Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

nicht oder nur wenig überarbeiten mußte. Die Kompetenz hierfür die Verpflichtung zur Berücksichtigung der materiell-umweltlichen 
hatte er sich in der Zwischenkriegszeit (Privatdozent an der TH Ber- Situation und zur „Erhaltung guter städtebaulicher Einzelheiten” 
lin 1919-1928) durch Untersuchungen und Deskriptionen von gebunden??”. Im Falle seiner „Neugestaltung” des Hansaviertels 
Kleinhäusern, Kleinwohnungsbauten, Kleinsiedlungen und „halb- glaubte er sich befreit von solchen Bindungen. Nun postulierte er 
ländlichen Vorstadtsiedlungen” erworben. Nach 1928 konnte er die „edelste Form der Ordnung” im Städtebau, die aus der „Frei- 
seine Fachkompetenz als kommunaler Angestellter in Kassel und heit” entstehe. Freiheit bedeutete für ihn nicht Bindungslosigkeit, 
nach einem mehrjährigen Auslandsaufenthalt in der Epoche des sondern frei zu sein „zur Erfüllung von Pflichten”; d.h., dem Städte- 
„einheitlichen Bauwillens” als Stadtbaurat wiederum in Kasselauf bau „allseitig gerecht zu werden, seiner technischen Seite, seiner 
Sanierungsfragen und -maßnahmen erweitern”. Dieses städte- wirtschaftlichen Seite, seiner behördlichen Seite und vor allem 
bauliche Konzept, „Gesundung” der Innenstädte, Auflockerung auch seiner menschlichen Seite, auch dem seelischen Wohlbefin- 
der Städte und ländlicher bzw. vorstädtischer Siedlungsbau, wie es den der Städter”?®. 
sich an den fachlichen Interessen und Tätigkeiten der Person Jobst Der Lehre im Fach Städtebau und Siedlungswesen lag, so kann 
konkretisiert, war sowohl den Traditionalisten als auch der „Mo- zusammenfassend formuliert werden, die überkommene Annah- 
derne”, den Ideologen wie den Technokraten, gemeinsam; sie me zugrunde, daß Stadtplanung eigentlich die praktisch-nützliche 
unterschieden sich nur hinsichtlich der gesellschaftspolitischen Zuordnung städtebaulicher Elemente und die Gestaltung des 
oder ökonomischen Begründung und in der städtebaulichen und Zusammenhangs der baulich-räumlichen Elemente in einer Sied- 
architektonischen Form. Seine Verdienste bei der propagandistisch lungseinheit sei; das klassische Berufsbild des Städtebauers wies 
aufgemotzten Innenstadtsanierung in Kassel haben vermutlich demzufolge dem Planenden die Aufgabe zu, diesen Zusammen- 
seine Berufung zum Nachfolger des 1938 emeritierten Hermann hang zu konzipieren und ästhetisch zu gestalten und die ent- 
Jansen an die TH Berlin gefördert (1940). Seine „praxisorientierte” sprechenden Baumaßnahmen zu koordinieren. Die Lehre in die- 
Lehre dürfte sich vornehmlich auf diese Bereiche bezogen haben. sem Fach konnte deshalb nur als Teil der Architektenausbildung 
Diese Schwerpunktsetzung entsprach durchaus den zeitgenössi- begriffen werden und bezog sich auf das Einüben von gestalteri- 
schen Vorhaben zur „Neugestaltung” der Städte auch unter „sozial- schen Fertigkeiten und von Entwurfstechniken im Hauptstudium. 
hygienischen” Gesichtspunkten, zur „Neuordnung des deutschen Erst in der sogenannten Praxis, d.h. der Berufspraxis, sollte 
Lebensraumes” und den begonnenen Ordnungs- und Planungs- sich der Hochschulabsolvent „sozusagen autodidaktisch” (Frick) 
maßnahmen im sogenannten „Ostraum”, der einerseits als Koloni- weiterbilden. Tendenziell in diese Richtung ging auch die Aufga- 
sationsraum für die im „Altreich” überzählige ländliche Bevölke- benstellung des 1950 gegründeten und von den Fakultäten für 
rung und andererseits als Experimentierfeld für die spätere Architektur und Bauingenieurwesen gemeinsam getragenen Zen- 
„Neuordnung des Altreiches” gedacht war. Jobst wurde folgerichtig tralinstituts für Städtebau (Vermittlung zwischen „Praxis” und 
- so scheint es - 1942 als Nachfolger Feders zum Leiter der Hoch- „Wissenschaft”, Nachwuchsförderung im Bereich Städtebau), des- 
schularbeitsgemeinschaft für Raumforschung an der TH Berlin sen erste Direktoren Jobst und Schwenke waren. Wissenschaftliche 
ernannt. Auf die genannten Vorhaben und Aufgaben waren 1940/41 Forschung im Bereich Städtebau und Planung zählte nicht zu den 
die Reichstelle für Raumordnung, die Reichsarbeitsgemeinschaft Aufgaben des Instituts, das bis zur Gründung des Instituts für 
für Raumforschung und die ihr angegliederten Wissenschaften an Stadt- und Regionalplanung 24 Jahre später nominell bestand; 
den Universitäten und Technischen Hochschulen ausgerichtet seine Aktivitäten beschränkten sich hauptsächlich auf die Organisa- 
worden. Im Gegensatz zum Leiter des Instituts für Landschafts- tion und Durchführung von Vorträgen zu städtebaulichen Themen 
und Gartengestaltung der Universität Berlin, H. Wiepking-Jürgens- im In- und Ausland. 
