistischen Architektur in den ersten Nachkriegsjahren”, nebenamtliche Hochschullehrer in diesen Fächern lehrten: Z.B. 
das Wiederaufwärmen der reaktionären Kritik an der „Neuen Sach- KRüster in den Fächern Gebäudekunde/Bauwirtschaft und Ent- 
lichkeit” und das Auftauchen „allzu würdige(r) Nachfahren ... der werfen, Dübbers im Fach Entwerfen/Baukonstruktion, Blunck, 
Hitler-Troost’schen Architektur” (Eckstein) oder von „SA-Män- Tessenow (beide mit Unterbrechung) und Freese im Fach Ent- 
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