mann, ist eine direkte Beteiligung Jobsts als sogenannter „Ver- Die Gründe für die weitgehende Abstinenz von Forschung an 
trauensarchitekt” o.ä. an den „Ostraumplanungen” bisher nicht der Fakultät für Architektur lagen sicherlich an der traditionell stark 
nachweisbar. Eine Beteiligung scheint mir auch relativ unwahr- ausgeprägten Wissenschaftsfeindlichkeit im Bereich von Archi- 
scheinlich - ich kann mich auch irren, da die entsprechenden Stel- tektur und Städtebau?”, die nach dem Kriege aus naheliegenden 
len, der „Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volks- Gründen wieder Hochkonjunktur hatte, und an der Perpetuierung 
tums” (Himmler) und der „Minister für die besetzten Ostgebiete” dieser Einstellung zu Wissenschaft und Forschung und die Fähig- 
(Rosenberg), über eigene, gut ausgestattete Planungsabteilungen keit zur Vermittlung ihrer Ergebnisse in der Lehre waren und blie- 
und -stäbe verfügten, die weitaus effektiver und stromlinienför- ben die Kriterien für die Besetzung von Hochschullehrerposi- 
miger arbeiteten als die unsicheren Kantonisten an den Hochschu- tionen, sondern der Nachweis einer „erfolgreichen Praxis”. Die 
len im „Altreich” und in den besetzten Gebieten; diese bestellten Durchführung privater Aufträge neben der Lehrtätigkeit und/oder 
für die Konkretisierung der Planungen vorrangig Privatarchitekten in Seminaren oder „Meisterateliers” wurden als ausreichend für 
zu „Vertrauensarchitekten”. In der Raumforschung der 40er Jahre „Wissenschaftlichkeit” anerkannt oder gar mit Wissenschaft und 
spielte die Technische Hochschule im Unterschied zur Universität Forschung gleichgesetzt. An Vorstellungen und Versuchen, Stadt- 
Berlin keine Rolle. Demgegenüber tauchten die Namen G. Jobst und Raumforschung an der Abteilung bzw. Fakultät für Archi- 
und H. Freese unter den ständigen Beratern und Referenten des tektur dauerhaft zu etablieren und sie in die Lehre einfließen zu las- 
Speer-Wolterschen „Arbeitsstabes zum Wiederaufbau bombenzer- sen oder mit ihr zu verbinden, hat es nicht gefehlt. 
störter Städte” (1943/44) auf”; zumindest wollte man beim Fortsetzung in 82 ARCH? 
Abstecken der erwartet einträglichen Claims beim Wiederaufbau 
nach dem Endsieg beteiligt sein. In welch merkwürdiger Weise sich VL . Din 
weitgehende Anpassung mit grundsätzlicher Kontinuität in einer N gemeinnütziger ) Verein zur Unter- 
Person verbinden kann - durchaus charakteristisch für eine bedeu- stützung wohnpolitischer Projekte- 
tende Minderheit der Fachgenossen, zeigte Jobsts Wirken nicht nur benötigt zur Bewältigung der vie- 
über alle äußerliche, teils nur scheinbare historische Brüche hin- len Anforderu ngen, die von einzel- 
weg, sondern auch in den folgenden Jahren. Dies ließe sich an sei- nen Wohn-Projekten an uns gestellt 
nem Wettbewerbsentwurf zum Ideenwettbewerb für die Be- werden, neben der fachlichen Mitar- 
bauung des neuen Hansaviertels 1953 (mit Kreuer u.a.) nachvoll- - : ; is 
. . a En 7 beit finanzielle Unterstützung. 
ziehen, der sich mitten im damaligen „Zeitgeist” befand: Zertreten Deshalb bitt 4 Mithilfe 4 
der letzten Reste der alten Stadt und Kreation eines völlig neuen esha E ıtten wir um MIChtITe In 
stadtischen Teilraumes im Stil des „Amerikanismus” (so eine kriti- Form einer Spende auf das, Konto 
sche Stimme aus dem anderen Teil der Stadt, Liebknecht). Es 10.9258.00 bei der Bank für Gemein- 
würde hier zu weit führen, auf diesen Entwurf und seine Modifika- wirtschaft Darmstadt (BLZ 508 101 
tionen hinsichtlich der Anforderungen der geplanten Interbau 11). Wer den WOHNBUND noch nicht 
näher einzugehen. Jobst schien sich selbst seine These in den „Leit- kennt, erhält Informationen über 
sätzen” zu bestätigen: „Die Lebenswärme, die der Künstler seinen die Zentrale: 6100 Darmstadt 
Schöpfungen eingibt, läßt sich nicht reglementieren”. Damals sah Ploenniesstr. 18. Tel 06151-799 45 
er die „künstlerische Phantasie” im städtebaulichen Gestalten an " * . 
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